LOVE MINUS PARADE

Nun sind die Toten beerdigt. Für die Betroffenen beginnt nach dem Schock die Trauerarbeit. Auch medial wurden alle Aspekte beleuchtet. Und die Staatsanwälte können in Ruhe die Akten studieren und die Schuldigen bestrafen lassen.

Es ist an der Zeit, die Kultur zu würdigen, die die Parade als Massenphänomen erst ermöglichte. Eine Kultur, die für diese Katastrophe allerdings so wenig verantwortlich ist, wie die Treppen und Steine, auf denen 21 Raver in Duisburg totgetrampelt wurden: Die Techno-Bewegung.

Die USA gebar Rock ´n Roll, das UK Pop – und wir Techno

Geboren in Frankfurt und Berlin in den späten 80er-Jahren als ein Abpraller von maschinell erzeugten Beats der Düsseldorfer Band Kraftwerk. Ihr elektronischer Sound wurde über die Banden New York, Chicago und Detroit mit schwarzem Funk und Soul gemischt und als unwiderstehliche Mischung zurückgespielt.

Dennoch verstand man die Bedeutung von Techno in seiner Heimat nur selten. Die USA gebar Rock ´n Roll, das UK Pop – und wir Techno. In den 90ern prägten nur wenige Ereignisse das positive Image des sich wiedervereinigenden Deutschlands stärker als die Millionen Raver im Tiergarten. Deshalb verdanken nicht nur Clubber und DJs dem Phänomen sehr, sehr viel.

Worum ging es damals in Berlin? Um Freude, Musik, Freiheit und Ekstase. Natürlich gehörten auch Ecstasy und Acid dazu, genauso wie LSD zu „St. Pepper“. Aber die Synonyme für ausgelassene Partys in diesem Land waren bis dato Schützenzelt und Oktoberfest, vielleicht auf noch die Maueröffnung. Der Erfolg des verrückten Umzugs war da ein Quantensprung.

Die Loveparade musste zum Mainstream werden

Die deutsche Jugend, eben noch kopfüber im Sangriaeimer auf dem Ballermann arretiert, erschien plötzlich als prägende Avantgarde einer neuen Weltkultur. Denn zu nichts weniger wurden Techno und seine Leitmesse Loveparade innerhalb von 10 Jahren. Auch durch den weltweiten Export, zum Beispiel nach Tel Aviv, Kapstadt, Wien, Mexico City, San Francisco und Santiago de Chile.

So musste die Loveparade lange vor ihrem Umzug ins Revier zum Mainstream werden. Mit einem finalen Schicksal, dessen Bedingungen viele Massenbewegungen in sich tragen: Der Moment, wenn die gigantischen Kräfte das Glück des Aufgehens in der Menge zum tödlichen Horror werden lassen. Rock ´n Roll in Altamont, Fußball in Heysel und der Islam in Mekka – die Katastrophen sprachen nie gegen die Kraft der Ideen dahinter. Sondern sie entstanden durch Dilettantismus, Ignoranz und Gier im Umfeld.

Opfer von Gewinnstreben und Eitelkeiten

Tragisch, dass die Gefahr dieser Interessenlage vor Duisburg nicht erkannt worden ist. Doch die Schuld tragen nicht diejenigen, die die Party von ganzem Herzen herbeigesehnt haben. Sondern nur Veranstalter, Oberbürgermeister, Sicherheitsdezernent und Polizeichef, soviel kann auch ohne Gerichtsurteil schon festgestellt werden. Und ob diese Männer schon heute oder erst morgen für ihre Versäumnisse einstehen: In jeder Stunde ihres Lebens werden sie künftig an die tödlichen 30 Minuten am Spätnachmittag des 24. Juli 2010 denken müssen.

21 Raver sind tot. Aber sie sind keine Opfer der Loveparade, sondern von Gewinnstreben und Eitelkeiten. Eingebracht von neuen Akteuren, die 1989, in der Kernidee, nie vorgesehen waren.

Auch für eine Musik, die zum Tanzen produziert wird und deren Stimmung deshalb nur aus verschiedenen Stadien von Euphorie besteht, beginnt nun eine neue Ära. Die Parade ist tot, der Techno lebt weiter.

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Di, 03.08.2010 3

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Kommentare

Techno!$???

Leider hat Ralf natürlich Recht: So richtig "Techno" ist die Loveparade schon lange nicht mehr. Aber selbst ein Guetta als Bon Jovi des Techno hat mit dem ursprünglichen Geist noch mehr zu tun als die Loveparade-"Mitbewerber" Rock am Ring, Summer Jam oder Wacken und ihre jeweiligen Kulturen. Oder doch nicht mehr? Der Erfolg des Genres wird jedenfalls immer mit Ausdifferenzierung bezahlt.

Ein

echt guter Beitrag, vielen Dank. Techno (im weitesten Sinne) ist für mich gerade die progressivste und spannendste Musikrichtung - und man darf wohl auch mit Spannung erwarten, wohin die Reise jetzt geht.
Zur Loveparade bleibt nur zu sagen, dass nun hoffentlich die Ursachen, nämlich die Ausnivellierung kultureller Phänomene bis zur Unkenntlichkeit und die Tendenz zu immer größeren Mega-Veranstaltungen, mal hinterfragt werden.

Techno

Die Musik der Loveparade, wie wir sie in den letzten Jahren kannten, kann nur zu einem sehr geringen Teil als Techno bezeichnet werden. Der Musikstil Techno impliziert Fortschritt, doch den wollten die (meisten) Akteure dieses Events schob lange nicht mehr. Die wollten ins Radio. David Guetta, ATB? Techno findet wo anders statt.
Ign geht's gut, keine Sorge...

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06.01.2010

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