
Möglichkeiten des Anderen
- Serie: Kunst
Von Werner Busch. Eine ganz alltägliche Begegnung. Eine unspektakuläre Reifenpanne. Eine kurze Reparatur. Dann fährt der Mann aus der Stadt weiter. Und dennoch ist in den Minuten zuvor unglaublich viel in ihm passiert. Durch das Gespräch, das er mit dem Jungen führt, der dort am Wegesrand scheinbar nicht mehr zu tun hat, als eine einzelne Kuh zu hüten. Zwei Fremde unterhalten sich. Woher man kommt, was man tut. Augenscheinlich begegnen sich nicht nur unterschiedliche Alters-, sondern auch Lebenswelten. Der Mann ist ein bekannter Dirigent. Vor zwei Wochen, so erzählt er bewegt, hat er in Wien ein Konzert gegeben und zehn Minuten lang stehende Ovationen erhalten. Den Jungen beeindruckt das wenig, das habe es kürzlich auch in der Schenke seines Dorfes gegeben, als der Traktorist Mezekliev drei Liter Rotwein auf einen Zug gestürzt habe. Touché! Doch trotz ihrer Verschiedenheit spürt man sehr bald ein unsichtbares Band zwischen den beiden ungleichen Charakteren, ein tieferes gegenseitiges Verstehen. Ovationen kann man für alles im Leben bekommen, ein anderes Leben ist möglich.
Auf wunderbare Weise verbindet Regisseur Stefan Chernev in seinem Film das Beiläufige und Nebensächliche mit den großen Lebens- und Sinnfragen. Angenehm unaufdringlich findet die Kamera allegorische Bilder für das Innenleben der Figuren. Zur zum Schwermut tendierenden, tiefen Sehnsucht des Dirigenten, setzt der Junge mit seiner schelmischen Unbekümmertheit einen fabelhaften Kontrapunkt, so dass der Film seiner wunschträumerischen Schwere eine große Leichtigkeit aufsetzen kann; am augenscheinlichsten in dessen unerwarteten Schlussminuten. PIECE OF THE RAINBOW ist einer dieser kleinen und schlichten Filme, denen scheinbar mühelos etwas ungemein Schweres gelingt: den Zuschauer die Welt ein klein wenig anders sehen zu lassen.
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