
Migranten im Kulturbetrieb: Ich weiß nichts und du weißt nichts
Um morgen ein Stückchen weiter zu sein, müsste man heute wissen, wo man eigentlich ist
Menschen mit Migrationshintergrund sind im Kulturbetrieb nicht so präsent wie sie sein könnten – nein: müssten. Und die wenigen, die man vor allem auf Seiten der "Macher" findet, sind nicht repräsentativ für die großen Zuwanderergruppen im Land, sondern Teil einer internationalen Branchenelite. Dafür gibt es viele Gründe und wir haben in dieser Serie an der ein oder anderen Stelle schon hinter die Kulissen wie Fassaden der Szenerie gucken können. Nun ist es woanders ja angeblich sowieso immer besser – aber wo und wieso? Keiner weiß es.
Wir werfen einen Blick nach Antwerpen. Die belgische Hafenstadt hat 
Nachkommen. Davor gab es eine beeindruckende Schau über Sinti und Roma in Belgien. Zeitgleich war im nicht nur architektonisch spektakulären Museum an der Schelde (MAS) erstmals die Geschichte der ghanaischen Einwohner Antwerpens zu sehen. Die Universität der Stadt schließlich beherbergt ein Centre for Migration and Intercultural Studies (CEMIS). Fragt man dort allerdings nach Zahlen zur Bedeutung und Präsenz von Migranten im Kulturbetrieb Flanderns oder ganz Belgiens, geht es einem wie quasi überall in Europa: Fehlanzeige.
Was lange währt, findet doch noch statt
Vierzig Kilometer südlich, in Brüssel, sitzt Sabine Frank in ihrem Büro und wundert sich darüber nicht. Die erfahrene Frau im Dschungel der Europäischen Bürokratie ist Generalsekretärin der "Platform for an Intercultural Europe" (PIE). Diesen Zusammenschluss einiger Dutzend zivilgesellschaftlicher Institutionen aus ganz Europa vertritt die Politologin am EU-Hauptsitz. Zuvor hat sie unter anderem fünf Jahre für die Sprecherin der Sozialisten im Kulturausschuss des Europäischen Parlaments in Straßburg gearbeitet – Frank ist eine erfahrene Lobbyistin der Kultur. Auch deshalb gehört PIE zu den nur drei Organisationen, die auf Einladung der Europäischen Kommission an den großen kulturpolitischen Debatten im EU-Kulturministerrat mitwirken dürfen. Eine davon findet aktuell in der Expertengruppe "Kulturelle Vielfalt, interkultureller Dialog sowie Zugang zu Kultur und Inklusion" statt. Das heißt, sie wird dort stattfinden … also, sie soll, hoffentlich … bald. Denn nur vier Jahre nach dem entsprechenden Beschluss von 2008 werden sich die Gesandten aus 24 der 27 EU-Mitgliedsstaaten dem Vernehmen nach im April auch schon erstmals treffen – ab dann wird es allerdings schnell gehen müssen: Die aktuelle Siebenjahresperiode der EU endet 2013 ganz planmäßig.
Minimalziel: Datengrundlage
Deutschland wird in dieser Expertengruppe von Gabriele Pfennings aus
Kultur ist keine echte Teilmenge von Interkultur
Der Versuch, mit Hilfe von Botschaften europäischer Nachbarländer in Berlin etwas über die Teilhabe von Migranten am kulturellen Leben dort zu erfahren, schlug übrigens vollkommen fehl – die Geschichte dieser Recherche wäre höchstens comedytauglich. Gucken wir also lieber noch mal direkt vor die eigene Haustür. Vor zwei Wochen hat der Landtag in Düsseldorf ein Integrationsgesetz für NRW verabschiedet. Das soll der "Integrationspolitik im Land ein belastbares Fundament" geben, sagte Sozialminister Guntram Schneider dazu vor dem Parlament. Stolz verwies er auf die Vorreiterrolle Nordrhein-Westfalens, und in der Tat hat nur Berlin Ähnliches vorzuweisen. Allerdings: Der Kultursektor selbst spielt in beiden Gesetzen keine Rolle. Das im politischen Düsseldorf wie in der Bundeshauptstadt zurzeit hippe Wort von der "Interkultur" kommt zwar mehrfach vor, doch vor allem in Zusammenhängen wie der "interkulturellen Öffnung der Landesverwaltung", die im Gesetz sogar regelrecht beschworen wird.
Zahlen ohne Wert

Ohne meine Daten sag' ich nichts
Den Mangel an wirklichem Wissen beklagt auch Susanne Keuchel vom Zentrum für Kulturforschung in Sankt Augustin. Die Soziologin arbeitet aktuell im Auftrag der Landesregierungen von Niedersachen und NRW an einem "Interkulturbarometer". Erstmals werden hier ein ländlicher Raum und ein urbanes Ballungszentrum hinsichtlich des Umfangs und der Struktur der Teilhabe von Migranten am kulturellen Leben erfasst und verglichen. Das sei schon schwer genug gewesen, sagt Keuchel, denn Kulturinstitutionen hätten oft Bedenken, bei Erhebungen im Publikum nach einem Migrationshintergrund zu fragen: "Die finden das diskriminierend"; wohlgemerkt nicht die untersuchten Besucher und Zuschauer, sondern die Kulturmanager – viele machten deshalb gar nicht erst mit. Und mit einem Vergleich der kulturellen Teilhabe von Zuwanderern in einzelnen Bundesländern oder gar unter EU-Mitgliedsstaaten kann Deutschlands profilierteste Forscherin auf diesem Gebiet erst recht nicht dienen. Einleuchtende Begründung: "Wenn es keine validen Daten gibt, kann man auch keine Aussagen treffen!"
Fotos: Peter Grabowski (2), MAIS/Ralph Sondermann, PIE, Atlas
Kommentar hinzufügen
Ähnliche Beiträge
Letzte Kommentare des Autors
Thema
Stadt
Branche
Aktuelle Tweets


































