Nach dem Kongress ist… vor Wroclaw2016

Prof. Adam Chmielewski, Geschäftsführer des städtischen Büros der Europäischen Kulturhauptstadt, über „Wroclaw2016“

Nach dem Europäischen Kulturkongress in Breslau sprach 2010LAB-Autor Markus Krusch mit dem polnischen Philosophen und Geschäftsführer des städtischen Büros der Europäischen Kulturhauptstadt „Wroclaw2016“, Prof. Adam Chmielewski.

 

Herr Professor, war der zurückliegende Kongress für die von Ihnen geleitete Institution hilfreich?

Mehr noch. Der Kongress war sehr wichtig als Plattform, um sich mit den unterschiedlichsten Akteuren verschiedenster Institutionen zu treffen. Es war schon allein ein Erfolg durch den Fakt, dass er hier in Breslau stattfand, denn vielen Menschen ist die Stadt – trotz ihrer Größe, aber auch wegen ihrer wechselhaften Geschichte – nicht bekannt. Es entstand ein Phänomen, eine gewisse Aura der Unklarheit. Breslau war beispielsweise immer am Rand Deutschlands, wenn man es so betrachtet.

 

… und konnten Sie es etwas in den Mittelpunkt rücken? Können Sie diesbezüglich Projektbeispiele aus dem Rahmen „Wroclaw2016“ nennen?

Wie Sie ja wissen, befinden sich 25% aller Schlösser und Paläste Polens in Niederschlesien. Es ist auch Aufgabe von uns, auf dieses Kulturgut – also die teilweise vernachlässigten Baudenkmäler – hinzuweisen. Wir sind z.B. auch auf der Suche nach Mitteln für das Programm "Beauty inside". Unansehnliche Blocks in der Umgebung des Marktplatzes – vergleichbar den Blöcken in der ehemaligen DDR – werden durch Kunstwerke verschönert.

Es geht darum, gesellschaftliche Ausschließungen zu vermeiden, da das gemeinsame Auftreten als und für „Wroclaw2016“ auch eine unserer Aufgaben ist. So existiert bereits ein Programm „Zum guten Start“, innerhalb dessen ein Buchpaket und ein städtischer Bibliotheksausweis an junge Familien ausgegeben werden. Sie sehen, ein langer Prozess hin zu 2016. Aber es hört in diesem Jahr dann weder auf, noch fängt es dann erst an.

 

Ist dann der Europäische Kulturkongress 2011 und „Wroclaw2016“ als ein historischer Bogen zu betrachten?

In gewisser Weise stehen sie in einer Klammer. Für das Jahr 2016 ist nochmals ein Kongress geplant. Wir möchten die Möglichkeit nutzen, darüber zu sprechen, wie es weiter geht, speziell in so unsicheren Zeiten, da negative Einflüsse sich schlussendlich auch auf die Kultur auswirken. Man kann also auch sagen, dass unsere Programme vor allem deswegen einen gesellschaftlichen Charakter haben, da wir ein entscheidendes Detail entdeckt haben, nämlich den Umstand, dass etwa ein Deutscher jährlich ca. 1.600 Euro für Kultur ausgibt, ein Pole jedoch nur 300 Euro. Wir wollen, dass die Leute wegkommen vom reinen Kulturkonsum, hin zu einer aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Kulturleben. Eine durchaus ehrgeizige Aufgabe für die nächsten Jahre, auch vor dem Hintergrund der augenblicklichen Krise, da sie beispielsweise eine dauerhafte Arbeit mit Sponsoren erschwert.

 

Welche Einflüsse sind Ihrer Meinung nach noch entscheidend, wie ist z.B. konkret der Einfluss anderer Kulturhauptstädte auf Ihre Arbeit?

Wir kommen gerade von einem Treffen aller alten und augenblicklichen Kulturhauptstädte zurück und ich muss Ihnen sagen: Wir sind dort sehr herzlich empfangen worden. Wir stehen in Kontakt mit anderen Repräsentanten, auch, um von deren Erfahrungen zu profitieren.

Wir möchten auch auf das Fachwissen anderer Ländern zurückgreifen können. Wichtig ist hierbei für uns zum Beispiel, dass unser Partnerland Spanien ist. Es mag zur dortigen Kulturhauptstadt San Sebastian zwar einen geografischen Abstand geben, aber Themen verbinden uns.

Ein wichtiges Projekt,  das wir realisieren wollen, hat den Titel Grenzen (un)sichtbar. Die „sichtbaren“ Grenzen zu überschreiten ist sehr einfach, die unsichtbaren, wie sprachliche, kulturelle und religiöse hingegen sehr schwer. Und wie gesagt, um zu verhindern oder auszuschließen, rede ich von Grenzen als etwas, das wir überwinden wollen.

 

Wenn das alles verwirklicht wird – droht der Stadt vor diesem Hintergrund nicht eine Kommerzialisierung der Kultur?

Richtig, wir haben das auch bemerkt und das beunruhigt uns durchaus. In unserem Programm legen wir das Hauptaugenmerk auf den gesellschaftlichen Aspekt, wie sie an den fünf Hauptpunkten unseres Programms sehen können. Ein Großteil der Programme hat einen nicht-kommerziellen Charakter, obwohl ich auch sagen muss, dass das Interesse von Sponsoren geweckt ist, die solche Veranstaltungen zu schätzen wissen und sich in ihren Geschäften diesbezüglich nicht auf Gewinn konzentrieren, sondern auf die soziale und gesellschaftliche Verantwortung, was eine solche Unternehmung auch bedeutet.

Ich habe die Hoffnung, dass einige Firmen durchaus sponsern wollen, auch wenn sie wissen, dass sie damit nichts verdienen, aber den Menschen helfen werden. Solches sind Projekte, die es Menschen mit geringeren Einkommen gestatten sollen, an kulturellen Veranstaltungen teilzuhaben. Im Hintergrund immer vor Augen habend, dass die anfangs angesprochene Unklarheit überwunden werden soll und Kultur nicht etwas Rätselhaftes bleiben wird.

Mi, 07.12.2011 0

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