Literatur/Ruhr: Der »Karl Kraus des Reviers«, Zwischenrufe aus den 20er Jahren

»Es ist nichts damit getan, wenn man zu den vielen Konzertsälen, Theatern und Museen, die es in Deutschland gibt, neue hinzufügt. Meist ist die Zeit schon über die Vorbilder hinweggegangen, wenn man an der Ruhr die Nachahmungen begründet.« Man braucht nicht viel Phantasie, um diese Sätze auf die gegenwärtige Kulturlandschaft des Reviers zu beziehen. Aktuell liest sich auch der folgende Einwand: »Die Städte strengen sich an, geben für Kultur und Kulturreklame mehr Geld aus, als sie angesichts der sozialen Lage verantworten können, und es kommt nichts dabei heraus.«

Die zitierten Stellen finden sich in einem Text, der schon 1929 unter dem Titel »Kulturpolitik an der Ruhr« erschienen ist. Sein Autor: Erik Reger, geboren 1893, in den zwanziger Jahren Pressereferent bei Krupp in Essen, danach freier Publizist und Romanschriftsteller (Union der festen Hand), nach dem Krieg Gründungsherausgeber und Chefredakteur des Tagesspiegels in Berlin. Unter den vielen prominenten Journalisten – von Egon Erwin Kisch über Joseph Roth bis Ernest Hemingway –, die in der Weimarer Republik über das rheinisch-westfälische Industriegebiet schrieben, sticht Reger mit seiner Ortskenntnis hervor. Während bei seinen Kollegen der distanzierte Blick des Durchreisenden die Texte über das Ruhrgebiet prägte, kannte der »Karl Kraus des Reviers« die Machenschaften im Hintergrund, über die er sich sarkastisch und ohne Rücksicht auf lokale Klüngel ausließ. 

Wenn Regers Feuilletons nach 80 Jahren noch immer aktuell erscheinen, dann kann man sich schon die Augen reiben über das Beharrungsvermögen an der Ruhr. Bereits in den zwanziger Jahren geißelte er den katastrophalen Zustand des öffentlichen Nahverkehrs und betonte die Unabdingbarkeit »schnellen und billigen Verkehrs« für die kommunale Entwicklung. Heute leidet der Nicht-Autofahrer am VRR, und auch in einem anderen, zentralen Punkt, der für die Kulturschaffenden in der Region besonders schmerzlich ist, hat sich nichts geändert: »Der Durchschnitt der Zeitungen steht unter dem Niveau, das sonst in der deutschen Provinz üblich ist. Das gesamte rheinisch-westfälische Industriegebiet hat kein zusammenfassendes, aufrüttelndes Organ; alles ist in engstirnige Interessensphären zersplittert.«

» Die Oberbürgermeister verkehren miteinander wie weiland Eduard VII. mit Wilhelm II. Sie spielen Einkreisungspolitik.« Wen wundert es da noch, daß Erik Reger auch schon in den zwanziger Jahren die Auswüchse der Kirchturmpolitik an der Ruhr studieren konnte? »Sie stecken auf der Generalstabskarte Interessensphären ab und stehlen sich gegenseitig mit Hilfe ministerieller Beziehungen die fetten Bissen aus den Landkreisen weg. Der Maßstab, der Sinn dieser Aktionen: die Eifersucht. Jeder fremde Machtzuwachs begründet eine eigene Eroberung.« Es wäre aber nicht gerecht, würde man Erik Regers publizistische Interventionen nur als Nörglertum und Besserwisserei résumieren. Ein Text mit dem Titel »Ruhrprovinz«, erschienen 1928, endet mit der Vision, daß die »wahrhafte Jugend des Industriebezirks« – ohne »Kulturpathos« und Ethik der »ewigen Werte« – doch in der Lage sein müßte, »ihre Energien in Stoßtrupps zu verwerten«. Ob das 2010 passieren wird?

Fr, 15.01.2010 0

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03.12.2009

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