Les Rencontres: Metropolen und Kulturhauptstädte im Dialog auf Zollverein

Vom 14. bis zum 17. Oktober fand im Sanaa-Gebäude auf Zollverein ein Treffen europäischer Kulturbeauftragter statt: „Les Rencontres de la Ruhr“. Thema: „Metropolen und Kultur“. Im Folgenden einige Eindrücke und Stimmen zur Veranstaltung.

Les Rencontres?


Ein 1994 gegründetes Netzwerk europäischer Kulturschaffender, bevölkert von Kulturdezernenten, Kulturhauptstadtbeauftragten und anderen Mitgliedern kommunaler und regionaler Kulturinstitutionen Europas. Gegründet von der Europäischen Kommission und diversen Kultusministerien verfolgt Les Rencontres laut Statuten unter anderem das Ziel, europäische Kulturpolitik auch auf regionaler Ebene zu vernetzen und gemeinsame Grundlagen, Ideen und Strukturen zu entwickeln.

„Metropolen und Kultur“?


Die Treffen von Les Rencontres finden acht Mal im Jahr statt, vor Essen war im September Saint-Brieuc in Frankreich mit dem Thema „Eine europäische Zielsetzung: Kultur in ländlichen Gebieten“ an der Reihe. Das Thema „Metropolen und Kultur“ ist für und von Essen bewusst gewählt worden, wie Bert van Meggelen, Moderator der Sessions auf Zollverein, erklärt: „In der Regel werden die Themen für die Treffen von Les Rencontres ausgewählt. In diesem Fall aber wurde ich von Essen gefragt, was ein sinnvolles Thema für ein Treffen in Essen sei.“

Jens Kobler: Auf diesem Treffen geht es bei einigen Sessions um Kulturhauptstädte von gestern, heute und morgen. Essen und Istanbul sind vertreten, aber auch Gdansk für 2016 und Turku in Finnland und Tallinn in Estland für 2011. Sie selbst waren 2001 für Rotterdam zuständig. Inwiefern ist es für die Abgesandten bei aller Verschiedenheit der jeweiligen Städte und Konzepte möglich, voneinander etwas zu lernen?

Bert van Meggelen
Bert van Meggelen
Bert van Meggelen:
Grundsätzlich gibt es zunächst einmal ja auch andere Treffen, auf denen solche Verständigungen stattfinden, in erster Linie sind die von der Europäischen Kommission selbst veranstalteten zu nennen. Dort geht es ausschließlich um solche Fragen und Anregungen á la „Wir haben den und den Fehler gemacht – macht den nicht auch!“. Bei Les Rencontres geht es verstärkt um soziale, kulturelle und politische Ansätze, die alle Teilnehmer betreffen. Daher ist das Thema an diesem Wochenende hier vor allem „Metropolen“ und nicht „Kulturhauptstädte“. Was natürlich damit zusammenhängt, dass es in Essen Bestrebungen gibt, als Teil einer Region wenn nicht gar im Rahmen einer Metropole Ruhr wahrgenommen zu werden und nicht als eine einzelne Stadt. Und so ging es am Freitag zum Beispiel um Metropolen im Entwicklungsstadium und die Frage nach Maßstäben, auch Wertmaßstäben für europäische Metropolregionen.

Der Freitag?


Nach Diskussionen, ob Europa überhaupt und wenn ja dann worauf begründete Kulturmetropolen braucht, werden am Vorabend bei „Die kulturelle Metropole in der globalisierten Welt: Eine Herausforderung für die europäischen Städte“ zwei Spezialisten gehört: Cynthia Gobin, deren Forschungsschwerpunkt im Bereich Stadtentwicklung liegt, sowie Agostino Petrillo, ein Stadtsoziologe.
Agostino Petrillo
Agostino Petrillo

Agostino Petrillo hebt vor allem gegen die zwischen Städten ausgetragenen Schlachten durch einander möglichst übertreffende Großevents an. Diese würden nicht nur ein kooperatives Miteinander der Städte behindern, sondern oft auch die stadtinterne Arbeit an vielleicht ungemütlicheren aber perspektivisch sinnvolleren Strategien für mehr Kultur. Sowohl die politische Klasse als auch die Industrie hätten aber eher ein Interesse an repräsentativen Großevents denn an nachhaltiger Kulturentwicklung. Im Bereich der Wirtschaft sei zudem die Idee weithin verbreitet, ein Zuviel an Kultur schade der Produktivität der Bevölkerung und dem Konsum der von ihnen verbreiteten Güter. Ein weiterer Punkt seines Vortrags ist die Kritik an den sogenannten „Leuchtturmprojekten“, da diese eben meist nur einem Zentrum zugute kämen, aber nicht in die Peripherie, also zum Beispiel in die Vorstädte hinein, strahlten.

