
Die Neue Nationalgalerie Berlin als "Moscheum"
- Serie: Kunst
Wenn man abends vorbeifährt und durch die Glaswände der Neuen Nationalgalerie im Innern den riesigen Kronleuchter hängen sieht - und ansonsten nichts - ahnt man, dass der schwierig zu nutzende Raum dieses mal durch radikale Reduzierung die Kunst zur Geltung kommen lassen soll: alle Trenn- und Stellwände fehlen, sogar die Kassen wurden dafür ins Untergeschoss verlegt. Denn sonst verliert die Kunst nicht selten gegenüber dem markanten Mies van der Rohe Bau. Einziges Gegenmittel: sich einzufügen, wie es die Textlaufbänder von Jenny Holzer in der Decke seit einigen Jahren tun, oder den Raum mit hohen Wänden oder Vorhängen strukturieren, wie in der großartigen Fotoausstellung von Thomas Demand. Diesmal also Kunst mit dem Raum.
Die neue Innenausstattung
Parallel zur Neuordnung der Sammlung durch den neuen Direktor der Staatlichen Museen zeigt die Neue Nationalgalerie eine Installation und einige Bilder von Rudolf Stingel, einem in New York lebenden Italiener. Die Installation hat keinen Namen, „Stingel LIVE“ liest man lediglich. Sie besteht aus dem Kristallleuchter in der Mitte des Raums und dazu hat der Künstler den gesamten Granitboden der Etage mit einem bedruckten Teppich ausgelegt. Die Musterung ist eine fotografische Verfielfältigung und Vergrößerung eines Orient-Teppichs, schwarz-weiß und pixelig, teilweise unscharf - ungefähr 60x60 Meter.
Orient Teppiche in den typischen bürgerlichen Wohnungen es 19. und 20. Jahrhunderts standen wie Stingel meint „für eine wohldosierte Sehnsucht nach Anderem“. Und genau gegen die vollgestopften, düsteren, holzgetäfelten, mit Teppichen und Büsten und Tüddelkram gefüllten Räume hatte die Bauhaus Künstler wie van der Rohe angebaut - die Neue Nationalgalerie ist so etwas wie die Essenz dieser klaren, prägnanten Architektur, eine Art Schlussstein des Mies van der Rohe Stils. Somit ist die Inszenierung eines Riesen-Wohnzimmers mit ornamentalem Teppichs und gigantischen Kitschleuchter in dem Bauhaus-Bau nicht nur ein schöner Kontrast, sondern er fügt Kunst und Gebäude zu etwas Neuem zusammen.
Kunst zum Niederknien
Meine erste Assoziation war aber gar nicht bourgoise Wohnstube versus modernes Bauen, sondern ich dachte sofort an eine Moschee. Die großen Moscheen des Orients sind ebenfalls häufig komplett mit Teppichen ausgelegt und in vielen hängen ebensolche Kronleuchter. Darüber hinaus lagen und hockten in dem riesigen quadratischen Raum der Nationalgalerie Besucher auf dem Boden, ruhten aus, schauten sich um, unterhielten sich. Ganz so, wie es auch in Moscheen üblich ist, die ja nicht allein zum Beten, sondern als Begegnungsort und für manchen sogar für ein Nickerchen dienen. Moscheum Neue Nationalgalerie: Sitzen und Liegen am Boden, das zur orientalischen (und asiatischen) Wohnkultur gehört, im Westen eher verpönt ist oder jedenfalls als leger und und privat gilt. Und im Museum nur Kindern gestattet wird.
Der Teppich ist nicht plüschig, sieht nicht teuer und exotisch aus - nichtmal individuell. Er ist nicht gewebt, maschinell gefertigt und zeigt das auch. Die Muster sind am Computer bearbeitet und dann aufgedruckt, in einer fast abstrakten Form, ohne sich die Mühe zu machen, die alten Muster der Vorlage zusammenzusetzen. So wandert man auf dem Teppich herum, sucht nach einem Zusammenhang der Muster und erkennt erst beim Blick über den gesamten Raum hinweg, wie sich die einzelnen Teile des Teppichs und des Raums mit der Installation zusammenfügen.
Der Installation Leben einhauchen
Der „Performance Charakter“ („Stingel LIVE“) soll durch die Besucher entstehen, die den Raum erobern und nutzen - wobei das wohl für alle Räume, ob Museum oder Privat und genauso für öffentliche Straßen gilt, die erst durch die Menschen und deren Nutzung der Räume zu leben beginnen. Dass der Raum dabei auf die Menschen, diese aber auch auf den Raum und damit wieder andere wirken, kann man als selbstverständlich annehmen.
Die van der Rohe/Stingel Raumwelt sollte man mit und ohne Besucher auf sich wirken lassen, sich legen, sich setzen und umherlaufen; so entstehen Bilder, die man aus anderen Kontexten, Orten, Räumen zu kennen meint. Assoziationen von „Kathedrale der Kunst“, über "auch das private ist politisch" bis zur Frage "Orginal oder Kopie" liegen fast auf der Hand. Wer dann schließlich die vier riesigen Alpenpanorama Bilder von Stingel im Untergeschoss betrachtet, kann all diese Assoziation gleich übertragen und vergleichen. Und so bleibt ein weiteres mal die Erkenntnis: Alles hängt mit allem zusammen - irgendwie.
Rudolf Stingel LIVE - noch bis zum 24. Mai in der Neuen Nationalgalerie Berlin
alle Fotos copyright Westheide
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Ornamentaler Purismus
Die Idee einen solchen Ort zu schaffen, an dem Menschen sich, wo es ihnen beliebt, hinsetzen oder -legen können, finde ich interessant. Eintritt bezahlen würde ich dafür wohl nicht. Aber hat was.