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London: Shu Shanyi über die Erneuerungskraft reiner Kunst

Eine kritische Einschätzung von Chinas Gegenwart und Zukunft

Die China Central Academy of Fine Art hat „The Start of a Long Journey – The Future of Art“ in Londons Art@GoldenSquare präsentiert. Die Ausstellung machte mich neugierig: Was bedeutet Innovation abgesehen von all den neuen medialen Entwicklungen, und was denkt ein chinesischer Künstler, der eine erweiterte Definition des Begriffs Kultur hat, da er sich durch enorme soziale Veränderungen durchkämpfen musste? Diese Fragen führten mich zu Shu Shanyi, der einer der ausstellenden Künstler ist.
 

Vereinen sich soziale Trends, Geschichte und Zukunft in Deiner Kunst?

Definitiv. Ich habe Folgendes mit dem Neuen Chinesischen Plakat gemacht: Ich habe die Tradition des Neujahresplakats aufgenommen, das soziale Entwicklungen aufgreift und auch stark propagandistische Züge hat. Während ich die warmen und lebhaften visuellen Charakteristiken beibehielt, verwandelte ich die Plakate in ein Porträt der Realität, das die Zukunft und Gegenwart reflektiert und übertrage die Realität in eine Superrealismus- Vorausschau.


Auf welche Reaktion hoffst Du?
Dass Realität neu wahrgenommen, neu gefühlt wird. Oder dass sogar eine authentische und ehrliche Kraft entsteht, die die Gedanken des Künstlers aus der Realität heraus formuliert. Ich hoffe, dass ich mit der Metapher des chinesischen Plakats vor der impliziten Zukunft warnen kann.

Brauchen wir denn Warnungen?
Durch die Ein-Kind-Politik hat China nun das Problem einer alternden Gesellschaft. Der Druck auf das Rentensystem wird immer größer, die Kosten für die Gesundheit werden immer höher, die Arbeitskräfte werden knapp, die Wirtschaftsentwicklung ist beeinträchtigt und es gibt neue soziale Konflikte.


Wie würdest Du die gegenwärtige chinesische Kunstwelt beschreiben?

Im Augenblick sieht es so aus, als ob sie einen großen Sprung nach vorne machen würde, wie in den Sechzigern. „Übertrieben“ ist hier wohl das angemessenste Adjektiv. Aber die Blase wird am Ende zerplatzen. Ich mag eine derartige Umgebung nicht, sie ist mir zu unehrlich. Künstler, Galerien, Vertreter, Medien und die Öffentlichkeit haben sich auf die gegenwärtige Situation nicht vorbereitet. Die meisten von ihnen handeln eigennützig. Die Kriterien, unter denen ein Künstler bewertet wird, scheinen wie eine Art Auszeichnung zu sein. In dieser Umgebung würde ich mich lieber dazu entschließen, aufzuhören. Um das zu tun, was ich für wirklich am besten halte: Dinge verändern. Ich habe eine Designfirma. Zur Zeit arbeite ich an einigen interessanten Produktdesigns. Indem ich das tue, kann ich überleben und, was noch wichtiger ist, meine Kunst wird nicht durch andere Interessen beeinträchtigt. Sie bleibt reine Kunst.

Das hört sich nach einer Herausforderung an.

Wegen der Bedingungen in China wählen viele Künstler einen marktorientierten Weg für ihre Kunstkreationen. Es geht um Nachahmung, Imitation, Duplikation, Bedächtigkeit und darum, möglichst viel Lärm zu machen. Also besteht die größte Herausforderung in China darin, reine Kunst zu machen und nicht anderen Interessen hinterher zu jagen. Das ist meine persönliche Meinung – ich will die chinesische Kunst damit nicht kritisieren.


Was sonst bedeutet Innovation für Dich – außer der Freiheit, das zu tun, was Dir gefällt?

Für mich ist Innovation ein Prozess, der von innen nach außen wirkt. Er ist nicht abhängig von neuen Medien oder einer bestimmten Sprache, er sucht auch nicht nach Irritation oder Innovation nur um der Innovation willen, nur um zu sagen „Ich bin innovativ.“ Wenn ich ein Problem sehe, suche ich einen angemessenen Weg, es auszudrücken, und die Innovation kommt automatisch.


Wie arbeiten andere Künstler?

Einige der chinesischen Künstler befinden sich auf einem Irrweg. Viele versuchen, innovativ zu sein, aber sie spiegeln nicht die Probleme des Lebens in ihrer Kunst wider. Es geht ihnen um die Aufmerksamkeit, aber die Bedeutung der Kunst an sich ist ihnen egal.


Kannst Du aus Deiner Perspektive beschreiben, in welche Richtung die im Titel der Ausstellung angekündigte “lange Reise” gehen sollte?

Die längste Reise beginnt mit einem einzigen Schritt. Was ich jetzt mache ist ein Anfang. Es ist ein Weg, die Kunst vom Leben beeinflussen zu lassen und dem Leben eine letztendliche Bedeutung zu geben. Ich sehe Probleme im Leben, beim Erschaffen meiner Kunst und beim Finden angemessener Wege, meine Ansichten und Sorgen auszudrücken. Mein Ziel ist, dass das chinesische Volk meine Arbeiten akzeptiert, sich der Probleme, die wir in unseren Leben haben, bewusst wird und entsprechend handelt. Wir sollten uns um unsere Probleme kümmern. Ich glaube, dass, wenn Kunst mehr Bedeutung hat, sie auch eine wirkliche Funktion im Leben hat.

Do, 09.02.2012 0

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05.11.2010

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