Cynthia Gobin
Cynthia Gobin
Cynthia Gobin stellt in ihrem Vortrag die Neuerfindung städtischen öffentlichen Raumes in den Vordergrund. Geschwindigkeit, Mobilität und Verfügbarkeit seien die Hauptkriterien gewesen, nach denen unsere heutigen Großstädte organisiert und geformt wurden. Im post-carbonalen Zeitalter sei ein polyzentrischeres Schema denkbar und außerdem eine Stadtstruktur, die an einem viel mehr Freizeit beinhaltenden Alltag orientiert ist. Hierbei solle verstärkt die Perspektive des Fußgängers wiederentdeckt werden und auch eine Leitidee des Teilens eines urbanen Raumes, letzteres nicht einmal zwingend im Sinne von Interaktion und einem Zwang zur Kommunikation, sondern vor allem als Idee eines Zusammenseins an einem gemeinsamen Ort ohne weitere Vorgaben. Differenzen zwischen Gruppen und Bürgern müssten im urbanen Raum nicht verwischt werden, sondern kulturelle und soziale Unterschiede ausgehalten. Die Bewohner von Städten hätten ein Recht auf eine sowohl urbane als auch auf eine naturhafte Umgebung. So sei eine neue zivile Öffentlichkeit im urbanen Raum herstellbar.

Der Samstag?


Nachdem die erste Vizepräsidentin von Les Rencontres, Odile Wolf, ein Abschlusspapier zur Diskussion und Abstimmung freigegeben hat, erwartet die Teilnehmer des Treffens noch ein „(P)Review 2010-2011“ auf die jeweiligen Kulturhauptstädte. In einem Kurzinterview schildert Nilgün Mirze aus Istanbul die Schwierigkeiten, mit Politik, Wirtschaft und Kreativsektor gleichzeitig arbeiten zu müssen – was diese so nicht gewohnt seien. Abgesandte der Ruhr.2010 stellen einige Programmpunkte und Strategien dar. Jürgen Fischer zum Beispiel schildert den Ansatz, sich als Ruhr.2010 GmbH wie eine „Spinne im Netz der Kommunen“ zu bewegen und behauptet gar, man habe im Kulturhauptstadtjahr eine kulturelle Bürgerbewegung in Gang gesetzt. Bernd Fesel kündigt den zukünftig zu vergebenden Preis „Kreativste Stadt Europas“ an. Oliver Scheytt betont unter anderem, man habe zeigen wollen, „was man als Region zu leisten im Stande ist und nicht, was oder wen man sich hätte kaufen können“. Insofern wäre auch ein einzelner Intendant (wie Peter Sellers) falsch gewesen. Man habe zentral organisierte wie dezentrale Hauptattraktionen zu bieten, was neben der fehlenden Intendanz einige Medien vor Verständnisprobleme gestellt habe.

Aus dem Forum kommt eine leichte Kritik, es sei viel an klassische Touristen, aber wenig an Abenteuerurlauber gedacht worden, obwohl das Ruhrgebiet eher für letztere eine spannende Region sei. In der Abschlusserklärung von Les Rencontres wird zudem der Satz auftauchen, Metropolen dürften es in punkto Komplexität, Polyzentrismus und Zahlenspiele auch nicht allzu sehr übertreiben. Kein Problem für Turku in Finnland und Tallinn in Estland: Beide sind mittelgroße Küstenstädte am Baltischen Meer und zudem Kulturhauptstädte Europas 2011. Zwei Vertreterinnen geben jeweilige Kurzporträts ihrer Vorhaben ab und es wird kurz diskutiert, wie weit eine Zusammenarbeit zweier teils ja auch konkurrierender Kulturhauptstädte überhaupt gehen kann.

Noch einmal Bert van Meggelen: Teilnehmer wie die Abgesandten für Gdansk 2016 oder Zypern 2017 können hier sicherlich am meisten mitnehmen, für die anderen ist es meist zu spät. In Bezug auf Turku und Tallinn lässt sich sagen, dass es von hier aus sicherlich noch einige Impulse für ihre Arbeit geben wird, aber im Grunde ist dort bereits alles installiert und muss nun in achtzig Tagen einfach gemacht werden. Bei Les Rencontres liegt der Wert vor allem darin, dass Menschen aus unterschiedlichen Strukturen aufeinander treffen und ihre sehr spezifischen Erfahrungen mit Kulturpolitik, Wirtschaft und Regierungen in ihrem eigenen Land mitteilen. Das wirkt innerhalb Europas verbindend und vereinfacht so gegenseitiges Verständnis und Kooperationen.

