Jeff Collier im Portrait - Gesangstrainer, Songwriter und Produzent

Von Birmingham über London und Dublin nach Castrop-Rauxel: Der Amerikaner Jeff Collier hilft deutschen Rockbands und ihren Sängern, internationalen Maßstäben gerecht zu werden. Seit über einem Jahr lebt er in Berlin. „Das Ruhrgebiet kenne ich nach 17 Jahren auswendig.“

Sweet Home Alabama


Collier wächst auf in Birmingham/Alabama, im Süden der USA. Sein Vater ist Prediger, im sogenannten „Bible Belt“, dem tiefreligiösen Süden der Vereinigten Staaten, keine Seltenheit. „Alabama ist sogar die Schnalle am Bibel-Gürtel“, lacht der blonde Schlacks in seinem unnachahmlichen Akzent. „Die Menschen dort sind sehr konservativ“, meint er. Eine Karriere wie die seine hatten die Eltern, die Mutter arbeitet später als Sekretärin, nie im Leben geplant. Sie selbst haben sehr jung geheiratet, möchten ihrem Sohn eine vernünftige, solide Ausbildung ermöglichen. Schon als Kind singt Collier im Kirchenchor, seine erste Begegnung mit der Musik ist spiritueller Natur. Dabei bleibt es nicht lange. Er entdeckt die Drums, das Schlagzeug, oder besser: „Die Drums entdeckten mich.“

Mitte der Siebziger sieht er Kiss, ist fasziniert von der Show der New Yorker Schockrocker. Er wird Fan und trägt jeden Tag in der High School ein anderes Kiss-Shirt. Die Schule schließt er ab, spielt aber bereits in Bands. Sein Berufsweg ist vorgezeichnet, wie er zugibt. Die Musik hat ihn vollkommen überwältigt, eine ausgeprägte Stimme und untrügliches Rhythmusgefühl sind ihm in die Wiege gelegt. Erste Erfahrungen sammelt er in Coverbands („mit älteren Typen, es gab 100 Dollar die Woche“), dort lernt er die Musik anderer Gruppen wie Led Zeppelin, The Who und Queen lernen und lieben, schafft es, neben den Drums auch noch zu singen - keine ungewöhnliche Kombination in den späten Siebzigern. Vorbilder sind neben Joey Kramer von Aerosmith auch Keith Moon von den Who. Collier jobbt nach der High School in einer Telefonfabrik, im Hotel und als Kellner. Dann versucht er sich in einer Band, die auch außerhalb Alabamas auftritt. Sie heißt 37 Targets, stammt aus Tennessee, wird vom selben Team wie die frühen R.E.M. produziert. Durch Einsätze im College-Radio kommt der Kontakt nach Europa zustande, sie setzen über den Großen Teich, wollen sechs Wochen bleiben, am Ende sind es sechs Monate.

London, Dublin, Castrop-Rauxel


„Wir haben uns in dieser Zeit innerhalb der Band anständig hassen gelernt“, was sich aber nicht auf sein Privatleben auswirkt: Collier lernt eine deutsche Frau kennen, er verliebt sich, sie kehren in die USA zurück, heiraten, damit sie bleiben kann. Nach einem Jahr Arbeit in einem Tonstudio leckt der Musiker wieder Bühnenblut, das Paar siedelt Ende der Achtziger nach London über, sie schlagen sich wieder ein Jahr lang mit Teilzeitjobs durch, bis das Angebot kommt, bei einer irischen Band namens Cactus World News einzusteigen. Das Paar zieht nach Dublin. Nach dem Ende dieses Engagements Anfang der Neunziger nutzt Collier bestehende Kontakte, trommelt in Dortmund einige Stücke für Phillip Boas Voodooclub ein, hilft bei den Briten The Waterboys („The Whole Of The Moon“) aus, deren Boss Mike Scott damals in Dublin wohnt. Die Frau wird schwanger und um wenigstens ein Großelternpaar in der Nähe zu haben, zieht die Familie nach Castrop-Rauxel, wo Sohn Alex 1992 geboren wird.

