Waste

Kunst oder künstlerische Tätigkeit?

Der kleine Unterschied – unbeantwortbare Fragen

Ist das Kunst oder kann das weg? Ein geflügeltes Wort. Bin ich ein Künstler, wenn ich aus Korkenziehern ein Foltergerät baue, aus buntem Bast eine Heidelandschaft, aus Fahrradschläuchen Handtaschen? Oder ist das eine kunsthandwerkliche Tätigkeit? Wer sich künstlerisch betätigt, ist nicht zugleich ein Künstler, obwohl das absurd klingt.

Oder ist es wie beim Elektriker, der lange noch keiner ist, wenn er sich elektrotechnisch betätigt? Dabei allerdings kann er großen Schaden anrichten. Nicht so wie der künstlerisch Tätige. Wenn er ein Bild malt, ob mit Fingerfarben oder professionellem Öl und Elisabeth sagt: „Du bist ein Künstler.“ Dann ist der Schaden oft schon eingetreten, aber meist nicht für die Gesamtgesellschaft, sondern für einen bestimmten Kreis, mindestens für den Künstler selbst, der sich ja eigentlich nur kunsthandwerklich künstlerisch betätigt hatte. Er hätte allerdings nichts gegen eine Ausstellung im Gemeindesaal.
 

"Verachtet mir die Meister nicht" * 

Ist der Musiker ein Künstler, wenn er gekonnt den Takt trifft, der vorgeschrieben ist, oder ist er nur dann einer, wenn er selbst schöpft, also komponiert? Ist es künstlerisch eine tiefschöpferische Arbeit, wenn er am Computer die unverschämtesten Samples zusammenrückt und damit eine Tanzgruppe beglückt? Oder hat er halt die computertechnischen Fähigkeiten zu basteln? Ist jemand Künstler, wenn er was nachmacht oder nur, wenn er etwas Einmaliges ins Leben setzt oder zerstört? Bei den Chinesen muss man erst meisterhaft seinen Meister kopieren, um dann eigene Wege gehen zu können. So macht man es in der Wirtschaft, indem man große Marken kopiert, so macht es der dem Künstlertum zustrebende junge Chinese.

 

 



Sprühen ist wie malen

Klar, es gibt den Gebrauchskünstler, der für Karstadt und andere Ketten Landschaften malt, damit sie dann in hunderttausend Kopien zum Verkauf anstehen, damit die Wohnzimmer ein Abbild von Sehnsucht bekommen. „Das hat ein Künstler gemacht“, sagt der Italiener, der an der Wand seiner Pizzeria den Strand von Capri hat hin pinseln lassen. Ab wann ist ein Graffiti ein Kunstwerk? Wenn der Sprüher bereits als Graffiti-Künstler bekannt ist oder bereits dann, wenn sich der junge Mensch eine Sprühdose kauft, sich halsbrecherisch an Brücken herum schwingt, um dann ein „I love you“ zu verewigen? Ein Kunstmaler ist längst kein Künstler, oder? „Die Meister der Fälschung sind wahre Künstler“, sagen viele.


Marktgerechtes Mimen

Gehört zum Künstlerdasein, dass sich der Künstler selbst als solcher gebiert? Markus Lüppertz sagt über sich selbst, er sei ein Genie. „Das müssen nicht andere übernehmen.“ Wird der Künstler nur dann angemessen oder übermäßig anerkannt, wenn er sich der Mechanismen des Marktes bedient, sich also selbst vermarktet oder jemanden findet, der das übernimmt? Eine hohe Kunst ist es also, Kunstmarktstratege zu sein? Loriot erfand den „Kunstpfeifer“, der von sich sagt, dass er bereits vor der Königin Elisabeth gepfiffen habe. Ist also der Rezipient der Künstler-Erschaffer? Du kannst noch so ein guter Maler sein, wenn Dein Werk nicht bei namhaften Galeristen oder in großen Museen hängt, bist Du nur ein Maler, kein Künstler? Sind die Schauspieler an der Burghofbühne Dinslaken Arbeitnehmer, die allabendlich Stücke aufführen und erst dann Schauspielkünstler, wenn sie im Burgtheater Wien auftreten? Manchmal scheint das so. Ist aber der Schauspieler überhaupt Künstler oder nur handwerklich ausgebildet dazu in der Lage, die Kunst anderer auf die Bretter zu bringen? Die der Schriftsteller und Regisseure?


Die Idee ist der Quell

Oder ist es die wahre Kunst, eine Idee zu haben und diese konsequent zu vertreten und gegebenenfalls umzusetzen? Gehört zu den Konzeptkünsten auch, genau darüber Gelder zu generieren? Kann auch sein, dass ein Kunstwerk erst dann zu dieser Bezeichnung kommt, wenn es niemand vor seinem Haus haben will. Muss es eklig sein, zu groß oder zu fett, zu eindeutig oder zu abstrakt? Darf es auch einfach schön sein und wenn, dann für wen?

Wunderbare Fragen, die man sich stellen kann, wenn man durch einen Skulpturengarten läuft oder einer Laudatio lauscht. Die Frage, was Kunst ist, ist so alt wie die Kunst selbst – wahrscheinlich. Und wer sie schafft, muss es mit Haut und Haaren sein, am besten entweder bettelarm, aber genial, oder reich und als solcher etikettiert. Fragen Sie mich nicht!

Bei mir ist das amtlich. Das Finanzamt führt mich als „freiberuflich tätiger Künstler“. Und wer, wenn nicht das Finanzamt, bestimmt, wer man und was man ist?

* Meistersinger von Nürnberg (Richard Wagner)

 

Mi, 19.09.2012 0

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03.03.2010

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