Museum am Ostwall zieht ins Dortmunder U - Kurt Wettengl im Interview

Das Museum am Ostwall, kurz MO, bereitet sich auf den Umzug und die Wiedereröffnung im "Dortmunder U" vor. Ein Gespräch mit Museumsleiter Kurt Wettengl.

Kurt Wettengel, Leiter des MO, Foto: Kurt Wettengel

Das Museum Ostwall sollte eigentlich im Mai an neuer Wirkungsstätte – im Dortmunder U – wiedereröffnet werden. Wie ist der jetzige Stand der Dinge?

Kurt Wettengl: Die Umbauarbeiten verzögern sich, so dass das U ab Mai nach und nach in einem langen „Prolog“ bis Oktober eröffnet wird. Für uns bedeutet dies, dass wir unsere Sammlungspräsentation „Das Museum als Kraftwerk“ Ende September eröffnen können.

Was wird sich durch den neuen Standort für das MO verändern?

Kurt Wettengl: Das MO präsentiert seinen wertvollen Bestand im Kulturhauptstadtjahr gänzlich neu. Ein Museum über den Dächern der Stadt, in einem ehemaligen Industriegebäude der 1920er Jahre – das ist in der deutschen Museumslandschaft etwas Besonderes.
Wir präsentieren zukünftig in der vierten und fünften Etage des Dortmunder U die Sammlung des MO. Daneben bieten digitale Medienstationen abrufbare Hintergrundinformationen zu den Künstler/innen und Kunstwerken. Zu den Neuerungen gehört auch das „Archiv der Zukunft“, an dessen Entstehung die Besucher beteiligt werden. Ebenfalls neu ist der MO Lautsprecher, ein Raum auf Ebene vier, in dem mit Blick auf die Stadt Soundarbeiten gehört werden können.
Die variable Fläche auf der sechsten Ebene bietet uns zudem Möglichkeiten für wechselnde Ausstellungen.

Das Dortmunder U soll im Kulturhauptstadtjahr eine besondere Rolle spielen. Wie sehen Sie persönlich das Gesamtkonzept dieses Zentrums?

Dortmunder U, wenn es fertig ist.Kurt Wettengl: Ich möchte diese Frage aus der Perspektive des Museums Ostwall beantworten: Als MO werden wir dort unsere in den letzten Jahren ausgebaute Zusammenarbeit mit der TU und der FH Dortmund sowie dem MedienKunstVerein Hartware fortsetzen können. In der räumlichen Nähe zu verschiedenen künstlerischen und wissenschaftlichen Institutionen, dürfte der größte kulturelle Mehrwert liegen, der sich aus dem Umzug ergeben kann.

In einem früheren Interview bemängelten Sie, dass sich der Etat für die verschiedenen Museumsbereiche erhöhen müsste. Wurde der Etat mittlerweile verändert?

Kurt Wettengl: Nein. Im Kulturhauptstadtjahr erhalten wir zwar ausnahmsweise städtische Sondermittel für die Eröffnungsausstellung, aber das MO soll mit dem bisherigen städtischen Jahresetat in das Dortmunder U gehen. Diese Mittel waren schon für den alten Standort eindeutig zu niedrig bemessen.
Im gesamten wissenschaftlichen Bereich habe ich nur eine festangestellte Kollegin. Zeitverträge von drei Kunsthistorikerinnen laufen ab Mai aus. Nicht nur angesichts des Neustarts im Dortmunder U sind dies keine personellen und finanziellen Strukturen, die die Weiterentwicklung eines Museums fördern oder auch nur die kontinuierliche Arbeit an der Sammlung und an Ausstellungen gewährleisten.

Bleiben Kultur und Kunst, gerade in der jetzigen Wirtschaftslage bisweilen auf der Strecke?

Kurt Wettengl: In den vergangenen Jahren konnten die kulturellen Einrichtungen die Kürzung kommunaler Zuwendungen vielleicht noch durch Sponsoren ausgleichen. Angesichts der defizitären Städtehaushalte, ist es aber absehbar, dass kulturelle Einrichtungen auf der Strecke bleiben werden. Das fürchte ich zumindest. Kultureller Substanzerhalt ist für unsere Gesellschaft jedoch unabdingbar und grundlegend.

