Martin Büsser: "Es scheint, als sei Nation wieder cool"

Schwarz-Rot-Gold geht gar nicht. Schwarz-Weiß-Denken ebenso wenig. Jener Martin Büsser über das Recht am eigenen Wort, das Verhältnis zwischen Pop und Nation, sowie RUHR.2010 als Gegenpol zum kulturellen Zentralstaat.

Dass Helene Hegemann, neuer Nachwuchsstern am hippen deutschsprachigen Literaturhimmel, bei ihrem Debütroman „Axelotl Roadkill“ Passagen aus dem Buch „Strobo“ von Airen entnommen hat, löste zuletzt im Feuilleton eine lebhafte Debatte über das Urheberrecht am eigenen Wort aus. Welche Position nimmst du in dieser Frage ein?

Büsser: Das ist ein ganz schwieriges Ding. Die Frage, die da für mich interessant ist: Wird Künstlern geschadet? In dem Fall, den du angesprochen hast, hat mir der SuKultur-Verlag, wo das „Original“ erschienen ist, vor einem Jahr das Buch geschickt, aus dem Hegemann Passagen sozusagen geklaut oder übernommen hat. Nun ist der SuKultur-Verlag wesentlich kleiner und der Autor wesentlich erfolgloser, als die Autorin jetzt mit ihrem Buch. In diesem Fall stellt sich wirklich die Frage: Wird ein unbekannter Künstler da nicht geschädigt?

Aber ansonsten bin ich bei Urheberrechtsfragen, na ja… wir leben nun einmal in einer Zeit, wo es keinen originären Gedanken mehr gibt. Auch nicht die originäre Basslinie. So viele Variationen gibt es in der Musik gar nicht. Deswegen könnte eigentlich fast jeder Künstler bei jedem klauen. Das betrifft auch Stories. Erzählerische Geschichten sind limitiert. Jeder kommt immer wieder auf die selben elementaren Themen. Insofern muss man das locker sehen, denn sonst würde eine immense Klagewelle losbrechen, von der niemand etwas hätte.

Du hast an dem Projekt „I can´t relax in Deutschland“ mitgewirkt, aus dem eine auf dem Label „Unterm Durchschnitt“ veröffentlichte Musik- und Text-Kompilation hervorgegangen ist. Aktuell sucht Stefan Raab, von Millionen TV-Zuschauern begleitet, „unseren“ Star für Oslo. Ein Zeichen dafür, dass Pop(musik) und das Kollektiv Nation sich näher als je zuvor stehen?

Büsser: Nicht nur das. Es gibt wahnsinnig viele Beispiele. Vor einem halben Jahr hat Nena einen Pro-Deutschland Song veröffentlicht, der eindeutig dieses Land als das tollste aller Länder erklärt. Ich glaube, das ist zu einem Selbstläufer geworden, der überhaupt nicht mehr kritisch hinterfragt wird. Bei jeder Fußball-WM und EM schaukelt es sich von neuem hoch. Das finde ich sehr bedenklich, denn Pop-Kultur oder Pop-Musik war lange Zeit kritisch und hat sich nicht so Sachen wie Nation angedient. Es scheint, als sei Nation wieder cool geworden.

Auch RUHR.2010 beschwört das Kollektiv, setzt sich die Kulturhauptstadt doch aus über 50 einzelnen Städten zusammen und wähnt sich auf dem Weg zur geeinten Metropole Ruhr. Wie stehst du zur Bündelung und Vernetzung von kreativen Kräften?

Büsser: Anders geht es gar nicht mehr. Die Bündelung ist notwendig, um überhaupt eine Außenwirkung als Künstler zu bekommen. Im Grunde haben auch Plattformen wie Facebook, oder vorher myspace, nur Sinn gemacht, wenn nicht jeder ein Einzelkämpfer war, sondern Netzwerke entstanden sind. Bestenfalls haben Bands gesehen, dass andere Leute ähnliche Musik machen und dass es Clubs gibt, wo Bands ihrer Sorte auftreten können.

Dass sich nun die Städte im Ruhrgebiet zu einer Kulturmetropole zusammenschließen, ist also durchaus in deinem Sinne?

Büsser: Solange es nicht in den eben schon erwähnten Lokalpatriotismus endet, sondern tatsächlich darum geht, ein offenes Kulturprojekt zu schaffen, dann ist es okay und sinnvoller, als eine Zentralisierung. Was soll das, zu sagen: Wir machen es nur in Essen! Zumal Deutschland immer mehr zu einem kulturellen Zentralstaat wie Frankreich wird. Das meiste findet inzwischen in Berlin statt und ich finde es schon gut, wenn andere Städte dem entgegenwirken. Aber das sollten sie nicht nur während irgendwelcher Kulturhauptstädte-Zeiten tun, sondern Kulturvielfalt ein allgemeiner Trend sein.

Fotos: Michael Blatt

Fr, 19.02.2010 0

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05.01.2010

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