
"Literaturwunder Ruhr": Fast Komplett
- Serie: Quergelesen
Die Beiträge entstammen der gleichnamigen Tagung, die 2010 in der Bibliothek des Ruhrgebiets stattgefunden hat. Neben der Bibliothek des Ruhrgebiets finden sich noch die Logos der Ruhr-Universität, der Literarischen Gesellschaft Bochum und des Fritz-Hüser Instituts Dortmund in der Liste der Unterstützer. Prof. Gerhard Rupp (Literaturdidaktik RUB), Hanneliese Palm (Leiterin des Fritz-Hüser-Instituts) und Julika Vorberg haben den Band herausgegeben.
Lyrik im Ruhrgebiet
Das fröhliche Namedropping findet im Band seine Fortsetzung: Jürgen Link analysiert „Wie Heimatliteratur scheitert.“ Ivette Vivien Kunkel zeigt „Verdichtetes“. Von Werner Steletz werden Texte präsentiert, durch die nachfolgend von Ralph Köhnen einen Streifzug unternimmt. Der vierte Abschnitt wirft einen Blick über den Tellerrand der Literatur: Nachdem Daniela Frickel sich noch des Themas Lyrik im Ruhrgebiet annimmt, präsentiert Martin Maurach Hörspiele und akustische Kunst über das Ruhrgebiet, stellen Jürgen Wilbert und Friedemann Specker das Deutsche Aphorismus-Archiv in Hattingen vor und arbeitet Jonas Engelmann zielsicher jüdische Motive in Hendrik Dorgathens Comic „Der Stahlgolem“ heraus. Lesenswert ist Daniela Waldens Analyse der Rezeption von Migrantenliteratur.
Vielleicht am spannendsten ist der letzte Teil, in dem Harro Müller-Michaels, Artur Nickel (interessanter Zugang über das Thema Literatur für Kinder und Jugendliche), der hier leider ausgeschiedene Leiter des Literaturbüros Ruhr Gerd Herholz und Macando-Herausgeber Frank Schorneck einen Ausblick in die Zukunft der Literatur an der Ruhr werfen, vor allem aber auch strukturelle Probleme skizzieren.
Literatur für wissenschaftlich Interessierte
Es wäre von vornherein zu viel verlangt, von diesem Band den Spagat zwischen Wissenschaftlichkeit und Lesbarkeit ernsthaft zu verlangen. Es ist deshalb löblich, dass er gar nicht erst versucht wird und bei der Themenauswahl und oft auch bei der Sprache eindeutig wissenschaftlich Interessierte angesprochen werden. Über ein paar Ungenauigkeiten im Vorwort (der Titel der Kulturhauptstadt ging an Essen und nicht an das Ruhrgebiet unter Führung von Essen, Bochum und Dortmund) und die hier etwas rosarot gezeichnete Situation eines neuen Wir-Gedankens, den Erfolg der Kultur an der Ruhr und die abermalig beschworene besondere Mentalität der Menschen kann dabei großzügig hinweg gesehen werden. Den besonderen „Schlach“ der Menschen, kann man bekanntlich besonders gut im Kommentarbereich bei derwesten.de bewundern. Schade ist darüber hinaus, dass der Großteil der trivialen Literatur an der Ruhr (wie unter anderem der Krimi) in dem Band leider fast komplett ausgespart wurden. Die Analyse vom Literaturwunder Ruhr ist also keineswegs vollständig, aber es ist sicher einer der umfassendsten Beiträge zum Thema, die bislang erschienen sind.
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