
Mit genialer Dosis Spott
- Serie: EUROPE IN SHORTS
Von Cornelis Hähnel. Belgien überzeugt mit einer kleinen, aber innovativen und anspruchsvollen Filmlandschaft. Bereits seit den 1920er Jahren haben Regisseure wie Henri Storck, Antoine Castille oder Charles Dekeukeleire im Bereich des Avantgarde- und Dokumentarfilms bahnbrechende Meisterwerke produziert; die sogenannte „Belgische Schule“ hat die europäische Tradition des sozialen Dokumentarfilms mitgeprägt. Später festigten André Delvaux mit De man die zijn haar kort liet knippen (1966), Chantal Akermans Jeanne Dielman, 23 quai du Commerce, 1080 Bruxelles (1975), Marion Hänsels Im Herzen des Landes (1985) oder Alain Berliner mit Ma vie en rose (1997) den Ruf einer ausdruckstarken Filmnation.
Der Film in Flandern
Und doch wird oft behauptet, dass so etwas wie „der belgische Film“ nicht existiere. Denn gerade im Kinobetrieb sei die Teilung zwischen Flandern und Wallonien spürbar, beide Regionen würden sich in Charakter, Perspektive, Schwerpunkt und Publikum unterscheiden. Der flämische Film gilt als radikal und sperrig in Inhalt und Form, und in der Tat erfreuen sich Genres wie Thriller und Action dort besonderer Beliebtheit. Werke wie EX-DRUMMER (2007, Koen Mortier) oder der düstere Thriller DE ZAAK ALZHEIMER (2003, Erik van Looy; eine der erfolgreichsten Produktion Belgiens) scheinen diese Behauptung zu untermauern. Mit C’EST ARRIVÉ PRÈS DE CHEZ VOUS (MANN BEISST HUND, 1992, Belvaux/ Bonzel/ Poelvoorde) beweist aber auch Wallonien, ebenso radikale Werke produzieren zu können.
Der wallonische Film
Der wallonischen Filmlandschaft wird ein Hang zum Drama und eine Nähe zum französischen Kino nachgesagt, die Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne stehen mit Produktionen wie L’ENFANT oder LE SILENCE DE LORNA stellvertretend dafür. Und dann gibt es Filme wie ELDORADO (2008, Bouli Lanners) oder das Drama BEN X (2007, Nic Balthazar), in denen die Charakteristika beider Regionen untrennbar miteinander verschmelzen. Es scheint, als handele es sich um eine ebenso herbeigeredete wie existente Kluft, die vor allem in dem flämisch-wallonischen Gesellschaftskonflikt ihren Ursprung hat.
Staatliche Förderung
Zumindest bei der Filmförderung gibt es eine klare Trennung. Während der frankophone Teil seit 1995 vom CCAV (Centre du Cinéma et de l'Audiovisuel) ca. 14 Millionen Euro erhält, ist der VAF (Vlaams Audiovisueel Fonds) mit einem jährlichen Budget von 12,5 Millionen Euro staatlicher Unterstützung für den flämischen Teil zuständig. Außerdem verfügt Belgien über ein ganz spezielles Fördersystem, basierend auf dem „Tax Shelter“. Dies ist ein zusätzlicher Artikel des belgischen Einkommenssteuergesetzes, der nationale steuerliche Begünstigungen bezeichnet, durch die Produktionen im audiovisuellen Sektor angeregt werden sollen. Wenn sich eine in Belgien ansässige Firma an der Finanzierung audiovisueller Produktionen beteiligt, kann diese bis zu 150% des investierten Betrags steuerlich geltend machen. Dafür verpflichtet sich die Produktionsfirma, die von dieser Förderung profitiert, mindestens 90% ihrer Investitionen in Belgien zu tätigen. Kommerzielle Erfolge feiert Belgien fast unbemerkt mit seinen Koproduktionen wie z.B. IRINA PALM (Sam Garbarski), LADY CHATTERLY (Pascale Ferran) oder GOODBYE BAFANA von Bille August. Das kleine Land scheint auf allen Ebenen einen ebenso eigenen wie überraschenden Kurs zu verfolgen.
Die belgischen Filmfestivals
Filmfestivals sind ebenfalls von einer erstaunlichen Heterogenität: Statt großen internationalen Festivals spezialisiert man sich hier vermehrt auf Themen, Genre oder Regionen. Das „Brussels International Festival of Fantastic Films“ ist weltweit in dieser Programmsparte anerkannt, das 1974 gegründete „Flanders International Film Festival Ghent“ ist das größte Festival des Landes und konzentriert sich besonders auf den Einfluss von Film und Musik; das frankophone „Festival International du Film d’Amour“ (FIFA) in Mons setzt wiederum den Fokus auf Liebesfilme. Das Filmhandwerk erlernen kann man u.a. am „Institut des Arts de Diffusion“, der „Hogeschool Sint-Lukas Brussel“ und dem „Institut National Suprieur des Arts du Spectacle et Techniques de diffusion“.
Belgiens Filmlandschaft erscheint als unerschrocken und mutig, immer bereit, neue Wege zu gehen, auch zu Lasten einer klaren Definition. So heißt es auf der offiziellen Tourismus-Webseite „Wallonie-Brüssel“ [www.opt.be]: „Das Wichtigste ist, die Originalität unseres Kinos mit seiner Identitätsfragestellung und seiner genialen Dosis Spott zu verstehen.“ Eben darum erscheint es wohl so lebendig.
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