Local Hero Waltrop – Fachwerk und Karnickel

Samstag, 7. August 2010

An der Ortseinfahrt empfängt einen ein Veranstaltungshinweis, der Waltrop einordnet: Am 22.8. findet das Rasenmäherrennen statt. Kinder mit Kaninchenohren kommen mir entgegen. Nach einem Frühstück beim Gelatopazzia, das dieser „Handwerkerfrühstück“ nennt, erkunde ich die City von Waltrop. Wie Bottrop hat Waltrop ein trop am Ende. Waltrop bedeutet „Dorf im Wald“, Bottrop „Dorf am Hügel“. Es herrscht ein munteres Treiben in der City, 16 Fahrradkilometer von der Grenze zu Dortmund entfernt.

Subjektives Gucken

Dicke Frauen in Blümchenunterhosen, die aus den Jeans quellen, reden nebenan über Schlagerstars. Der Kaffee kommt vor dem Frühstück. Seit ich auswärts frühstücke, passiert dies immer wieder. Das Essen kommt, der Kaffee ist kalt oder ausgetrunken. Eine Sirene – irgendwo muss was los sein am letzten Local Hero Tag in Waltrop. Aber ich muss noch mein gewaltiges Handwerkerfrühstück einnehmen. Schon was verpasst? Wie so oft – nirgendwo Hinweise auf die Kulturhauptstadt oder Local Hero. Nur vor dem einsam in einer Nische gelegenen Rathaus flattern die Fahnen. „Zum Abschluss der Waltroper Local Heroes Woche werden alle Workshop-Ergebnisse der Local Heroes Woche präsentiert und die Sieger der Waltroper Karnickelplage werden prämiert.“ Heißt es. Ausgestellt sind zirka 50 gebastelte Karnickelexemplare, wieder ein Kinderevent. Man bekommt eine Wahlkarte und kann wählen. Wie gestern bei den hochgetunten Autos. Jedes Jahr findet das Waltroper Parkfest statt und immer wird irgendetwas prämiert. Zur Kulturhauptstadt sind dies Karnickel. Wieder so eine glänzende Idee von den kreativen Stadtkulturverwesern.

Mutationen

Eine Wespe. Meine erste beim diesjährigen summer-public-eating. Sie stürzt sich auf ein abgefallenes Stück Käse mit Speck. Sie zerrt und reißt ein Stück heraus, fliegt damit weg wie ein Adler mit einem Kaninchen. Wohin mutieren diese Viecher noch? Marmelade – ja, Nutella – ja, aber Käse und Speck?
Ich habe Angst.
Sie kommt wieder, holt sich noch ein Stück.

Ich telefoniere mit P. auf dem Weg in die Schweiz. Sie haben eine Kaffeemaschine dabei – fürs Auto! Während eines Staus in Mannheim wird frisch gebrüht. Passt das zu diesen mutierenden Wespen? Später gibt es Karnickel-Mutationen.

Charme-Offensiven

Anlässlich des angenehmen Wetters und meiner Unaufgeregtheit würde ich gern etwas Charme versprühen. Aber der Kellner scheint mir dafür ungeeignet. Also weiter.
Am Schleusenpark verlangt man 2,10 Euro Eintritt. Man sei eine Bundesbehörde und freier Eintritt müsse vorher mit dem Chef abgeklärt werden. Auch hier verzichte ich auf eine Charme-Offensive. Ich sehe eine stille Schleuse, bin mäßig beeindruckt. Im Café trifft neben mir eine Gruppe rentnerischer Fahrradfahrer mit strammen Trombosewaden ein. Die Kellnerin wäre lieber nicht hier, auch dieses Mal nix mit Charme. Gegenüber dösen ein paar Miniyachten am Anlegeplatz der berühmten Santa-Monika-Flotte. Ich frage, ob die Blumen, die so aussähen wie Trompeten, Trompetenblumen hießen. „Ja, sie heißen Trompetenblumen“, sagt eine andere Kellnerin. Wieder nix. Sollte ein Gag sein. Immerhin lache ich.

Wohngedanken am Hafen

Ich denke daran, meine Wohnung auf hohem Niveau umzugestalten. Die Idee würde das Gästezimmer als solches vernichten. Die Idee ist kühn, da ich doch kein finanzielles Licht am Ende des Tunnels 2011 sehe, also Rücksichtslosigkeit gegenüber der Zukunft. „Was wäre wenn-Gedanken sind reine Freizeitgedanken, überflüssig wie Geschirr aus Holz. Ich setze meine Reise fort nach Schwerte über die B236, um über Kostüme nachzusinnen, eine überaus anstrengende Beschäftigung.

Heiratsauflauf

Ich sitze vor dem Schwerter Spanier, neben mir die schöne alte Kirche am Markt. Es läutet und die Tür wird aufgeschoben. Heraus quillt eine große Hochzeitsgesellschaft mit allem Pipapo. Hunderte von Gästen, die defilierend anstehen, vor allem dem Bräutigam zu gratulieren oder anderes ins Ohr zu pusten. Ich bin zu früh zu unserer Verabredung. Also filme ich die ganze Gesellschaft und die Vorgänge vor der Kirche. Ich zeichne auch die Atmosphäre auf, das Läuten der Kirche. Wir werden diesen Film der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen während der Blauen Nacht, die bald von uns über die Altstadt gelegt wird.

Akrobaten

Die beiden Akrobaten kommen, die Trampolinbezwinger, um ihren Einsatzort zu besichtigen. Die Anwohner grüßen, wissen, dass hier bald die Kunst Einzug halten wird, die darstellende. Am frühen Abend fahre ich nach Hause. Es wird ein gesellschaftsloser werden, mit einem Fernsehprogramm für Waltroper Karnickel.

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So, 08.08.2010 0

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