"Studio" im Westfälischen Landestheater: grausam leer

Licht für den Migrationshintergrund

Castrop-Rauxel plant die Theaterzukunft ganz strategisch

Scheinwerferlicht ist grausam, wenn niemand in ihm steht. Auch der beinahe völlig schwarze Raum des "Studios" im Westfälischen Landestheater (WLT) hat ohne Schauspieler und Publikum höchstens den Charme einer übergroßen Verhörzelle. Und dieser Vergleich ist noch nicht mal so weit her geholt: Denn gleich muss sich hier ein halbes Dutzend Menschen einer intensiven Befragung unterziehen. Der Grund: Sie selbst oder ihre Eltern sind nicht in Deutschland geboren, also Ausländer, Einwanderer, Deutsche mit Migrationshintergrund. Das wirft ihnen hier allerdings keiner vor, im Gegenteil. Sie sollen deswegen – oder besser damit Theater machen!

"In Zukunft" hat das WLT in Castrop Rauxel diesen Workshop genannt. Denn in Zukunft sollen dort wie anderswo mehr Stücke gezeigt werden, die das Leben aus der Sicht von Migranten auf die Bühne bringen. Das sollte ja eigentlich kein Problem sein, wenn gut ein Viertel der Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund hat. Ist es aber doch: WLT-Chefdramaturg Christian Scholze hat schon Feridun Zaimoglus "Schwarze Jungfrauen" und die Adaption von Fatih Akins Film "Auf der anderen Seite" inszeniert. Er wollte mehr von diesem Stoff, doch außer von den paar Prominenten mit Einwanderungsgeschichte gab es nicht viel.

"Irgendwann gingen mir einfach die Autoren aus", sagt Scholze beinahe entschuldigend. Aus der Not hat er eine Tugend gemacht und im März den Workshop "In Zukunft" ausgeschrieben: Autorinnen und Autoren mit einschlägiger Familiengeschichte sollten sich mit Texten und Stückideen für eine Art betreutes Schreiben bewerben: Geboten werden acht wochenendliche Treffen zur intensiven Arbeit am eigenen Stück im Westfälischen Landestheater, unter tätiger Aufsicht der Berliner Dramaturgieprofessorin Maxi Obexer und Scholze selbst. Unter 25 Bewerbern wurden schließlich neun Teilnehmer ausgewählt.

Talente mit Vergangenheit

Die sitzen nun Monat für Monat einen Samstag und Sonntag im Theatermekka Castrop zusammen und tragen vor, was sie in den letzten vier Wochen neu verfasst oder umgeschrieben haben. Jeweils gut eine Stunde widmen sich Akin, Tanya, Jubril, Oleg, Samia, Michael, Nesrin, Sinan und Fahimeh den einzelnen Texten. Sie alle sind bereits Profis, irgendwie, arbeiten seit Jahren als Schauspieler oder Journalistin, Kuratorin oder Produzent. Akin Sipal, der Jüngste, ist in Essen geboren und in Gelsenkirchen aufgewachsen, zurzeit studiert er in Hamburg Film er ist der Enkel des aktuellen Tarabya-Preisträgers Kamuran Sipal, der unter anderem Franz Kafka ins Türkische übersetzt hat.

Mit Fahime Farsaie ist eine bekannte iranische Exilautorin dabei, und Sinan Akkus spielt nicht nur in der Fernsehserie "Stromberg" mit, sondern konnte vor zwei Jahren auch gleich mit seinem ersten Spielfilm "Evet, ich will" als Regisseur einen Erfolg feiern. Den will er nun auf die Bühne bringen.

 

Spezialanforderung Bühnendrama

Dozentin Maxi Obexer ist als gebürtige Südtirolerin mit Wahlheimat Berlin selbst Migrantin. Den Raum für die spezielle Sichtweise der Menschen mit so einer Lebens-Erfahrung auf dem Theater zu schaffen, habe sie von vorneherein interessiert, sagt die resolute Frau mit den kurzen, rotblonden Haaren. "Schreiben an sich kann man in so einem Workshop niemanden beibringen", fügt Obexer an, deshalb seien die Teilnehmer auch allesamt keine Laien. Aber: "Das Spezielle am Schreiben fürs Theater" will sie ihnen vermitteln, dramaturgische Besonderheiten aufzeigen und die Gruppe im kreativen Prozess anleiten.

Die ist auch an diesem Samstag im November mal wieder nicht komplett – mindestens einer muss immer irgendwo drehen, lesen, auftreten, auch des Geldes wegen, heute fehlen gleich drei. Die sechs Anwesenden loben dafür umso mehr die Arbeitsatmosphäre, die konstruktive Kritik von Dozentin und Dramaturg, den großen Respekt, der bei allen für die Person wie die Arbeit der anderen spürbar sei, auch im Einzelgespräch und unter vier Augen. Immer wieder fällt der Satz: "Das ist unglaublich lehrreich!"

Westafrikaner und Ostasiaten: Migrantenschicksale

Heute wird als erster Text Jubril Sulaimons Stück "Call Shop" besprochen, er spielt in einem der gleichnamigen Telefonläden mit Billigtarifen für Anrufe in die entferntesten Ecken der Welt. Der Schauspieler aus Dortmund mit nigerianischen Wurzeln liest aus seiner Eröffnungsszene, in der die Call Shop-Mitarbeiterin aus Ostasien und ihr Kunde aus Mali über herkunftsbedingte Eigenheiten beim Telefonieren (Westafrikaner sind berühmt für Ihre Lautstärke, deshalb sollen sie die schallisolierte Kabine benutzen) und überzogene Anspruchshaltungen der Daheimgebliebenen philosophieren. Nach Jubrils Vortrag entspinnt sich eine lange Debatte über die Plausibilität der Motive seiner Protagonisten, über Sinn und Unsinn essayistisch-politischer Monologe auf der Bühne und übersetzte Anrufbeantworteransagen aus dem Ausland. Jubril hört zu, begründet, macht sich Notizen für die nächste Schreibrunde. So geht es reihum.

Alle sollen auf die Bühne

Zum Abschluss des Workshops im Mai 2012 ist eine szenische Lesung aller Stücke geplant. Dann wird eine unabhängige Jury eine Siegerin oder einen Sieger küren – als Preis winkt die Aufführung am Landestheater. "Ziel ist aber, alle neun Stücke bühnenreif zu kriegen, wenn nicht für uns, dann für andere Häuser", sagt Dramaturg Christian Scholze, "und ich bin sehr optimistisch, dass wir das hinkriegen." Ist sein Projekt erfolgreich, sind neun weitere Autorinnen und Autoren mit ganz speziellen Kenntnissen des Lebens auch für die Bühne gewonnen. Übrigens war das Scheinwerferlicht irgendwie gleich weniger grausam, als sie in ihm saßen.

 

Fotos: (c) Grabowski (4)

(Korrektur am 29.11. 16.45 Uhr: WLT-Dramaturg Christian Scholze hatte Fatih Akins "Auf der anderen Seite" auf die Bühne gebracht und nicht - wie irrtümlich geschrieben - "Gegen die Wand". Danke für den Hinweis - peg)

So, 27.11.2011 0

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19.10.2011

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