
Menschen, Maschinen und Mutanten
Das Mülheimer Kunstmuseum präsentiert Hendrik Dorgathen in der Ausstellung „Serious Pop“
Ist die Gegenwart ein bekiffter Hippie-Traum? Werden wir von Maschinen gesäugt und entwickeln uns zu digitalen Mutanten? Die Antwort könnte in den Comics von Hendrik Dorgathen liegen. Zumindest aber ist es das Hauptthema des Mülheimer Zeichners und Comicautors. Mit der Einzelausstellung Serious Pop würdigt das Kunstmuseum Mülheim noch bis zum 21. Oktober 2012 das Werk Hendrik Dorgathens: Zeichnungen, Notationen, Skizzen, Illustrationen, Comic-Geschichten und Computeranimationen geben einen Einblick in sein Schaffen.
Hendrik Dorgathen, 1957 in Mülheim geboren, zeichnet seit er einen Stift halten kann. Seit 2003 lehrt er als Professor an der Kunsthochschule Kassel Illustration und Comics. Nach seinem Kommunikationsdesign-Studium in Essen arbeitete er als Illustrator, unter anderem für Geo, Die Zeit, The New York Times und andere renommierte Magazine, gestaltete Buchumschläge und CD-Cover für Verlage und Label.
„Wir tauchen gerade in eine Maschinenwelt ab.“
Mensch und Maschine, virtuelle Welten, neue Medien, Mutanten und die Bedrohung der Erde und der Weltordnung sind die Themen des Science Fiction-Fans: „Wir tauchen gerade in eine Maschinenwelt ab, ein digitaler Kommunismus entsteht“, erklärt Hendrik Dorgathen. „Ich hätte meine Ausstellung auch ‚Welcome to the machine’ nennen können.“ Dass er die neue Maschinenwelt aber kritisch sieht, zeigt er mit „Cyberia“: Ein nacktes Individuum flüchtet aus einer übervölkerten Welt in seinen Computer. In „Die Spore“ wird Mickey Mouse von einem religiösen Fanatiker als Bombenattrappe missbraucht.
Hendrik Dorgathen bezieht sich in seinen Geschichten und Zeichnungen auf bekannte Comic-Helden, auf Kunstwerke und Idole, auf Popkultur, Film und bildende Kunst.
Der Pop-Art eng verbunden und ihr abgeneigt zugleich
Hendrik Dorgathen fühlt sich der Pop-Art eng verbunden, unterscheidet aber zwischen einer kommerzialisierten und einer authentischen Richtung: „Ich betrachte die Pop-Art kritisch. Dabei finden sich in der Geschichte der Pop-Art neben dem Kommerz auch politische Aussagen, etwa in ‚Car Crash’ aus der Serie ‚Death and Disaster’ von Andy Warhol, das ein brennendes Autowrack mit seinem toten Fahrer zeigt. Auch Fahlström zeigt in seinem Werk soziales und politisches Engagement.“
Mit der Titelfigur der Ausstellung stellt Hendrik Dorgathen hingegen eine kommerzialisierte Popkultur dar: Das bonbonfarbene, mutierte Monster will zwar reizen, kann aber nicht verbergen, dass es innerlich leer ist. „Das Motiv ist ein Statement. Es hat einen oberflächlichen Reiz, ist aber zugleich irgendwie ekelhaft und abstoßend. Es hat schon heftige Reaktionen ausgelöst. Man sagte mir, ich sei ein ‚sick brain’, also krank im Kopf. Aber das Motiv bleibt hängen.“
„Ich würde nie mit digitalen Effekten arbeiten.“
Die Tuschezeichnung zur Titelfigur hat der Künstler gezeichnet und eingescannt – nicht am Rechner erstellt. Die Authentizität ist ihm wichtig: „Das ist mein persönliches Dogma: Ich benutze alle modernen Hilfsmittel, aber immer in einer koscheren Weise. Ich würde nie mit digitalen Effekten arbeiten oder Farben elektronisch erzeugen.“
Auch verwendet Hendrik Dorgathen keine Sprechblasen, setzt Sprache sparsam ein und arbeitet mit Symbolen, so etwa in seinem berühmtesten Comic Space Dog von 1993, in dem sich ein kleiner roter Hund auf Weltraum-Mission begibt. „Space Dog“ bezeichnet Hendrik Dorgathen heute als Segen und Fluch zugleich. 
„Meine Kunst als Dienstleistung zu verkaufen, darauf hatte ich keine Lust mehr.“
Wesentlichen Anteil daran, dass sich der Comic auch in Deutschland als eigenständige Kunstform durchsetzen konnte, hat der Internationale Comic-Salon in Erlangen, an dem Hendrik Dorgathen regelmäßig beteiligt ist. 1994 wurde er dort mit dem Max und Moritz-Preis als bester deutschsprachiger Comic-Künstler ausgezeichnet. Dass er fast zehn Jahre später ein Comic-Professor an einer Hochschule sein würde, hat er sicher nicht geahnt. „Ich habe mir die Stelle selbst geschaffen“, schmunzelt Hendrik Dorgathen. „Und seitdem ich den Lehrstuhl in Kassel inne habe, bin ich sehr froh darüber. Irgendwann wollte ich keine Auftragsarbeiten mehr ausführen. Ich arbeite zwar ab und zu noch für Zeitungen, aber ich war es leid, in Redaktionen zu kommen, deren Mitarbeiter halb so alt waren wie ich und kein echtes Interesse an meiner Arbeit hatten. Man hat mich dort nur toleriert, weil ich einen bekannten Namen habe. Meine Kunst als Dienstleistung zu verkaufen, darauf hatte ich jedenfalls keine Lust mehr. Und so habe ich selbst meine Stelle um das Thema ‚Comic’ erweitert und die Professur für Illustration und Comic erfunden. Was toll ist, denn was wir behandeln ist immerhin die unterste Schublade der Trash-Kultur.“
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