Literatur/Ruhr: Bangemachen gilt nicht

Zuweilen hat man den Eindruck, als definiere sich das literarische Ruhrgebiet als Regionalkrimi, Comedy und Ralf Rothmann. Dabei droht in Vergessenheit zu geraten, daß im Revier auch unangepaßtere Literatur geschrieben wird. Überblickt man die letzten Jahre, so wäre da an erster Stelle Jürgen Links in jeder Hinsicht gewichtiges Buch "Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee" zu nennen – die wahrscheinlich ästhetisch anspruchsvollste Auseinandersetzung mit der Geschichte der westdeutschen Linken 1968 ff.

An dem Buch erstaunt zweierlei: Zum einen schreibt hier – angesichts der vielen Renegaten, die sich letztes Jahr zum 40. Jahrestag von »1968« vernehmen ließen, erfrischend – ein 68er, der sich der Rebellion seiner jungen Jahre nicht schämt. Zudem bedient Jürgen Link, emeritierter Literaturwissenschaftler an der Dortmunder Universität, sich literarischer Mittel, die bei den Protagonisten der Studentenrevolte alles andere als en vogue waren und sind. Während sich jene agitatorischer, sogenannter Gebrauchsliteratur zuneigten, siedelt Link sein Projekt auf der Höhe der literarischen Moderne an und denkt auch an Proust, wenn er seinen Text im Untertitel eine »Vorerinnerung« nennt, hat dabei anders als der Franzose jedoch nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft im Blick, für die vermittels sogenannter Simulationen Prognosen entworfen werden.

Trotziges Aufbegehren gegen die Zeitläufte

Jürgen Link folgt in seinem Buch nicht dem ausgelaugten Roman-Muster, alles auf prototypische Figuren herunterzubrechen, die dann ein Zeitpanorama ergeben sollen. Er zeichnet nicht das Schicksal des Intellektuellen x oder y, das dann so leicht abzutun wäre, wie es alle Einzelschicksale nun einmal sind. Er wählt vielmehr ein kollektives »Wir« als Medium seiner Narration – ein »Wir«, das individuelle, aber auch Geschlechtergrenzen transzendiert, das einerseits das Lebensgefühl einer bestimmten Gruppe in einer bestimmten Zeit abbildet, gleichzeitig aber auch ein so (noch) uneingelöstes Ideal von Kollektivität aufrechtzuerhalten versucht. Alles je einzelne, alle offenkundigen Widersprüche und Verwerfungen fließen immer wieder in einen großen, kollektiven Erzählstrom zurück, der die utopische Überwindung dieser Widersprüche vor Augen hat.

Einen zweiten entscheidenden Kunstgriff wendet Link an, indem er die verschiedenen Zeitebenen so ineinander verschachtelt, daß die Chronologie immer wieder aufgehoben erscheint. Man darf darin ein trotziges Aufbegehren gegen die Zeitläufte lesen, das sich Alternativen nicht ausreden lassen will. In den kollektiven Hauptstrom der Erzählung, die sich von den frühen sechziger Jahren auf eine Zeit »2001 plus x« zubewegt, schaltet er immer wieder seine Simulationen ein, welche die Zukunft aus der Sicht von damals entwerfen und dann etwa als eine »Hochrechnung von 1974 auf 1994« figurieren. Auch Fehlprognosen werden nicht getilgt. Allerdings haben sich einige der bittersten Voraussagen, beispielsweise die Militarisierung der deutschen Außenpolitik, inzwischen bewahrheitet. Jürgen Link selbst betreibt einen Blog, als Kommentar und Fortschreibung von Bangemachen gilt nicht. Er liest aktuelle politische Entwicklungen dort vor dem Hintergrund der Simulationen in seinem Roman – und zeigt damit, wie erkenntnisfördernd Literatur sein kann.

Link zum Thema: "Literaturwunder Ruhr" in Bochum

Di, 23.03.2010 0

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03.12.2009

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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