Morgens Medizin, abends Rock'n'Roll - das ist Amir Mostofizadeh

Morgens Medizin, abends Rock'n'Roll

Im Gespräch mit Dr. Amir über Migration, Medizin und Mobbing

Sein Alter Ego nennt sich Elvis Pummel. Unter diesem Etikett ist er Alleinunterhalter – eine sogenannte One-Man-Band. Bei seinen regelmäßig stattfindenden Live-Darbietungen zersägt er die Bausteine Rockabilly, Schlager, Garagen-Punk und Western-Swing und setzt diese in der ihm ureigenen Art wieder neu zusammen. Ursprünglich hat er persische Wurzeln und unterhält auf der Kaiserstraße in Dortmund (die Stadt, in der er auch seit Jahrzehnten lebt) unterhält er als Arzt für Allgemeinmedizin eine Praxis. LABKULTUR traf ihn zum Gespräch.
 

Lieber Amir, beschreib doch mal, wie deine Eltern aus dem Iran nach Deutschland gekommen sind.


Amir: Meine Eltern sind im Zuge eines Kulturabkommens, was die iranische Regierung mit deutschen Repräsentanten abschloss, in die Bundesrepublik gekommen. An wirklich herausragender Stelle steht hierbei Soraya, die Frau des Schahs von Persien, die in den 1950er Jahren viel für die Öffnung zu westlichen Industrienationen beigetragen hat. Es gab außerdem enge familiäre Beziehungen, und da ein entfernter Cousin meines Vaters bereits in Tübingen Medizin studierte, haben meine Eltern in den frühen 1960er Jahren den Weg nach Deutschland gewagt und sind hier in Dortmund sesshaft geworden. Mein Vater war zu dem Zeitpunkt bereits Arzt und hat dann in Deutschland noch seine Qualifikation zum Facharzt gemacht. So gegen Ende der 1970er Jahre hat er dann seine eigene Praxis im Dortmunder Kreuzviertel gehabt, die er später aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste.

 

Wie multikulturell lief euer Familienleben ab?

 

Ich habe noch drei Geschwister, wir vier sind in den Jahren zwischen 1966 und 1972 geboren. Daheim haben wir eher deutsch gesprochen als persisch, das war meinen Eltern auch sehr wichtig, dass wir uns akzentfrei artikulieren können. Meine Geschwister und auch ich stehen inzwischen alle ganz gut im Leben. Ich habe bis heute auch fast ausnahmslos deutsche Freunde gehabt, die mich als Persönlichkeit akzeptiert haben – und weniger als Migrant. Ich denke, so gerade in der sogenannten Dortmunder Punkszene war ich so ziemlich der einzige, der kein Normalo-Deutscher war. In meiner Schulklasse gab es damals zwei Ausländer, das war damals schon etwas Außergewöhnliches. Mitte der 1970er Jahre war das exotisch, im Gegensatz zu heute. So habe ich mich zwangsläufig angepasst, habe auch während meines Studiums keinerlei Probleme gehabt.

 

Was, glaubst du, sind die Hauptprobleme, warum in Deutschland Integration nicht besonders gut gelungen ist?

 

Naja, wenn eine Person wie Bushido den „Bambi“ für Integration bekommt, ist das ja schon ein ziemlich zweifelhaftes Prozedere. Die Schuldzuweisung, warum die Integration in vielen Bereichen nicht so richtig geklappt hat, ist ja auch ziemlich frag- und diskussionswürdig. Die Deutschen haben sich nicht wirklich um etwas gekümmert, was manche Migranten umgekehrt der Politik ja auch vorwerfen. Den Tenor, den ich vertrete, ist, dass niemand so richtig Schuld hat. Denn von beiden Seiten ist nicht wirklich etwas passiert. In den 1960er Jahren dachte man, es kommen jetzt ein paar Gastarbeiter und die sind dann schnell wieder weg. Das war leider ziemlich kurzsichtig gedacht.

 

Wem hättest du anstatt von Bushido einen Integrationspreis verliehen?

 

Zum Thema Migranten-Pop gibt es zwei Leute, die das aus meiner Sicht herausragend künstlerisch umsetzen. Das sind Fräulein Nina, die kommt eigentlich aus Dortmund, wohnt aber inzwischen in Hamburg – und Murat Kayi, der in seinen Solo-Programmen Musik und Vorlesen auf sehr eigenwillige Art und Weise verbindet. Diese beiden machen wirklich fantastische Veranstaltungen, die hätten echt mehr Aufmerksamkeit verdient.

 

Bei manchen türkischen Familien spielt der patriarchalische Erziehungsstil eine große Rolle. Die Söhne werden zuhause wie kleine Paschas behandelt und haben oft Probleme, sich anzupassen. Wie könnte man dieses System aufbrechen, ist die Bildungsoffensive das richtige Zauberwort?