Während des Umzugs des Museums Ostwall vergeht insgesamt fast ein Jahr. Wie erleben Sie als Direktor des Museums diese Zeit?

Kurt Wettengl: Die temporäre Schließung eines Museums ist kein Novum. Der Zeitraum ist zwar bedauerlich aber im Vergleich zu anderen Museumsprojekten eher kurz. Die Planung der Architektur, die museologische Entwicklung, der Umzug der Sammlung und die Ausstellungsplanung erfordern ihre Zeit – insofern ist die vorübergehende Schließung eine Notwendigkeit.

Ab Oktober präsentieren Sie vier Monate lang die Ausstellung „Die Bewegung der Bilder“. Was wird den Besucher dort erwarten?

Dortmunder UKurt Wettengl:
Für diese Sonderausstellung konnten wir einen starken Partner gewinnen. Die zusammen mit dem „Centre Pompidou“ aus Paris konzipierte Eröffnungsausstellung, verbindet Meisterwerke aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert mit zeitgenössischer Kunst. Die leitende Frage dabei ist: Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen dem Kino und den anderen Künsten von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis heute?
In der Ausstellung folgt die Ordnung einem spielerischen Szenario: Analog zum Film führt es die Besucher durch einen von filmischen Elementen durchzogenen Ausstellungsraum. Zahlreiche Programme mit Filmen aus der Sammlung des „Centre Pompidou“ ergänzen die Ausstellung.

Ein anderes großes Kunstprojekt des MO – „U-Westend“ startet bereits im Juli. Da soll sich das Gebiet entlang der Rheinischen Straße zu einem neuen Stadtteil verwandeln. Welche Ziele werden mit diesem Projekt verfolgt?

Kurt Wettengl:
Das „Dortmunder U“ wird Mitte dieses Jahres als Zentrum für Kunst und Kreativität
seine Tore öffnen. Die gesamte Umgebung dieses Dortmunder Wahrzeichens ist als Stadterneuerungsgebiet in einem beschleunigten Tempo im Wandel begriffen. Als MO ist es unser Ziel, das Interesse der Anwohnerinnen und Anwohner für das neue Zentrum zu wecken und das „Dortmunder U“ in das Stadtumfeld einzubinden.

Wie darf man sich das vorstellen?

Kurt Wettengl: Bei diesem Mapping-Projekt werden im Rahmen des Kunstunterrichts Schüler ihre Eindrücke vom Stadtteil sammeln und die Rolle der Kulturforscher einnehmen. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Wohnviertel soll das Bewusstsein der jungen Generation für Ihr Umfeld stärken und sie befähigen, Veränderungen städtebaulicher und sozialer Strukturen zu erkennen und zu hinterfragen. Das Gesamtprojekt entsteht mit Kooperationspartnern – dem Kulturzentrum Balou, der TH Dortmund und JAS e. V. (Jugend Architektur Stadt) – ist im Rahmen von „Mapping the Region“ ein Kulturhauptstadtprojekt und mündet schließlich im Juli in einer zweimonatigen Ausstellung im „Dortmunder U“.

Das „U-Westend“ ist also Teil eines Gemeinschaftsprojekts der RuhrKunstMuseen, deren Sprecher Sie sind. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von 20 Ruhrgebietsmuseen. Wozu dient dieser Zusammenschluss?

Kurt Wettengl: Die RuhrKunstMuseen stehen für eine Museumslandschaft mit nationaler und internationaler Ausstrahlung. Ziel ist es, die vorhandenen Sammlungen gebündelt zu präsentieren, die Bildung und Vermittlung zu stärken, sowie Ausstellungsprogramme zu entwickeln, die mit den Mitteln der Kunst die Zukunft des drittgrößten europäischen Ballungsraumes reflektiert. Die Bildung eines dauerhaften Netzwerks ist das gemeinsame Vorhaben. Das Jahr 2010 ist für uns der Anfang.

