Mit viereckigen Augen - Kulturhauptstadt im TV

Foto: Ilja Höpping / WAZ FotopoolUnd plötzlich rappelt die Mailbox: Freunde und Bekannte aus allen Bundesländern melden sich erstaunt und fragen, was denn im Ruhrgebiet los sei. Aufgeweckt durch Sondersendungen und Sonderbeilagen verfolgen sie hoch interessiert die Eröffnung der Kulturhauptstadt auf Zollverein.

Die meisten der Gratulanten waren noch nie in Dortmund, Essen, Bochum oder Duisburg. Einen Blick auf die Karte des Ruhrgebiets haben sie das letzte Mal in der Schule geworfen, als der Diercke-Atlas noch zwei Deutschlands verzeichnete. Jetzt schauen sie gebannt zu. Denn der große Festakt mit Feuerwerk auf Zollverein wurde medial größtmöglich aufgezogen. Es gab starke Bilder, auch dank des kongenialen Doppelpasses mit dem Tiefdruckgebiet „Daisy“.

Peinliche Moderation der ZDF-Gala „Glückauf Ruhr 2010“

 

Foto: Ilja Höpping / WAZ FotopoolWeiße Flocken vor schwarzem Zechenstahl, dazwischen bunte Regencapes, Horst Köhler mit Borsalinohut, Grönemeyers Hymne und viel postmodernisierte Industrieromantik. Es wurde liveübertragen und entsprechend vor- und nachbereitet. An diesem Wochenende lernten zwei Millionen TV-Zuschauer ihr „Woll“, „Wat“ und „Dat“. Und genau da begann es unangenehm zu werden.

Wenn adrette TV-Moderatoren tegtmeiern – wie Markus Lanz in seiner peinlichen Moderation der ZDF-Gala „Glückauf Ruhr 2010“ – dann zeigt dies eins: Das Revier ist jetzt in Deutschlands Meinungsmachermitte angekommen. Nicht nur in Fußballsendungen, sondern als moderner Event für Zuschauer von neun bis 99, choreographiert wie eine Samstagabendshow. Die Kehrseite: Die Klischees, weil sie ja so einleuchtend erscheinen, werden verstärkt. Und können mehr Schaden anrichten als wenn überhaupt nichts gesendet würde.

Gelunge Eröffnung der Kulturhauptstadt auf Zollverein

Vor Ort war es viel angenehmer - und vor allem echter. Die Eröffnung auf Zollverein war gelungen, gut besucht und fühlte sich gut an. Im Pressezentrum, dem Kraftwerk, aus dem heraus die Kollegen ihre Bilder und Berichte in die sich selbst verstärkende Echokammer jagten, traf ich Dieter Moor, Gehirn und Gesicht der ARD-Sendung „ttt - Titel, Thesen, Temperamente“.

Foto: Ilja Höpping / WAZ FotopoolDer Schweizer Kulturjournalist glaubt nicht, dass sich die Wahrnehmung des Ruhrgebiets in diesem Jahr entscheidend verändert. „Ich setze auf ein gesteigertes Selbstbewusstsein der Menschen vor Ort. Auch wenn das Revier jetzt schon besser ist als sein Ruf: Nur über diesen Umweg kann auch eine andere Wahrnehmung von außen generiert werden.“

Vom Festakt, die elitäre Eröffnung mit Präsidenten und Honoratioren, war nur auf Videoleinwänden etwas zu sehen. Hochgesichert, abgeschirmt und im hinteren Teil des weitläufigen Zollvereingeländes. Live-Übertragungen wohnt ja immer das Gesetz des Scheinriesen von Michael Ende innen: Je weiter man sich entfernt, desto größer werden sie. Und manchmal auch verzerrter.

Keine Frage: Aufmerksamkeit fürs Ruhrgebiet ist prima. Damit wurde lange geknausert. Die großen Medienhäuser, Fernsehsender und Werbefirmen bildeten die Realitäten ab, die sie vor der Haustür fanden. Das Wohnzimmer der glücklich versicherten, Tütensuppen genießenden und auf Flatrate surfenden Familie steht in Hamburg-Harvestehude und nie in der auch schönen Dortmunder Gartenstadt.

Doch gleichzeitig muss die Bewertung beginnen. Denn das Ruhrgebiet ist kein angezählter Altstar, für den schlechte Presse besser als gar keine Presse ist. Die Region muss eine Zukunft haben, die sich nicht mehr auf den Meriten des 20. Jahrhunderts ausruhen kann. Man muss sich fragen, welche Botschaft von der Kulturhauptstadteröffnung gesendet worden ist – und was davon wie rezipiert wurde. Oder, wie Dieter Moor sagte: „Es ist Paradox: Es ist offenbar nichts anderes da als dieser Mythos von Kohle und Stahl. Er wird präsentiert, stilisiert und überhöht – obwohl man ihn gleichzeitig loswerden will, um das Neue zu definieren.“

Weitere Beiträge rund um die Eröffnung der Kulturhauptstadt:

Why are you creative?

Fotos: Ilja Höpping / WAZ Fotopool
So, 10.01.2010 1

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Kommentare

schöner Beitrag, stimme der

schöner Beitrag,
stimme der -einschätzung zur ZDF Sendung voll auf zu.

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06.01.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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