Mehr als Flachware – Museum für westfälische Literatur feiert Geburtstag

Interaktive Ausstellungen, Popkultur, Comedy und Kabarett – wer denkt, Literatur aus Westfalen müsse so öde präsentiert werden, wie es sich anhört, wird auf dem Kulturgut Nottbeck eines besseren belehrt.

Ein Graffiti-Künstler, der August Stramm-Werke illustriert, eine Roman-WG, die zum Leben erweckt wird, und Texte der „Hamburger Schule“, die in den Literaturkanon aufgenommen werden: Der wissenschaftliche Leiter, Prof. Walter Gödden über Herausforderungen und neue Wege.

Prof. Walter Gödden
Prof. Walter Gödden
Herr Gödden, am kommenden Wochenende (16.+17.7.) feiert das Museum für westfälische Literatur zehnjährigen Geburtstag. Klingt erst einmal nicht unbedingt wie ein zwingender Punkt in meiner Terminplanung. Wie können Sie mich vom Gegenteil überzeugen?

Wer nicht kommt, verpasst zweifellos was. Nottbeck ist ein wunderbarer Ort und es wird viel geboten, ein buntes, vielfältiges, schräges Programm. Autorinnen und Autoren hautnah, Lesungen, Performances, viel viel Musik mit der besten deutschsprachigen Band Erdmöbel, Kommando Elektrolyrik, einer LiteraturLounge. Das alles in parkähnlicher Atmosphäre und mit bester Rundumversorgung, was Speis’ und Trank angeht.

Für Menschen, die sich nichts unter einem Literaturmuseum Westfalen vorstellen können, was steckt dahinter?

Geboten wird eine spannende Entdeckungsreise durch die westfälische Literatur von den Anfängen bis heute. Bis heute heißt: einschließlich Kabarett, Comedy, deutschsprachige Bands, Nachwuchsautorinnen und Autoren. Einen eigenen Akzent bilden die Wechselausstellungen, bei denen wir uns immer etwas Besonderes einfallen lassen und thematisches Neuland erschließen. Etwa bei einer Ausstellung zur Unterhaltungsliteratur, die von Heimat-Schmonzetten bis zum Geisterjäger John Sinclair, der es auf eine Auflage von rund 300 Mio Exemplaren brachte, reichte.

Ihre Ausstellungen bieten dem Besucher weitaus spannendere Ansätze als Bücher im Glaskasten und zugehörige Texttafeln. Versuchen sie das angestaubte Image von Literaturausstellungen zu verbessern? Ich denke beispielsweise an Ausstellungen zu August Stramm und Oliver Uschmann.

Literatur ist mehr als „Flachware“. Wir versuchen, durch spannende, multimediale Inszenierungen der Lebens- und Gedankenwelt von Autoren nahe zu kommen. Das gilt auch für thematisch orientierte Ausstellungen. Der Funke zum Betrachter/Leser muss überspringen. Als wir die WG-Welt aus Oliver Uschmanns Romanen nachgebaut haben, konnte der Besucher Teil des Romans werden, dieselben Videospiele wie die Romanhelden spielen, dieselben Zeitschriften lesen, dieselbe Musik hören... Jede Ausstellung ist eine neue Herausforderung.

Uschmann-Ausstellung "Ab ins Buch"
Uschmann-Ausstellung "Ab ins Buch"
Stadt.Land.Pop
Stadt.Land.Pop
Stramm-Ausstellung
Stramm-Ausstellung
Kabarettheroen
Kabarettheroen








Sie verschließen sich auch nicht der Popkultur. So widmete sich die Ausstellung Stadt.Land.Pop Musikern/Textern, die zwar aus Westfalen stammen, aber heute vor allem mit dem Label „Hamburger Schule“ versehen sind, wie Bernd Begemann, Bernadette La Hengst, Frank Spilker (Die Sterne) oder Jochen Distelmeyer (Blumfeld). Wie kommt so etwas beim traditionellen, eher bildungsbürgerlich-orientierten Publikum an?

Wir machen unser Ding und riskieren auch Widerspruch. Es ist doch nur gut, wenn über Literatur debattiert, gestritten wird. Rückblickend kann man sagen, dass unser Mut belohnt wurde und niemand eine Ausstellung „von der Stange“ will. Ich hatte aber, ehrlich gesagt, lange gezögert, ob wir das Pop-Projekt so durchziehen können. Wir sind ja eine wissenschaftliche Kommission... Im Nachhinein war es das richtige Projekt zur richtigen Zeit. Der Katalog ist mittlerweile ausverkauft, wir hatten auch bei den Konzerten viele Besucher, es sind Freundschaften entstanden. Auch als ich den Graffiti-Sprayer Stefan Gellendin gefragt habe, ob er August Stramms Texte direkt auf die Wände des Museums sprayt, war das ein Risiko. Bilder der Ausstellungen waren dann in ganz Deutschland zu sehen. Sowas gibt Rückenwind für die Zukunft.

Das Literaturmuseum ist Teil des Kulturguts Nottbeck, ein denkmalgeschützter Gebäudekomplex eines ehemaligen Rittergutes und liegt im Münsterland zwischen Oelde und Rheda-Wiedenbrück

Das Kulturgut liegt auf dem platten Land, da wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Anfangs wurde geargwöhnt, dass sich niemand dorthin verirrt. Das Gegenteil ist der Fall. Jährlich 22.000 Besucher sprechen für sich. Nottbeck ist ein Juwel in einer schönen Landschaft mit Kulturcafé und schönen Locations. Hier findet man Muße, hier hält man sich gern auf, ohne der City den Rücken zuzukehren.

Kulturgut Nottbeck
Kulturgut Nottbeck
Kulturgut in abendlicher Beleuchtung
Kulturgut in abendlicher Beleuchtung
Das Ruhrgebiet ist ebenfalls zur Hälfte westfälisch, sie featuren immer wieder Autoren und Künstler von hier. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Existenz des Museums und der zugehörigen Einrichtungen hier vielen potenziellen Besuchern nicht bewusst ist. Was tun Sie, um das zu ändern?

Wir tun, was wir können, seit Neuestem auch mit Facebook, Twitter und einer eigenen digitalen Museumszeitung im Netz. Aber wie das so ist. Die Zeitungslandschaft schafft Grenzen, die schwer zu überwinden sind. Ähnliches gilt für Fernsehen und Rundfunk. Aber wir können uns auch nicht beklagen. Von der FAZ bis zu 1Live haben alle schon über uns berichtet. Die Erfahrung lehrt: Wenn das Programm attraktiv genug ist, scheuen die Leute auch größere Entfernungen nicht. Daran arbeiten wir und vielleicht hilft das Jubiläum mit, den Geheimtipp Nottbeck weiter bekannt zu machen.

Mehr Informationen zum Museum und Jubiläumsprogramm unter kuturgut-nottbeck.de

alle Fotos: Kulturgut Nottbeck
bis auf Portraitfoto: Walter Gödden




 

Mo, 11.07.2011 1

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Kommentare

Nottbeck City...

... ein scheinbar bisher unentdecktes Kleinod.
Spannend!
Word up im Grünen!!

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05.01.2010

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