Was haben Sie damals gedacht, als Essen zur Kulturhauptstadt 2010 ernannt wurde?

Kurt Wettengl: Ich sah und sehe eine große Chance für die Region Ruhr durch die Kulturhauptstadternennung. Kultur und Kreativität sind für mich allerdings keine
Standortfaktoren, sondern die Basis für Erkenntnis und gesellschaftliche Gestaltung.

Gab es seitdem Ernüchterung, aufgrund der abgesagten Eröffnungsfeier, fehlenden Sponsorengeldern oder den Etatkürzungen und –streichungen für viele Projekte?

Kurt Wettengl: Wir mussten in der Vorbereitungszeit mehrmals umdisponieren, da finanzielle
Zuwendungen ausblieben. Durch Mittel der Ruhr 2010 GmbH und der Deutschen Bank, des Landes und der Kommunen und der Eigenleistungen der beteiligten Museen werden nun die Hauptprojekte „Collection Tours“, „Mapping the Region“, unser gemeinsamer Sammlungsführer und die Öffentlichkeitsarbeit inklusive Internetplattform möglich.

Vor mittlerweile fast fünf Jahren haben Sie die Leitung des Museums Ostwall übernommen. Wie sind Sie diese Aufgabe angegangen?

Kurt Wettengl:
Ich kam mit der Aufgabe der Einrichtung des MO im Dortmunder U auf sieben Etagen nach Dortmund. Ein so gewaltiges Museumsprojekt, war politisch letztlich nicht durchsetzbar. – Der Strukturbruch sitzt tief in der Region, Mentalitäten ändern sich langsam. Dies fordert uns als Museum immer wieder heraus. Dass ich nicht nur für die Stadt sondern auch für die Region arbeite, zeigt mein Engagement für die RuhrKunstMuseen. Die positiven Prozesse in diesem Netzwerk, das Engagement aller und die langfristige Perspektive unseres Verbundes motivieren hierzu.

Was hat Sie in diesem Zusammenhang seitdem positiv oder negativ
überrascht?

Kurt Wettengl: Was mich im Ruhrgebiet immer wieder befremdet ist, wie die so genannte Freie Szene gegen die Einrichtungen der so genannten Hochkultur gestellt wird. Die Bedeutung der kommunalen Kultureinrichtungen und deren Offenheit für neue künstlerische und kulturelle Prozesse werden meines Erachtens völlig unterschätzt.

Mal abgesehen von Ihrem eigenen Museum, gibt es Kulturstätten im Ruhrgebiet, die Sie besonders schätzen?


Kurt Wettengl:
Ich besuche regelmäßig das Museum Folkwang und das Konzerthaus in Dortmund, im Bereich der Neuen Musik bietet mir das Konzerthaus Essen interessante Veranstaltungen.

Welche Erwartungen haben Sie für die Zukunft bezüglich Ihrer Arbeit am MO?


Kurt Wettengl:
Wir verstehen uns als kultureller Ort, an dem künstlerische und ästhetische, politische und soziale, architektonische und stadtplanerische Aspekte der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft thematisiert werden. Wir arbeiten unter unserer Leitidee „Das Museum als Kraftwerk“. Bezogen darauf sehen wir die Kunst und das Museum als Produzenten von Energie, als einen Ort, von dem Impulse ausgehen, weil er vielfältige Impulse aufnimmt. Das
Museum soll Speicher und zugleich Ort der Produktivität sein. Wir möchten dies durch Kunstwerke der Sammlung, in wechselnden Ausstellungen sowie in Kursen und Veranstaltungen für alle Generationen und Veranstaltungen realisieren und vermitteln. Hierfür brauchen wir unabdingbar die entsprechenden finanziellen und personellen Ressourcen. Diese sind auch Voraussetzung für die von Politik und Öffentlichkeit gesetzten Erwartungen an ein Museum mit bedeutenden Ausstellungen.


Di, 25.05.2010 0

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Über den Autor

14.01.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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