Medienkunst entzieht sich anderen Genres - Interview mit der HMKV Stipendiatin Kerstin Ergenzinger

Die Künstlerin Kerstin Ergenzinger (*1975, Köln) ist seit Anfang Februar Stipendiatin des Ministeriums für Kultur des Landes NRW, betreut durch den Hartware Medienkunst Verein in Dortmund.

Das Stipendienprogramm besteht seit dem Jahr 2000. Die Stipendiatinnen erhalten jeweils 6 Monate lang eine Unterstützung von monatlich 1.000 EUR sowie eine einmalige Materialpauschale in Höhe von 1.660 EUR. Da sich das Stipendium exklusiv an Medienkünstlerinnen (ohne große I) aus der Region richtet, bot sich Gelegenheit über die Medienkunst Szene hier, Frauen in der Kunst und die Definition von Medienkunst zu sprechen.
Kerstin Ergenzinger zeigt gerade bis zum 22. Mai eine Einzelausstellung in Enschede und am 11. März erscheint von ihr ein Künstlerbuch mit Zeichnungen. Einen guten Überblick zu Installationen, Zeichnungen und Projekten liefert ihre Webseite.

Christian Caravante: Mit welchem Projekt haben Sie sich beim HMKV beworben und woran arbeiten Sie zur Zeit?

Kerstin Ergenzinger: Mit dem Projekt Rotes Rauschen. Das sind Raumseismometer. Die horizontale Basis des Seismometers ist die gesamte Bodenfläche, die Wand die Vertikale, an der ein umgelenktes Pendel angebracht wird und frei schwingt. So wird ein Ort zum Seismometer. Als Raumseismometer lauscht ein Ort den Neigungen, also den Gewichtsverlagerungen, in seinem Innern, sowie den langsamen Frequenzen des allgegenwärtigen, seismischen Rauschens, das unter ihm durch den Boden wandert. Jeder, der einen solchen Ort betritt, verändert die Gewichtsverteilung und verschiebt das Beziehungsgefüge im Raum.
Die Idee ist Teil einer im Moment wachsenden Reihe von Installationen, in denen ich mich mit der Wahrnehmung und Interpretation von "natürlichen" Räumen auseinandersetzte. Ich erforsche das Zusammenspiel von Material und Bewegung, das sich an vor Ort gemessenen Signalen orientiert. Die Installationen sind so etwas wie Wahrnehmungserweiterungen oder Prothesen mit fiktionalem Gehalt.

Es gibt ja gerade eine Quotendiskussion in der Wirtschaft. Ihr Stipendium ist für weibliche Künstler gedacht. Wie sieht es denn aus mit Frauen in der Medienkunst?

Nicht so schlecht finde ich, es gibt schon einige. Wobei ich daran gewöhnt bin, dass Verwunderung geäußert wird, man hätte nicht gedacht, eine solch große Installation, die u.a. mit Elektronik, Mechanik und Programmierung arbeitet, sei von einer Frau. Ich war schon einige Male die einzige Frau in Ausstellungen mit entsprechender, computerbasierter Kunst. Sobald Arbeiten eine bestimmte Größe überschreiten und eindeutig auch technisches und handwerkliches Können erfordern, ist das glaube ich auch immer noch im Bereich Bildhauerei, Skulptur der Fall. Und solche Vorurteile beeinflussen natürlich, ob man für bestimmte Dinge ausgewählt wird.

Wichtige Entwicklungen von "Medienkunst" oder das experimentelle Kombinieren verschiedener, in ihrer Zeit neuer Medien, wurden aber häufig von Frauen vorangetrieben. Ich denke spontan an Valie Export, Katharina Sieverding, Joan Jonas, Nan Hoover oder Trisha Brown und Yvonne Rainer. Die Frage der Anerkennung ist eine andere. Die Arbeit im Bereich neuer Medien oder von technologischen und computerbasierten Kunstformen ist viel von Männern und der ihnen zugeschriebenen Technikkompetenz und Begeisterung bestimmt. Grundsätzlich neigen Frauen etwas weniger zum Technikfetischismus, in den das Ganze manchmal auch umschlagen kann.