 

Naja, so einfach ist das ja auch nicht, dafür ist auch die türkische Kultur viel zu vielschichtig. Politisch geht das Spektrum von den Grauen Wölfen bis zur kommunistischen Partei, es gibt Kemalisten, traditionell Islam-Gläubige, Aleviten, Moslems und so weiter – da gibt es so viele Nuancen, die sich überhaupt nicht über einen Kamm scheren lassen. Ursprünglich sind die türkischen Leute damals von Groß-Betrieben nach Deutschland gelockt worden und sie haben ihre Eigenheiten mitgebracht. Wenn der typische Deutsche bei strahlendem Sonnenschein auf Mallorca an der Schinkenstrasse sein Schnitzel isst, ist er in seinem Selbstverständnis ja auch unangreifbar – wieso soll der Anatole seine Eigenheiten denn nicht haben, ohne dass man ihn schräg von der Seite anschaut?

 

Das Ruhrgebiet möchte eigentlich weltoffen und vielfältig sein, es wird streckenweise von absoluten Kleingeistern regiert. Wie empfindest du das Festhalten von Adolf Sauerland an seinem Duisburger Bürgermeisteramt?

 

Das ist schon wirklich ekelhaft. Es ist generell ein Charakteristikum, was die gesamte Bundesrepublik umweht: Ehrenhaftigkeit, gerade von Führungsfiguren, die eigentlich eine Vorbildfunktion haben sollten, ist eine absolut aussterbende Spezies. Es wird immer mehr in die eigene Tasche gewirtschaftet, so lange es geht. Man klebt heute viel eher an seinen Posten und Positionen, das ist vielleicht auch ein Hauptunterschied zu den Werten aus der Zeit der 1960er oder 1950er Jahre, als ein einwandfreier Leumund noch zum guten Ton gehörte.

 

An anderer Stelle hat das Ruhrgebiet mit Themen wie Hoher Arbeitslosigkeit, schrumpfenden Städten, schlechten Noten bei der Bildung und Überalterung zu kämpfen – bekommst du solche Themen in deiner Praxis mit?

 

Wir befinden uns in einer Region, die sehr zu kämpfen hat. Mit einer guten Wirtschaft steht und fällt das Thema Bildung, das ist zumindest mein Eindruck. Wie will man langfristig Leute ausbilden, wenn wir nicht im Stande sind, für diese Leute Jobs anzubieten. Zusätzlich möchte ich noch bemerken, dass man auch mal definieren sollte, wo die Reise mit dem Ruhrgebiet überhaupt hingehen soll.

Ich denke, das wissen die meisten Leute überhaupt nicht. Im tagtäglichen Umgang habe ich innerhalb der Praxis mit den unterschiedlichsten Leuten zu tun, die alle mit ungleichen Horizonten ausgestattet sind. Was mich sehr betrübt, sind Leute, die vor einer Dekade sehr den sogenannten Charles-Bukowski-Lifestyle romantisiert haben. Jahre später stecken solche Existenzen tief im Alkoholismus fest, was rein gar nichts mit einer sentimentalen Schwärmerei zu tun hat, sondern einfach nur einen bitteren und traurigen Platz im gesellschaftlichen Abseits bedeutet.

 

Auch der Burn-Out als Krankheitsbild ist derzeit ein großes Thema – wie beurteilst du das?

 

Das Burn-Out-Syndrom ist schon ein bisschen so etwas wie eine Mode-Diagnose geworden, mit der man schon inflationär um sich wirft. Wie ist Burn-Out überhaupt definiert? Es reden zwar alle darüber, aber keiner weiß so richtig, was das überhaupt ist. Es gibt einen hohen Leistungs- und Erwartungsdruck innerhalb der Gesellschaft und in Zeiten, wo die Arm-Reich-Schere immer größer wird, ist das vielleicht die passende Krankheit dazu.

Mobbing ist ja ein ähnliches Thema, das kursiert in einer ähnlichen Schlagzahl. Zu mir in die Praxis kommen viele Klienten aus dem Kunst- und Kulturbereich. Wenn ich dann sehe, da ist jemand, der sich regelrecht für zahlreiche Projekte zerreißen muss, weil er sonst nicht genug Geld für Familiendinge erwirtschaftet, ist es ja auch klar, dass sich solche Leute am Rande eines Nervenzusammenbruchs bewegen können. Gerade bei Selbstständigen in der Kulturwirtschaft ist eine Selbstausbeutung bis an die äußersten Grenzen des Machbaren leider nicht von der Hand zu weisen.

 

Alle Fotos: Peter Hesse

Sa, 22.12.2012 0

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22.06.2010

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