Möglichkeiten der Stadtplanung - Interview mit Prof. Dr. Volker Eichener, Teil II

Prof. Dr. Volker Eichener, Rektor der EBZ Business School, ist jemand, der sich auskennt mit Metropolen. Von Haus aus ist er Sozial- und Politikwissenschaftler, leitet aber nun eine Hochschule, berät Politiker und Initiativen und macht zahlreiche Lehrangebote. Unter dem Stichwort „Stadtforschung“ beschäftigt er sich mit Themen wie Immobilienmarktentwicklung, demografischer Wandel, Entwicklung von Zielgruppen, Marketing, Stadt- und Regionalentwicklung und internationale Märkte. Im zweiten Teil unseres Gesprächs geht es um die Kreativquartiere und Möglichkeiten der Stadtplanung.

Hinter vielen Aktionen wie zum Beispiel der Besetzung des Essener DGB-Hauses durch Freiraum2010 oder der ehemaligen Kronenbrauerei durch UZ Dortmund steht die Forderung nach Freiraum für Kunst und Avantgardekultur. Wer könnte helfen, dieser Forderung nachzukommen? Die Städte oder die Ruhr2010?

Prof. Dr. Eichener: Der Ansatz der Kreativquartiere versucht ja gerade, solche Freiräume zu mobilisieren. Nicht in Form eines Gebäudes, aber möglicherweise in Form von einem Dutzend leerstehenden Ladenlokalen, die in einem Stadtteil verstreut sind. Das ist ein Bereich, da haben die Künstler den Staat um Hilfe gebeten, mit einer Verzweiflungsaktion. Das zeigt, dass es völlig selbstorganisiert auch nicht geht. Man muss sich jetzt unter dem Künstler ja auch nicht immer den bärtigen Anarchisten vorstellen. Das sind ja auch viele Studienräte, die davon leben, dass sie Kunstunterricht in der Schule machen und in den Abendstunden ihre kreativen Sachen verfolgen. Die wollen schlicht und einfach Ateliers haben, die funktional und preiswert sind und mit einer gemeinschaftlichen Infrastruktur versorgt sind. Da können die Städte helfen. Aber das die Künstler das nicht zum Nulltarif bekommen werden, sondern eine minimale Miete und die Betriebskosten zahlen müssen, das ist auch klar.

Warum lässt man Gebäude überhaupt so lange leer stehen? Ist man sich der Nachhaltigkeit und der langfristigen Effekte nicht bewusst, die man durch eine klügere Nutzung solcher Immobilien erreichen könnte?

Der typische deutsche Vermieter in solchen Quartieren wie etwa Bochum Ehrenfeld ist weiblich, um die 80 Jahre alt und verwitwet. Oder es handelt sich um eine Erbengemeinschaft, die über die ganze Bundesrepublik verteilt und untereinander zerstritten ist. Das heißt, man hat es in der Regel nicht mit professionellen Vermietern oder Verwaltungen zu tun. Außerdem haben die 50, 60 oder 70 Jahre an irgendeinen Einzelhandel vermietet, da war vielleicht mal ein Lebensmittelladen drin. Nun haben die aber immer noch nicht begriffen, wie der Markt sich verändert hat. Der Lebensmittelladen ist irgendwann rausgegangen und die träumen immer noch davon, dass wieder mal ein Lebensmittelladen reinkommt, oder eine Versicherungsgeschäftsstelle oder ein Arzt oder sonst etwas Schönes. Das ist die eine Situation, also eine mangelnde Erkenntnis. Dann gibt es noch etwas anderes: man lässt lieber ein Ladenlokal leer stehen, als die Miete zu senken. Dann sinkt nämlich der Ertragswert des Gebäudes. Also erstmal sinkt der Wert im Falle eines Verkaufs und man kriegt auch noch Stress mit der Bank. Die hat ihre Finanzierungszusage nämlich häufig unter der Voraussetzung gegeben, dass das Ladenlokal zum Marktpreis vermietet wird – wenn das Ladenlokal aber leer steht, dann gilt das sozusagen als Unfall oder als vorübergehendes Problem. Dass das Objekt jetzt systematisch leer steht und dass die Vermietung zu den Wunschkonditionen in dem Gebäude und an dem Standort einfach nicht mehr zu realisieren ist, das akzeptieren dann auch die Banken häufig nicht. Es ist schon irrational.

Hat die Stadtplanung Möglichkeiten, in so einer Situation einzugreifen oder zu beeinflussen?

Sie hat verschiedene Möglichkeiten. Zum Beispiel im Bereich der „Soft Politics“, also einfach Beratung. In die Quartiere gehen und dort Eigentümer mobilisieren, versuchen, ihnen eine Vision zu vermitteln und die Vermietungspraxis in diese Richtung zu entwickeln. Dieser Weg der Beratung, Stimulation und Aktivierung ist vielleicht das wichtigste Instrument. Als weiteres Instrument kann die Stadtplanung natürlich bestimmte Magnete in die Viertel reinbringen. Ein Haus der Musik als Forum für Musiker aus klassischer Musik wie Avantgardemusik könnte zum Beispiel eine ganz wichtige Kernzelle innerhalb des Viktoriaquartiers sein. Dann kann man zusehen, dass man möglicherweise auch noch andere dazu passende Nutzungen darein kriegt. Die Musikschule muss dann eben auch dahin und wenn die kommt, dann kommt auch der Musikalienladen und dann entstehen Kettenreaktionen. Drittens kann man an der Symbolik und Erscheinung des Quartiers arbeiten und zum Beispiel an den Fassaden etwas tun. Denn Kreativquartiere und langweilige, graue Häuser – das passt nicht zusammen. Mit relativ geringen Fördersummen könnte man dann etwa Fassadenwettbewerbe mit Designstudenten oder Künstlern machen. Ich kenne es zum Beispiel aus Amerika, da werden sogar Straßenschilder entsprechend gestaltet. Die sehen dann einfach in so einem Quartier anders aus als die normalen Straßenschilder. Schließlich kann man einen internen Immobilienmarkt aufbauen, mit dem man versucht, Angebot und Nachfrage überein zu bringen. Die Organisatoren eines Kreativquartieres würden dann quasi als Makler fungieren, natürlich gebührenfrei und nicht wie konventionelle Makler. Es gibt schon ein paar Möglichkeiten und in den Städten hat man die meist auch alle auf dem Schirm.

Vielen Dank für das Gespräch.

Fotos: Sven Neidig

Den ersten Teil des Interviews gibt es hier.

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So, 05.09.2010 0

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19.01.2010

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