Leitkultur Internet? – Medienforum NRW @ C’n‘B

„The medium is the message“. An diesen alten Sinnspruch von Marshall McLuhan ist schnell zu denken, wenn das Medienforum NRW „seinen Tag“ auf der C’n’B hat. Der letzte Tag des Medienforums – Motto in diesem Jahr: „Von Medien, Macht und Menschen“ – und gleichzeitig der erste Tag der C’n’B in Köln gehört dem Digitalen. Eine Zusammenfassung.

Regeln für das globale Dorf? – Die Machtlosigkeit der Staaten

Bereits am Morgen werden zwei Gretchenfragen gestellt: Kann „digital, offen, partizipativ“ als ein neues Regierungsmodell der „Open Governance“ verkauft werden? Und: Ist der Schutz kreativer Güter im digitalen Zeitalter (überhaupt) eine Frage des Rechts? Zwei Seiten der Medaille „Transparenz / Partizipation“ also, nur ein Panel kann aber besucht werden. Geht man davon aus, dass heutzutage in der Welt vielleicht mehr denn je das Primat des Handelns gilt und dass (nachgeschaltetes) Wissen eben noch lange nicht Macht bedeutet, so glaubt man eh nicht einmal theoretisch an die Heilsversprechungen des „Alle Informationen für alle“ und konzentriert sich eher auf die Frage, wie sich Regierungen Regelungen zum Schutz geistigen Eigentums vorstellen.

Europa läuft längst nicht synchron. Bekannt ist, dass z.B. Deutschland in punkto Urheberrecht gänzlich andere Standards hat als der Rest der Welt. Nationalstaatliche Regelungen für den Umgang mit dem Internet werden zudem schnell als Zensur (China, Naher Osten) bezeichnet, obwohl es ein Interesse gerade der kreativ tätigen Menschen an sicheren Grundlagen für das Reproduzieren von Texten, Bildern, Filmen gibt. Was macht die EU, um nicht als tatenlos, aber auch nicht als Zensor dazustehen? Dr. Kerstin Jorna (Foto), stellvertretende Kabinettschefin des Brüsseler Kommissars für Binnenmarkt und Dienstleistungen, ist bezeichnender Weise so etwas wie der Stargast beim Panel „Vom Schutz kreativer Güter in der digitalen Welt – Eine Frage des Rechts?“. Denn andere Gäste wie Dr. Christian Hauptmann von der RTL Group und Prof. Dr. Gerhard Pfennig von der VG Wort-Bild treibt – vielleicht aus reiner Ohnmacht – vor allem eines um: Dass doch wenigstens innerhalb Europas verbindliche Regeln geschaffen werden. Andererseits vertreten sie auch vor allem innerdeutsche oder innereuropäische Interessensgruppen. Brüssel signalisiert also, dass die Arbeit voranschreitet und Cornelia Holsten, Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt, bedankt sich dafür. Europa (und Deutschland) zeigen sich symbolisch auf der Seite des Rechts, demonstrieren aber gleichzeitig, dass ihr Arm nicht so weit reicht wie der derjenigen, die die Fakten geschaffen haben. Der anarchistische Charakter des Internets ist nach wie vor der Taktgeber, die Gesetze des 19. und 20. Jahrhunderts müssen mühsam der Gegenwart gebeugt werden.

Regeln für den persönlichen Umgang? – Die Machtlosigkeit der Eltern und Pädagogen

„Die Gesellschaft hat im Grunde kein Interesse an medienkompetenten Bürgern“, wird ein Forumsteilnehmer im Anschluss an „Medienkompetenz fördern – Standards setzen?“ in den Raum stellen. Ein merkwürdiger Satz, der aber zugleich die Frage aufwirft, was Medienkompetenz genau sein soll. Wohl dosierte und skeptische Nutzung vielleicht, darauf einigen sich sogar (ausgerechnet) Dr. Angelika Schwall-Düren (Foto), NRW-Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien und Dr. Jürgen Brautmeier, Direktor der Landesanstalt für Medien NRW. Der Kriegspropaganda soll man gegebenenfalls misstrauen, aber Hannelore Krafts Pressemitteilungen eher mal glauben? Die Politik, die den mündigen Bürger vertreten und teils auch herstellen will, steht vor einem Paradox. Das manifestiert sich in NRW derzeit konkret am vieldiskutierten „Medienpass“, der bei Erhalt Medienkompetenz signalisieren soll. Als oben genannter Forumsteilnehmer während des Panels fragt, wo denn genau das Problem liege, erzählt Dr. Jürgen Brautmeier ein Gleichnis. Er käme in das Zimmer seiner Tochter, es laufe Musik, ein Dokument auf dem Rechner sei aufgerufen, Skype an und seine Tochter trage Kopfhörer. Er fragt, was sie mache. Sie antwortet: „Mathe“. Den Medienspezialisten von NRW wird die (eigene) Medienbestrahlung unheimlich, auch wegen der Folgen für Synapsen und Umweltwahrnehmung. Die jüngere Generation findet das ganz natürlich und sieht da gar kein Problem. Eine merkwürdige Gemengelage für Maßnahmen wie einen Medienpass.

