Welttheater der Straße

Metropole Ruhr in Sachen Kultur Kleinkleckersdorf

Wieder eine Studie – wieder herrscht Aufregung

Eine aktuelle Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) sagt: „Der Kulturstädte-Vergleich soll dazu beitragen, die Potenziale und Handlungserfordernisse für deutsche Großstädte zu identifizieren.“  Das Ergebnis  dieser jetzt veröffentlichten Studie ist wieder mal ein „Rückschlag“ für die Kulturmetropole Ruhr.

Das soll häufiger vorkommen, wenn man von außen seinen Blick übers Land schweben lässt. Da liegt die Wahrheit auf dem Tisch und sicher folgen nun die Beteuerungen und der Verweis auf Statistik, die ja nichts aussage über die wahre Lebenswelt. Diese Zahlen lügen nicht und bieten interessante Blicke auf den Rest der Kulturrepublik Deutschland. Über die Gründe, warum das so ist, dass es hier doch eher dümpelt als kocht, sagt die Studie nichts, ist ja auch nicht die Fragestellung gewesen. Dass die Region jahrzehntelang runtergekocht wurde, dass sie sich selbst nichts zutraute, dass die Politik in viel zu engen Hemden die Sessel in den Räten anwärmte, dies und noch viel mehr führte zu einer republikweiten Ignoranz der kulturellen Produktion des Reviers, genauso wie die Innenansicht, das Selbstverständnis. Nach wie vor holt man sich Leitungen und Direktoren aus anderen Welten, die es hier richten sollen und dann wieder verschwinden. Aber das ist hier nicht das Thema. Schauen wir auf die Statistik und machen uns einen vergnügten Tag.

 

Statistik – das große Ganze

In Metropolen wie Berlin, Hamburg und München arbeiten bereits 4,3 %, 4,6 % und 5,7 % aller Beschäftigten in diesem Wirtschaftszweig. Aber auch mittelgroße Städte profitieren von diesem Trend. Dies trifft etwa auf Dresden (5,5 %) und Leipzig (5,7 %) zu. In Stuttgart sind es bereits 6,3 %. Das ist Statistik und man weiß ja, wie man sie lesen soll. Diese Statistik sagt ja auch immer wieder, dass Frankfurt pro Kopf am meisten Geld für Kultur ausgibt, Hannover am wenigsten. Irgendwo in der Mitte sind Dortmund und Essen platziert.  Wofür genau das Geld ausgegeben wird, steht dort nicht. Die meisten Opern- und Theaterplätze für seine Bevölkerung hat Augsburg. Wer hätte das gedacht? Hier belegt Duisburg den letzten Platz unter Deutschlands Großstädten. Das gleiche gilt für die Kinos.

 

Künstlerdichte

Am interessantesten scheint mir die Betrachtung der Künstlerdichte. Damit ist nicht der Alkoholkonsum gemeint, was wiederum auch interessant wäre. Wo besäuft sich der frustrierte Kulturarbeiter am häufigsten und wo macht es am meisten Spaß? Viele denken: „Lieber arm und besoffen in Berlin als in Bottrop.“ Nun denn, in Berlin liegt die Künstlerdichte bei 9,6 %. Das heißt, man trifft dort unweigerlich an jeder Ecke auf Künstler, wohingegen in Duisburg (1%) und Gelsenkirchen (0,8 %) der Künstler eher ein Exot ist. Die Künstlerdichte Bochums (2 %) und Dortmunds (1,9%) verspricht auch keine Hoffnung auf eine neue bunte Welt.  Die 1.299 Mitglieder der Künstlersozialkasse (diese wurden gezählt) in Essen sind für lokal 574.635 Einwohner zuständig, Schwerstarbeit also.

 

Grau-buntes Treiben in der Metropole Ruhr

Proportional allerdings gibt es in Münster und Essen die meisten Schüler und Studierende an öffentlichen Musikschulen, sowie an staatlich anerkannten Kunst- und Musikhochschulen. In Gelsenkirchen geht nur eine Handvoll von Leuten ins Museum. Na klar, in welches sollte man dort denn täglich schlendern? Die ganze Stadt ist ein Museum, hat nur noch keiner erkannt. Theater- und Opernbesucher, Objekte der Begierde all der Häuser der Region, scheinen in Duisburg  gänzlich auszusterben, in Dortmund und Gelsenkirchen genießen sie Artenschutz. Stuttgart scheint hier aus lauter Theaterenthusiasten zu bestehen (fast zwei Millionen im Jahr).

 

Kulturwirtschaft

Auf diesem Feld räumt Köln groß ab. Das leuchtet ein. Da sitzen all die Sender und Medien, ohne die die Stadt absacken würde wie die U-Bahn in ihren Schacht. Auch hier sind die Umsätze (2010) der Revierstädte Peanuts. Gemessen hat die Studie auch die Kulturproduktion. Auch da brilliert die eher hässliche Stadt Stuttgart. Am Ende geben sich Mönchengladbach und die Revierstädte ein Stelldichein der Ignoranz. Bei der Bereitschaft, sich was anzusehen, dabei zu sein, liegt immerhin Essen knapp im positiven Bereich, wohingegen die Bewohner der anderen Kommunen eher der Gattung Couchpotatoes zuzurechnen sind.

 

Definition und Resümee

„Am unteren Ende des Städtevergleichs finden sich altindustrielle Städte, die den Strukturwandel noch nicht bewältigt haben. Viele dieser Städte weisen sinkende Bevölkerungszahlen auf, und die Bedeutung der Kulturwirtschaft als Arbeitgeber ist unterdurchschnittlich."

Kultur ist definiert durch „die Gesamtheit der zahlreichen Sitten und Gebräuche, die in allen Bereichen des täglichen Lebens ihren Ausdruck finden. In der Kultur spiegeln sich unser jeweiliger Lebensstil, unsere Traditionen und Ideale wider.“ (Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ 2007, S. 413; nach UNESCO (1972), Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt).

 

Quelle: HWWI/Berenberg Kulturstädteranking 2012

 

Fr, 03.08.2012 1

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Kommentare

Kriterien

ich mag's echt nicht lesen, Du hast ja anscheinend... Keine Kriterien wie Internationalität, Multikultur, weltweite Relevanz dabei? Nicht dass das Ruhrgebiet dann besser abschneiden würde, sondern einfach: Haben die alles rein in Cashflow und Besucherzahlen etc. gerechnet? Na, riesig, wenn man sich auf solche "Kultur-Indikatoren" einließe... Denn es geht ja irgendwie um Wirtschaft und irgendwie auch nicht (Studenten, etc.). Noten für den nationalen Wettbewerb, hurra! Oder: Wtf! Es interpretiert sich wieder eh jedeR so zurecht, wie es gerade in den Kram passt. By the way: Wer ist denn bitte (k)ein Künstler? Ich bekomme Akademiker-Allergie und geh mal auf die Straße...

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03.03.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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