
"Medienkunst ist ein strategischer Begriff" - Interview mit HMKV Leiterin Inke Arns (Teil 1)
- Serie: Dortmunder U, Medienkunst
Am Freitag hat der HMKV seine erste Ausstellung nach der Fertigstellung der neuen Räume in der 3 Etage im Dortmunder U eröffnet. Nun beginnt der Alltag. Mit Inke Arns, Künstlerische Leiterin des HMKV, habe ich aus diesem Anlass über Medienkunst in Deutschland, Zeitgenossenschaft und die Zukunft des HMKV im Kunstestablishment gesprochen.
Christian Caravante: Gesellschaftskritische Kunst mit Medien oder mediale Gegenwartskunst. Wo steht die Debatte um den Begriff Medienkunst im Moment?
Inke Arns: Ich bin da auf zwei oder drei Booten unterwegs. Für mich ist es nicht, was es in den 90ern war, digitale, interaktive, virtuelle Kunst. Das war schon damals für mich nicht die Medienkunst. Diese Kunst lebte von der Faszination des Neuen und sprach über oder propagierte nur die Technologie an sich. Netzkunst und Softwarekunst waren da interessanter, weil sie die eigenen Medien kritisch hinterfragten. Das wird gern als Medienformalismus abgetan, dabei ist das in jeder Sparte so, dass das eigene Medium hinterfragt wird: Maler hinterfragen auch die Malerei. Beim Begriff
Medienkunst gibt es im Moment einen Umbruch - Ergebnis offen. Mann muss aber strategisch denken, weil der Begriff jetzt in der Politik verankert ist und dann ist es kontraproduktiv ihn schon wieder abzuschaffen.
Inhaltlich geht es mir aber um eine künstlerische Auseinandersetzung mit einer Welt, die zunehmend auf neuen Medien basiert und von diesen radikal verändert wird. Künstlerische Arbeiten müssen nicht zwangsläufig diese neuen Medien und Technologien einsetzten, um für mich interessant zu sein, sie können z.B. auch im Medium der Wandmalerei oder der Zeichnung ausgeführt werden. Da braucht es nicht unbedingt ein Gadget, das piept und blinkt. Das ist schon wieder eher eine Verschleierung, dessen, was es eigentlich kritisch zu hinterfragen gilt.
Warum ist es eigentlich wichtig, so einen allumfassenden Begriff zu haben? Wer braucht den? Eure Geldgeber, die Medien?
Das ist ein strategischer Bergriff. Bei der transmediale habe ich mir da meine Gedanken gemacht. Das ist ja das größte Medienkunstfestival Deutschlands, das aber gleichzeitig stark in der Kritik steht. Diese geht manchmal so weit, dass Leute dem Festival seine Existenzberechtigung absprechen. Ich sehe auch vielen Dinge, die ich kritisch bewerte und die sich ändern müssen, würde aber dem Festival niemals seine Existenzberechtigung absprechen. Aus dem ganz einfachen Grund, weil das Festival ein Forum ist, wo bestimmte Dinge gezeigt und diskutiert werden können, die in der zeitgenössischen Kunst sonst keinen Raum haben. Deswegen bin ich auch eine Verfechterin des Begriffs, selbst wenn mich viele Bereiche ästhetisch und inhaltlich nicht interessieren, die man Medienkunst nennt.
Bei der Durchsicht des Katalogs von 1996-2008 ist mir aufgefallen, dass der HMKV sehr viele politische/gesellschaftskritische Positionen gezeigt hat: vom Nikesquare oder Opera Calling, Andujars Language Property - um nur ein paar zu nennen. Ist das ein dominierender Teil der Medienkunst oder ist das der HMKV Blick auf die Medienkunst?
Das ist ein spezifischer Blick auf die Medienkunst und mein persönliches Interesse als Kuratorin und künstlerische Leiterin des HMKV. Es gibt sicher auch andere Arten von Medienkunst, die nicht so politisch sind. Ich plane jetzt aber auch weiter Projekte in diese Richtung. Auch die aktuelle Ausstellung hat einen politischen Anspruch, Stichwort Kolonisierung unseres Bewusstseins durch Medien.
Man hat den Eindruck Medienkunst beschäftigt sich gern mit sich selbst, also elektronischen Medien und ihrer Wirkung. Ist das nicht auf Dauer sehr selbstreferentiell?
Der Medienkunst hat man das in der Tat oft vorgeworfen. Ich habe schon geschildert, warum ich diesen Vorwurf für ziemlich dumm halte. Aber man kann es auch positiv verstehen: Der Einsatz des Mediums als Kritik am Medium, wie z.B. in Netz- oder Softwarekunstprojekten. Das ist keine Binnenschau, sondern ein Blick auf die Welt, weil Software heute überall ist. Die Kritik ist insofern verständlich, weil diese Art Kunst oft etwas kryptisch ist, da sie nicht mit den bekannten Formaten oder Oberflächen arbeitet. Ich sehe aber meine Aufgabe auch darin, diese Sachen zugänglich zu machen, denn Verständnis ist auch eine Frage der Vermittlung.
Du hast mal von der Medienkunst und ihrer speziellen Form der „Zeitgenossenschaft“ gesprochen. Wie weit reicht die denn zurück und nach vorn? Ist Medienkunst Kunst für die Unter-40 Generation?
Zeitgenossenschaft gilt natürlich für viele Arten von Kunst. Ich hab ihn aber verwendet, weil die Auseinandersetzung mit den oben beschriebenen Thematiken, eine mit unserer Welt ist, mit dem was aktuell jeden einzelnen angeht. Also auch die Über-40 Jährigen. Ich habe in meinem ersten Jahr beim HMKV die meisten Ausstellungsführungen selber gemacht, um zu verstehen, welche Fragen unsere Besucherinnen und Besucher mitbringen. Eine hat mich ziemlich irritiert: Warum ist denn die Medienkunst so schwer zu verstehen? Und ich dachte, die Künstler benutzen Video, das ist doch nichts Besonderes. Ich habe dann zurückgefragt: Was bitte ist daran schwieriger zu verstehen, als an einem Mondrian oder Jackson Pollock? Wir führen sie halt schon länger als kulturelles Gepäck mit und haben uns insofern daran gewöhnt.
Zu Teil 2 des Interviews
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