Kunstmesse C.A.R. contemporary art Ruhr in Essen

Von Messe zur Großgruppenausstellung mutiert

In die Höhe schießt die C.A.R. Medienkunstmesse in diesem Jahr: Statt an zwei Standorten auf Zollverein bespielt sie nun fünf Etagen in der Mischanlage. Und noch etwas fällt auf: Von Messe (= Verkauf) ist auf der C.A.R. nicht viel zu spüren.

Stattdessen wird sie immer mehr zur Werkschau von Studenten der Folkwang Uni und Einzelkünstlern. Nur drei Galerien sind vertreten, dazu einige Institutionen und Künstlervereinigungen, deren kommerzielle Absichten bzw. Möglichkeiten nicht klar zu erkennen sind. Ansonsten: Künstlerisch dominierend ist in diesem Jahr Interaktives mit Maschinen sowie Fotografie.

 

Von der Ruhr nach Korea Roundtrip

Die C.A.R. kooperiert seit zwei Jahren mit der Los Angeles Art Association (LAAA) – einer schon 90 Jahre alten Non Profit Organisation. Die Amerikaner zeigten ihre Fotografien in Essen und ausgewählte Deutsche wurden im April in L.A. ausgestellt. Richtig heraus stach bei den zehn Multi-Mach-Amateuren – die meisten sind zugleich Maler, Videofilmer, Fotografen und sogar Schauspieler – nur Gwen Samuels, der Filmnegativstreifen zusammennäht zu eigenartig schönen Collagen sowie Adele Mills mit ihren großartigen mixed media Installationen – Gehard Richter Unschärfe meets Seidenmalerei.

Eine Asien-Kooperation mit eigener Kuratorin aus Süd-Korea gab es auch. Bizarr und fremdartig dabei vor allem die Arbeiten von Taek Lim: Er bastelt aus Papier und anderen Materialien eine Landschaft, fotografiert sie und fügt dann noch digital Dinge ein, was zu einem faszinierendem Mix aus künstlich und „wie echt“ führt. Hyong-Ryol Bak fotografiert Mensch-Natur Performances in der Reihe „The Captured Nature“. Da fangen zwei Frauen mit schön arrangiertem Garn einen Baum oder ein Mann posiert auf einem mit Punkten beklebten Felsblock wie auf einem erlegten Tiger.

 

Am Scheideweg?

Nur drei Galerien in diesem Jahr, von der man wohl nur eine als professionell bezeichnen kann – beurteilt man sie anhand der Kunst. Der direkte Vergleich zwischen der Amsterdamer Ververs Gallery und der Berliner Galerie Root fällt eindeutig aus: Dort ausgereifte, handwerklich gelungene Architekturfotografien von Wouter Stelwagen und Edward-Hopper-Reenactments in eigenartigen Kulissen von Laetitia Molenaar. Aus Berlin dagegen groteskes Bastelzeug und ein Farbeintopf auf Leinwand mit Draht beklebt. Mit solchen Kreativergüssen erarbeitet man sich jedenfalls keinen Ruf für aktuelle Medienkunst.

An diesen zwei Galerien materialisieren sich die zwei Richtungen, die die C.A.R. in Zukunft gehen könnte: entweder kuratierte Qualität oder eben eine „Jeder, der will, darf“–Schau. In Essen jedenfalls hat seit drei Jahren keine einzige der erfolgreichen und professionellen Galerien aus Deutschland teilgenommen – und wenn das Konzept so bleibt, werden sie das auch in Zukunft nicht tun.

 

Studentendominanz

Innerhalb der Institutionen, Kooperationen und drei Galerien präsentierten sich am vergangenen Wochenende insgesamt 100 Künstler – die meisten davon aber Studenten der Uni Folkwang. Doch sind sie Füllmaterial oder wirklich Teil einer Messe?

Auf fast drei der fünf Etagen stellen die Studierenden ihre meist interaktiven Sound- oder Video-Arbeiten sowie analog erstellte Siebdrucke von digital erzeugen Klangformen aus. Einige der interaktiven Arbeiten erinnern an die „Was-passiert-dann“ Maschine aus der Sesamstraße – nur mit Elektronik und Theorie-Überbau.

Zum Beispiel löst der Betrachter, von einer Minikamer erfasst, einen Metallstift in einer Art Vogelkasten-Apparatur aus oder er kann Rückenkratzer betrachten, die auf Trommeln schlagen. In Steffen Hartwigs Zeichenmaschine kann er durch Handauflegen die geometrische Malruhe der Maschine stören.

Benjamin Gages, Marcel Kathers und Eva-Maria Teklotes „Room“ will mit zwei Wii-Fernsteuerungen „das Spannungsfeld von Raum und Körper durch den Faktor Bewegung bestimmen“. Nun ja, nicht gerade die Neuerfindung der Medienkunst, deren interaktive Phase Ende der 90er ihren Höhepunkt zum Glück hinter sich hatte.

 

Fotografische Signalposten

Gelungene Einzelarbeiten, Fotografien und Installationen, gab es zu entdecken. So zum Beispiel Julia Unkels künstlerische Fotoreportage aus einem Schlachthaus oder Stefan Kochs Projekt, der im Pleite-Versandhaus Quelle fotografierte – eingegangene Büropflanzen, leere Hallen und Kleiderständer vermitteln den Eindruck einer post-apokalyptischen Warenwelt.

Oscar Ledesma hatte eine hübsche Idee: Er malte einen großen QR-Code, steckte das Bild in einen goldenen Rahmen. Wer dieses nun mit seinem Smartphone fotografiert, löst auf einer Internetseite einen Code aus, der wiederum den Betrachter des Bildes von hinten fotografiert – eine Reise ins Internet und zurück in die analoge Welt, wo ausnahmsweise der "Betrachter im Auge der Kunst" liegt.

Wie nicht anders zu erwarten, bleibt am Ende ein gemischter Eindruck. Vor allem einige Fragen, das Konzept der Messe betreffend: Immer mehr Groß-Gruppenausstellung mit internationalen Clustern und Institutionen ist die C.A.R. als ernsthafte Kunstmesse ein großes Fragezeichen.

Teaserfoto: Wouter Stelwagen, Cluster

Di, 05.06.2012 0

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25.03.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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