Regeln für den Broterwerb? – Die Machtlosigkeit der Journalisten und Verleger

Wie medienkompetent sind also eigentlich die Medienmenschen selbst? Beim Panel „Ohne Netz am Boden? Perspektiven des Unternehmerjournalismus“ geht es unverblümt um Fragen des Geldverdienens, also der nackten Existenz der Branche. Ulrike Langer, Medienjournalistin und Bloggerin, stellt ihr Geschäftsmodell vor, das das Bloggen ohne Bezahlung als eine Art von Werbung für ihre Sachkompetenzen beinhaltet. Konstantin Neven DuMont (Foto) erklärt, für Texte im Rahmen seines neuen Projektes erhielten Journalisten keine festen Sätze, sondern „was sie brauchen“. Das könne nichts sein, je nach Aufwand gewichtet oder gar nicht pro Text, sondern als Pauschale inklusive anderer Arbeiten bezahlt werden. Er habe Geld gespart, so könne er überhaupt das Wagnis eines Onlinemagazins eingehen. Immer wieder wird die „Huffington Post“ als vergleichbares Modell für refinanzierbares Internetgeschäft genannt. Aber auf Englisch in Amerika ist vielleicht doch etwas anderes als ein „grünes“ Blatt auf Deutsch. Bezeichnend: Auf die Frage der (hervorragenden) Moderatorin Anke Bruns in die Zuhörerränge, wer sich als „Unternehmerjournalist“ verstehe, hebt außer dem Autor dieser Zeilen nur eine weitere Person die Hand. Die meisten Menschen beim Medienforum NRW und der C‘n’B verstehen sich scheint’s als Angestellte, vertrauen auf die Sachkompetenz ihrer Brötchengeber und blicken selbst im unsichersten Gewerbe der Gegenwart wohl nicht einmal nach links und rechts. Zumindest öffentlich.

(Anschließendes) Fazit

Dass sowohl Brüssel als auch Berlin und Düsseldorf ebenso wie die Chefetagen der hiesigen Medienmogule aber ebenso nicht die Agierenden, sondern eher Getriebene des digitalen Umbruchs sind, das zeigte das Medienforum NRW 2011 recht deutlich. Kreativität und Geschäftstüchtigkeit sind eben nicht delegierbar. Die digitale Sphäre mit all ihrer Schwarmintelligenz hat nur da Mitstreiter auf Augenhöhe, wo das Menschliche eben nicht zu kurz kommt. Und das ist digital nicht zu reproduzieren. Ein verdienter Diskutant des Tages, der Autor und Publizist Dr. Joachim Weiner, wies bereits früh darauf hin, als er zum Thema "Medienpass" sagte, die Menschen bräuchten Zeit und Aufmerksamkeit, und das sei weder durch staatliche noch durch privatwirtschaftliche Maßnahmen allein durchsetzbar. Und genau Zeit und Aufmerksamkeit ist ja nun etwas, das Heranwachsende weder von ihren Eltern noch von ihren Pädagogen noch vom Staat wollen. Die Rebellion gegen die Macht des Internets geht also bis auf weiteres von der älteren Generation aus. Die Kids hingegen fühlen sich ganz einfach united, egal wie viele nicht-digitalisierte Stämme noch in Südamerika entdeckt werden.

Pics on location: Jens Kobler
Profilbilder: EU, Land NRW, Neven DuMont

 
Fr, 24.06.2011 2

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Kommentare

Verständlich ist natürlich,

Verständlich ist natürlich, dass da wo "große Namen" - wie geschrieben - auch nur von der digitalen Generation getrieben werden, die "Auftragnehmer", "Dienstleister" und "Seitenfüller" ganz vorsichtig sind und oft eben mucksmäuschenstiller als gebraucht, auch wenn ihre (potentiellen) Brötchengeber mal auf dem Holzweg sind, was ihre Geschäftsmodelle betrifft. Die flexiblen mobile units gehen schnell dahin wo das Geld ist und wenn's schief geht eben woanders hin. das sind aber meist eher die Softwareentwickler, Grafiker et al und nicht die Schreiber, die sich offensichtlich letztlich immer noch eher in einer Art Beantenstatus sehen. Ich meinte dann hinterher zu der anderen Aufzeigenden, der Rest des Panels wäre wohl vom WDR oder (gerne) DuMont... ;) - wobei DuMont vom Ansatz her ja sogar gut und zurecht mehr von freien Schreibern als von fulltime-Angestellten ausgeht.

Unternehmerjournalist

Da wäre mein Patschhändchen aber im Nu ebenfalls oben gewesen. Für mich nach wie vor unverständlich, dass einen die eigenen Wurfgenossen dafür blödböse anheulen. Rudyard Kipling täte sagen: "Äuget genau, Ihr Wölfe!"
Das gilt im Übrigen nicht nur für den Journalisten, sondern auch für den Künstler. Warum sollten Meese und Money Gegensätze sein? Und warum sollte ich meinen "Freiraum 2010" nicht nutzen, um damit das Geld für meine Miete zu verdienen – mit meiner Kunst, versteht sich, nicht mit meinem Getrommel dafür.

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04.12.2009

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