Jens Kobler: Suvi Innilä, Sie sind die Programmdirektorin für Turku 2011 und haben einen Großteil der Veranstaltung besucht. Können Sie profitieren von der Erfahrungen der anderen Kulturhauptstädte vor Ihnen?

Suvi Innilä
Suvi Innilä
Suvi Innilä:
Definitiv, und zum Glück gibt es viele europäische Netzwerke, auf denen wir uns regelmäßig ausgetauscht haben. Turku ist außerdem, neben Tallinn, die letzte Kulturhauptstadt, die zunächst durch eine nationale Vorausscheidung gegangen ist. Insofern werden diese europaweiten Treffen in Zukunft eher noch wichtiger, selbst für Städte, die noch gar nicht als Kulturhauptstädte feststehen.

Jens Kobler: Anu Kivilo, Sie sind in Tallinn zuständig für Kultur und Denkmalschutz. Gerade hieß es, dass einige Städte nicht nur Wissen, sondern ganze Datenbibliotheken ausgetauscht haben. Inwiefern glauben Sie, spielt das Stichwort „Konkurrenz zwischen Städten“ eine Rolle im innereuropäischen Diskurs, wie wir ihn hier gerade erleben?

Anu Kivilo: Der gesamte Prozess der Kulturhauptstadt ist ja ein offener, es ist also ständig einsehbar, womit sich welche Stadt bewirbt. Man macht also seinen eigenen Ansatz diskutierbar und kann vergleichbare oder vollkommen andere permanent damit vergleichen.

Suvi Innilä: Solange man nur nominiert ist, gibt es diese Konkurrenz. Und es sollen und müssen ja auch eigenständige Konzepte für die Kulturhauptstädte erarbeitet werden. Sobald die Nominierung dann erfolgt ist, beginnt die eigentliche Kooperationsphase.

Jens Kobler: Und in Bezug auf die neue Perspektive, wenn nicht mehr nur die eigene Stadt als sie selbst, sondern als ein Teil Europas repräsentiert sein will?

Anu Kivilo
Anu Kivilo
Anu Kivilo:
In jeder Stadt gibt es vor allem historisch gewachsene, ganz eigene Strukturen, die mit dieser Aufgabe konfrontiert sind. Insofern ist jede Stadt ein Fall für sich und muss auch eigene Strategien im Umgang mit dem Thema „Kulturhauptstadt“ entwickeln. Es gibt immer einige Themen und Arbeitsfelder, die für alle Städte gleich sind, aber vor allem gibt es diese spezifischen Strukturen und Charakteristiken, die berücksichtigt werden wollen.

Jens Kobler: Kann denn erwartet werden, dass ein Netzwerk von Kulturschaffenden verschiedener Städte auf der regionalen Ebene Europas mehr oder anderes bewirken kann als die nationalen Vertretungen?

Suvi Innilä: Die einzelnen Teile des Netzwerkes schaffen im Arbeitsalltag ja hauptsächlich Plattformen, auf denen sich dann internationale Künstler austauschen können. Es gibt also immer zumindest zwei Dialogebenen für diesen Austausch.

Anu Kivilo: Ich bin in Teilen sehr skeptisch gegenüber dem Austausch großer Datensammlungen oder der zentralen Vorgabe von Themen. Letztlich liegt alles an den Individuen, die etwas gestalten können, und an der Chemie untereinander. Man kann Leute zusammenbringen, aber man kann sie nicht zwingen, miteinander zu kooperieren oder etwas voneinander zu übernehmen, wenn sie es nicht wollen. Mit Leuten, mit denen man sich versteht, Ideen und Erfahrungen auszutauschen, das ist allerdings unabdingbar.

Jens Kobler: Vielen Dank für das Gespräch! Ich hoffe, im Ruhrgebiet wird nicht nur die Erinnerung an die Kulturhauptstadt, sondern vor allem die Idee der europäischen Kulturhauptstädte das Jahr 2010 überdauern.

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Fotos: Les Rencontres


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Di, 19.10.2010 0

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04.12.2009

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