Wie würden Sie ihre Arbeit jemandem beschreiben, der die Feinheiten der Unterscheidung zwischen Film, Bildender Kunst, Videoinstallation oder Medienkunst nicht kennt?

Ich arbeite mit unterschiedlichen Medien. Also versuche ich zu beschreiben, dass ich sowohl vertraute Materialien und Methoden aus den Bereichen Skulptur, Architektur und Zeichnung, manchmal auch Fotografie und Video verwende, als auch solche aus den Bereichen Robotik also Elektronik, Mechanik, Programmierung.

Was macht Ihre Kunst zu speziell zu Medienkunst?

Ich denke, sie entzieht sich der eindeutigen Zuordnung zu einem anderen Medium oder Genre. Außerdem enthalten meine Installationen in unterschiedlicher Form Maschinen und Systeme, für die spezielle Hard- und Software entwickelt wurde. Ich setzte mich inhaltlich u.a. damit auseinander, was bzw. wie Techniken und Methoden, die unser „Jetzt“ prägen Wahrnehmung und somit unser Denken und Handeln beeinflussen.

Welchen Bezug haben ihre Arbeiten zu ihrer Heimat / NRW? Oder ist das die Crux bei regionalen Stipendien, dass man den herstellen muss?

Für das HMKV Stipendium musste ich keinen inhaltlichen Bezug zu NRW herstellen. Man kann einfach das Projekt oder die Idee formulieren, an der man arbeiten will. Der Bezug ist, dass man hier geboren ist oder lebt und arbeitet.


Wo sehen Sie NRW und besonders das Ruhrgebiet als Medienkunststandort in Europa?

Geographisch nah an Belgien und Holland (lacht). Beide Länder, vor allem Belgien, haben spannende, experimentelle Kunstszenen. Außerdem teile ich die Meinung, dass sehr viele Städte und Orte in NRW hoch spannende, oft international aktive Institutionen oder Initiativen beherbergen oder hervorbringen. Die Dichte und Qualität ist besonders.

Spielt eine regionale Bindung heute überhaupt noch eine Rolle im Kunstbetrieb? Spielt Ihr Wohnort eine Rolle für Ihre Arbeit?

Das sieht sicher jeder Künstler etwas anders, ich glaube es ist und bleibt wichtig, wer bei einem um die Ecke wohnt und dass man sich auch mal schnell treffen kann, ein paar spannende Ausstellungs- und Veranstaltungsorte ohne zu lange Anreise erreichbar sind. Obwohl man das bis zu einem bestimmten Grad durch die
3Kommunikationsmöglichkeiten im Netz kompensieren kann. Für mich ist die Gegend wichtig, in der ich hauptsächlich wohne: auf Grund der Anregungen, die ich dort versammelt finde und der Offenheit und den damit verbundenen Möglichkeiten. Allerdings ist dieser Wunsch im Privaten und Beruflichen nicht immer leicht unter einen Hut zu bringen. Letztlich reise ich ziemlich viel durch die Gegend.

Wo sehen sie die heutige Medienkunst sich abgrenzen zur „normalen“ bildenden/darstellenden Kunst. Ist das Label "Medienkunst" eher eine Zuordnung von Außen?

Für mich ist es eher eine Zuordnung von Außen, die sowohl aus dem Bedürfnis, als aus dem strukturellen Zwang entsteht zu kategorisieren, zu erklären; wobei es gleichzeitig auch dazu verwendet wird, künstlerische Praktiken zusammenzufassen, die in bestehende Kategorien nicht recht passen und für diese Formen, verschiedenste Plattformen zu realisieren und zu etablieren.

Vielen Dank für das Gespräch.
Do, 03.03.2011 0

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25.03.2010

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