Collier findet sich im Ruhrpott trotz „Kultur-Schock hoch zehn“ sofort zurecht, „der Menschenschlag hier ist ähnlich strukturiert wie in Birmingham, beide Regionen haben dieselbe Arbeiterklasse-Historie.“ Einen großen Unterschied stellt er trotzdem fest: Im Pott sind die Menschen direkter, nicht so gezwungen freundlich wie die Amerikaner. „Hier schießt dir niemand lächelnd ins Knie, so wie in meiner Heimat“, grinst er. Anfänglich hat er Probleme mit der direkten Art, aber nach kurzer Zeit gewöhnt er sich daran; ja, er bevorzugt mittlerweile diese Kommunikationsweise, empfindet sie als angenehmer und ehrlicher. Er lernt schnell Deutsch, auch wenn es ihm schwerfällt. „Zwei, drei Jahre hat es schon gedauert, aber dann war es mir irgendwann egal, ob ich Fehler mache oder nicht. Die Leute haben mich trotzdem verstanden.“ Beruflich stellt er sich erstmals vor ein Mikro, in der Band TASS (mit ehemaligen Voodooclub-Mitgliedern) versucht er sich als Frontmann. Zwei Platten folgen, aber der Erfolg will sich nicht einstellen. „Wir wollten dissonant sein, die Leute vor den Kopf stoßen. In England fanden sie das gut, hier in Deutschland ging der Schuss nach hinten los.“

Selbst und ständig


Als ihn der Produzent Siggi Benn 1996 einlädt, als Muttersprachler die Produktion der ersten Farmer Boys-CD „Countrified“ zu überwachen und den Sänger Matthias Sayer zu unterstützen sowie seinen schwäbischen Akzent zu eliminieren, ändert sich der berufliche Werdegang abrupt. „Ich habe gemerkt, wie gut ich mich in andere Künstler hineinversetzen kann und was ich zu tun habe, damit ein Song besser klingt.“ Es folgen weitere Aufträge, die Marktlücke und Collier finden schnell zusammen. Guano Apes, H-Blockx, Donots, Kreator, selbst ausländische Künstler wie die Skandinavier Apocalyptica greifen auf seine Dienste zurück. Seit Mitte der neunziger Jahre ist der Amerikaner in Deutschland ein gefragter Mann, wenn es darum geht, Songs und deren Gesangslinien zu perfektionieren. Nervös war er dabei noch nie, auch bei großen Namen kennt er kein Lampenfieber. „Mit Uwe Ochsenknecht zum Beispiel habe ich mich sofort sehr gut verstanden.“ Nebenher übersetzt er Filme für das ZDF und Arte. Musikalisch beschränkt er sich auf Rockmusik, „weil in der Popmusik andere Parameter herrschen und man nicht so frei agieren kann.“ Collier ist selbstständiger Produzent, Songwriter, Texter, Vocal Coach in Personalunion, fühlt sich in dieser Rolle und auch im Ruhrgebiet sehr wohl.

Trotzdem zieht er Ende 2009 weg, siedelt nach Berlin über. Seine Ehe ist längst Geschichte, der alleinerziehende Vater bespricht den Umzug mit seinem Sohn, der mittlerweile kurz vor dem Abitur steht. „Ich war lange genug im Pott, ich habe alles gesehen hier, es wurde Zeit für eine Veränderung. Man könnte es Midlife-Crisis nennen, in meinem Fall trifft das aber nicht zu.“ Berlin habe ein noch breiteres Spektrum, was die Bevölkerungsstruktur angeht. Collier mag den internationalen Touch der Hauptstadt, die Auftragsbücher sind voll, weil die „Szene hier noch gesund ist“. Es gebe noch viel zu entdecken in Berlin, er bereut seine Entscheidung nicht; das Ruhrgebiet vermisst er kaum, die USA auch nicht, nur das Essen aus seiner Heimat. „Spezielle Gerichte aus meiner Kindheit mag ich immer noch sehr gern, und die sind hier in Deutschland sehr schwer zu finden.“ Hätte er einen Wunsch frei, wen er noch produzieren wolle, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Ganz klar, David Bowie!“
Fotos: privat/Joe Dilworth

Sa, 26.02.2011 0

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Über den Autor

17.02.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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