Moebel

Möbel als stille Haustiere

Verliebt in Gelsenkirchener Barock - die Möbelindustrie macht gute Geschäfte

Während die Krisen kriseln, gibt es eine Branche, der es wunderbar geht, die Möbelindustrie. Wer Angst hat, bleibt zu Hause und kauft Möbel. Andere wissen längst Möbel als Objekte der Zuneigung zu schätzen. Nachdem die flüchtige Möbelmesse mit den zahlreichen Unmöbeln zu Ende gegangen ist, sitzt der Mensch wieder in seinem nachhaltigen Heimdesign auf dem alten Sofa und streichelt die Kuscheldecke anstelle des Kätzchens. Er strebt nach Neuem, hängt aber an Altem.

Sitzen Sie auf einem Stuhl, der Ihnen etwas bedeutet? Vielleicht, weil Sie ihn unter Todesängsten nachts von der Straße geholt haben, um ihn dem Sperrmüll zu entziehen? Oder ist es der Stuhl, auf dem die Oma beim Kartoffelschälen gesessen hat, das einzige, was von ihr übrig blieb an greifbarer Erinnerung? Oder besitzen Sie eine Kommode von der Tante, deren Geschichte ein Geheimnis verbirgt? Essen Sie an einem Tisch, der schon 1931 als Tafel für die Gäste des Opas dienten, der verkündete, auswandern zu wollen, da er die schrecklichen Verhältnisse vorahnte, die da kommen sollten? Oder haben Sie sich schlichtweg in Ihr erstes Billy-Regal verliebt, da sie es selbst zusammengebaut haben? Möbel erzählen Geschichten, manche werden gehegt wie ein Haustier.

 

Der Küchentisch schlabbert

Rustikal-resopal – das war die Standardidee für deutsche Küchen und Eisdielen im Ruhrgebiet der 70er. Praktisch und modern, diese Stühle und Tische. Es ging halt darum, sie möglichst unaufwändig säubern zu können. Da konnte schon mal der Quark oder die Honigschnitte umfallen. Wisch und weg. Nur beim Sitzen waren die Schweißausbrüche in den Hosen oft Grund, nicht aufzustehen. Ein Bekannter hat immer noch diese Stühle in seiner Küche, kombiniert mit einer alten Eckbank im Gelsenkirchener Barock. Aber er liebt sie und hat uralte Bravo-Hefte darin verwahrt, sowie alte Schnittmuster seiner Mutter. Ansonsten ist der Mann ganz in Ordnung. Ihm fehlt nichts, da er ja seine Erinnerung an die Eltern in der Küche lagert. Und was das Schlabbern betrifft, das hat er bis heute seit seiner Zeit als Kleinkind nicht überwunden. Deshalb der Tisch und deshalb die Küchentücher.

 

Der heilige Stuhl

Viele sind im Besitz eines oder mehrerer Stühle, die am Straßenrand
GE Barock
Beispiel für Missbrauch: Gelsenkirchener Barock Küchenschrank als Archiv (c) dman
oder in Altmöbellagern aufgestöbert oder gar „gefunden“ wurden. Was wissen wir über den Stuhl? Neu gekauft ist das klar: Hersteller, Lager, Laden, Wohnung. Aber der geschwungene braune Lehnstuhl hat eine Geschichte, die der neue Besitzer nicht kennt. Das kann schon traurig machen, wenn man zur Melancholie neigt. Ich – zum Beispiel – hege zwei Stühle, als seien sie lebendiger Teil der Wohnung. Sie erinnern mich und regen die Fantasie an. Sie stammen aus einer Kirche in Dresden, aus einem Versammlungssaal für Mönche oberhalb der Sakristei. Der Pfarrer hatte sie mir geschenkt, nachdem wir dort die Aufführung „Rendezvous Sacral“ inszeniert hatten. Das ist seltsam, aber hin und wieder denke ich, dass ich die dazugehörigen unbekannten Geschichten mitgenommen habe. Welch heiliger Bruder oder Vater oder heiliger Geist wohl darauf gesessen hat, um ein Abendmahl einzunehmen?

 

 

„Ich freue mich auf mein Bett“

Den Satz hört man häufig am Urlaubs- oder Ferienende jeglicher Art. Der Mensch hat sein eigenes Bett lieb – sagen wir – mindestens wie seine Katze. Angekommen am Dortmunder Flughafen, den ratternden Trolley hinter sich herziehend, gibt es nur ein Ziel: „Ah! Mein Bett!“ Und für viele kommt da eine eigenartige Beziehung zum Tragen, die man als Single nicht verteidigen muss: das Gefühl der absolut einseitigen und bedingungslosen Liebe zu einem Möbel. Aber vielleicht hat es auch mit der Bettensteuer zu tun, die man in Ruhrgebietsstädten den so gewünschten Touristen abverlangt. Da kann man sich in ein Hotelbett nicht verlieben. Überhaupt die Steuer – da gibt es immer wieder tolle Ideen aus Politik und Verwaltung wie die Bräunungssteuer, von der Stadt Essen 2010 eingebracht, aber vom Land abgelehnt. Würde man die Bettensteuer in Verbindung mit der Sexsteuer auch auf private Liegestätten ausweiten, könnte das zu einem Liebesentzug der heimischen Umkuschelung führen. Auch das Haustier ist mit Steuern belegt. Da blickt man auf den Katzen- oder Hundewurf mit verräterisch drohendem Gesicht. Also sind doch der Stuhl mit Geschichte oder die Kommode mit Geheimnis die heimlichen Liebesobjekte, auf denen das Kätzchen mit eifersüchtigem Blick Platz nimmt.

 

Sperrmüll im Revier

„Zeig mir den Sperrmüll und ich sage Dir, wer wie wohnt und warum!“ Worte eines Trödlers, oder heißt auch der heute anders, etwa Zweitverwerter oder Second-Hand-Manager? In manchen Gegenden kann man über Sperrmüll seine Wohnung nicht mehr aufhübschen. Beim Anblick der Couchecken, Duschvorrichtungen und Pressholzkommoden kommt einem nur ein klares „Ja! Weg damit!“ in den Sinn. Die Beziehung Mensch-Möbel hat hier nicht funktioniert. Nicht jedes Möbel findet Liebhaber. Manche werden abgestoßen wie das eine oder andere Haustier, von dem man
Sperrmuell
Sperrmuell im Revier (c) dman
nichts mehr wissen will und es „auswildert“. Zu den Dahingeschiedenen kommen die Entrümpler und verladen Omas Stuhl, der dann im Lager auf Abnehmer wartet, die sich des Sitzmöbels annehmen, ihm vielleicht einen Namen geben, mit neuer Farbe versehen, so wie man dem Hündchen ein Leibchen anlegt. Sehen Sie also in nächster Zeit Sperrmüll am Straßenrand, denken Sie an die Geschichten, die dahinter stecken und auch daran, dass vielleicht das eine oder andere Teil ein neues, liebevolles Zuhause sucht.

 

Do, 02.02.2012 0

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03.03.2010

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