Lernen, mit Realität und Fiktion umzugehen

Ein Interview mit Lars Kreyssig, aufgezeichnet von Cornelis Hähnel.


Bist Du ein Bruder?

Ich bin ein Bruder, der Kleine! Mein Bruder ist etwa vier Jahre älter als ich, und tatsächlich basiert der Film auf uns. Ich erinnere mich an einige schlimme Kämpfe zwischen mir und meinem Bruder. Unsere Streitigkeiten entwickelten sich meist aus den banalsten Ereignissen, aber sie waren oft so heftig, dass wir beide von Glück reden können, bis auf ein paar Kratzer und die eine oder andere Narbe nichts Schlimmeres davon getragen zu haben.

Wie bist Du zum Filmemachen gekommen?

Recht spät, vielleicht so mit 19, als ich die ersten Versuche mit einer viel zu großen Videokamera machte. Wir drehten damals einen – ja, Trashfilm. Ein Drehtag, drei Freunde, Doppel- und Dreifachbesetzung. Später habe ich dann in Dänemark am European Film College und anschließend in Köln an der Kunsthochschule für Medien studiert.

Woher kam die Ausgangsidee zu BRUDER, BRUDER?

Ich wollte schon länger eine Geschichte über zwei junge Brüder machen, die harmlos beginnt und dramatisch endet. Es gab diverse Ideen, diverse Szenarien – dann kam mir die Idee mit dem Badezimmer und ziemlich schnell kam das Handy und der Film im Film, wenn man so will.

Gab es Schwierigkeiten bei der Realisierung bzw. Finanzierung des Films?

Bei der Finanzierung hatten wir Glück, uns unterstützte die Filmstiftung NRW. Es gab aber schon ernste Probleme bei der Realisierung. Das Buch ist recht hart, und das mochten einige Institutionen nicht. Es kostete uns viel Überzeugungsarbeit und die Unterstützung der Eltern der beiden Hauptdarsteller, die voll hinter dem Buch standen.

Im Film wechselst Du zwischen 16mm und der Handykamera. Wieso hast Du Dich dazu entschieden, die intradiegetische Videoebene in den Film einzubauen?

Ich wollte eine Film-im-Film-Situation herstellen, um sozusagen noch näher in die Sichtweise der beiden Jungs zu kommen. Ich wollte das zeigen, was sie sehen. Tatsächlich hat Vincent (spielt Joscha) die meisten Handyaufnahmen selber gefilmt. Nur bei der Szene mit dem Eintopf nicht, die habe ich gefilmt.

Die beiden Darsteller gehören zu der Generation, für die Internet und YouTube etc. eine Selbstverständlichkeit sind. Inwieweit ist der veränderte Umgang mit den Medien Thema des Films?

Sagen wir mal so: Im Zuge des Castings habe ich fast 40 Jungs gesehen. Alle im Alter zwischen 6 und 16 Jahren. Praktisch alle hatten ein Handy, die meisten eines der neuesten Generation, also mit hochauflösender Kamera und allem Kram. Das ist selbstverständlich heutzutage. Das Handy ist ein Statussymbol wie zu meiner Zeit Markenschuhe oder ähnliches, ob man das wollte oder nicht, es mussten diese Schuhe sein. Heute ist es das Handy. Daher auch die völlig überzogene Reaktion von Joscha, der durchdreht, als ihn Alex beißt und das Handy ins Wasser fällt.

Hast Du das Gefühl, die Internet-Jugend hat den klaren Blick auf die Realität verloren bzw. nimmt Dinge billigender in Kauf ?

Das glaube ich nicht, aber Fakt ist, sie müssen lernen, mit Realität und Fiktion umzugehen, das fällt dem einen leichter als dem anderen.

Die Eltern treten in BRUDER, BRUDER sehr in den Hintergrund. Geht es Dir eher um das Aufzeigen von Desinteresse oder vielmehr um die unvermeidbare Ahnungslosigkeit innerhalb familiärer Strukturen?

BRUDER, BRUDER endet, das ist mir wichtig, mit einem gewissen Gefühl der Ratlosigkeit oder Sprachlosigkeit. Wir, die Zuschauer sollen am Schluss die Rolle der Eltern einnehmen, denen ich zu keinem Zeitpunkt in irgendeiner Form Schuld am Verhalten ihrer Kinder zuschieben möchte. Ich möchte zeigen, was hinter den verschlossenen Türen geschieht und wie machtlos Eltern dann sein können.

Die Eltern sitzen vor dem Fernseher, die Kinder drehen Handyvideos. Ein scheinbar normaler Samstagabend. Siehst Du einen Einfluss der „neuen Medien“ auf den direkten Dialog?

Das Fernsehen hat meine Kindheit stark beeinflusst. Ich hätte mir mit meinen Eltern manchmal etwas mehr Dialog gewünscht. Aber ich kann meinen Eltern keinen Vorwurf machen. Beide haben hart gearbeitet. Mein Vater im Kohlebergbau, meine Mutter in einem großen Betrieb als technische Zeichnerin. Abends waren sie sehr erschöpft, da waren tiefgreifende Diskussionen sicher nicht möglich, und Fernsehen war Entspannung. Es ist wichtig, ein gewisses Maß zu finden. Es bringt auch nichts in der Entwicklung eines Kindes, wenn Eltern zu jeder Zeit die Kontrolle über ihre Kinder haben wollen, das geht dann nach hinten los. Wenn es bei uns Probleme gab, dann wurden die immer angesprochen, auch wenn der Fernseher im Hintergrund lief.

Würdest Du sagen, BRUDER, BRUDER ist ein Film übers Erwachsenwerden?

Es gab eine Situation zwischen meinem Bruder und mir, einen Streit, bei dem sich mein Bruder die Hand gebrochen hat, als er mir auf den Fuß schlagen wollte. Das klingt sehr brutal, ich weiß, aber so sind zwei raufende Jungs manchmal. Dieses eine Mal aber sind wir beide viel zu weit gegangen. Seitdem, da muss ich 13 gewesen sein, haben wir uns nie wieder gestritten, nie wieder. Wir sind reifer geworden, vielleicht auch erwachsen, weil wir eine Grenze überschritten haben, und ich glaube, wir beide brauchten diesen Moment, dieses furchtbare Geräusch, um das zu kapieren.

Woran arbeitest Du gerade? Hast Du ein neues Projekt?

Ich bin gerade in Istanbul, wo ich unter anderem an einem Bildband als Fotograf gearbeitet habe. In Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste in Berlin habe ich 17 zeitgenössische türkische Künstler porträtiert. Allgemein ist mein Schwerpunkt in den letzten Jahren in Richtung Fotografie gerutscht. Ich arbeite aber auch an einer Kurzdokumentation, die ich hoffentlich im nächsten Jahr realisieren kann. Daneben gibt es diverse andere, meist kleine Projekte, an denen ich arbeite, beispielsweise „Filmische Miniaturen", die ich hier in Istanbul drehe, außerdem hoffe ich auf eine Ausstellung mit den Bildern, die ich für das Buch gemacht habe.

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Sa, 30.01.2010 0

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