Matthias Schamp (c) Michael Blatt

Kunst im "Rahmen der Möglichkeiten" gestohlen

Update (Sa.:21h): Matthias Schamp setzt Ausstellung im "Situativen Brachland Museum Bochum" fort

Freie Natur mitten in Bochum und keiner darf sie betreten. Aus Fürsorge um ihre Bürger hat die Stadt ein ca. 4,3 Hektar großes Gelände in der Innenstadt einzäunen lassen, da mitten im angehenden Kreativstandort Viktoria.Quartier Drogenabhängige und sonstiges Ungemach drohten. Für Künstler und Hobby-Botaniker Matthias Schamp ein Unding, dem er aktuell mit dem Projekt „Situatives Brachland Museum“ entgegentritt.

Zahlreiche Künstler aus dem In- und Ausland, darunter z.B. Documenta-Teilnehmer, haben eigene, zumeist eigens für die Aktion gefertigte Werke zur Verfügung gestellt, die zur Eröffnung, bzw. zur „Informellen Inbesitznahme“ des Museums über den Zaun geworfen wurden. Schamp und Mitorganisator Steffen Schlichter waren erst zwei Tage zuvor mit ihrer Idee an die Öffentlichkeit gegangen, da sie die Ausstellung nach schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit bewusst nicht ordnungsgemäß angemeldet hatte. „Sie ist nicht genehmigt, was aber nicht heißt, dass sie nicht legal ist“, beruft sich „Museumsdirektor“ Schamp auf die Kunstfreiheit.

 

Dass er eine Woche später im Beisein mehrerer beteiligter Künstler wie Jochem Ahmann, Markus Emanuel Zaja und Karl-Heinz Mauermann überhaupt zu einer ausführlichen Führung entlang des Zauns laden konnte, ist allerdings nur der Wachsamkeit von Klaus Kuliga zu verdanken. Denn der Bochumer Betreiber der Webseite artibeau.de, die Kunst im öffentlichen Raum der Stadt dokumentiert, hatte einen selbsternannter Zuarbeiter der Stadtverwaltung dabei erwischt, wie dieser in aller Ordnungsgeilheit die Kunstwerke klammheimlich vom Gelände entfernen wollte. Unter Androhung einer Strafanzeige verlange Schamp die eingesammelten Objekte erfolgreich zurück und so kam es nach dem „Werfen“ zur Eröffnung bei der jüngsten Museums- und Botanik-Führung zum „Zurückwerfen“.

Doch wenige Tage später erneutes Entsetzen. Die Kunstwerke sind vom Gelände verschwunden. Hinweise über den oder die Täter liegen aktuell nicht vor.

Update: "Die Ausstellung ist unzerstörbar! - Ich kann auch an den Stellen stehen und über die Wirke berichten", stellt Matthias Schamp klar und setzt sein Projekt unbeirrt fort. "Damit muss man rechnen. Trotzdem ist es scheiße. Ich hoffe, dass es irgendjemand nur gut versteckt hat." Am Kunstraub müssen mindestens zwei Personen beteiligt gewesen sein, denn allein das überdimensionale "Gehirn" kann ein Mensch allein nicht transportieren. Die nächste Ausstellung am morgigen Sonntag um 15 Uhr steht aufgrund der neuesten Ereignisse unter dem Paul Cezanne-Motto: "Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet." Weiter geht es dann am 24.9., ehe für den 2.10. die Finissage angesetzt ist. 

 

Im Interview erklärte Matthias Schamp im Anschluss an die erste Führung die genauen Hintergründe seines Museums.

Seit wann ist das Gelände einzäunt?


Matthias Schamp: Etwa seit eineinhalb Jahren. Zuvor hatte ich hier regelmäßig Spaziergänge gemacht und das Gelände sehr geschätzt. Daher besteht auch ein emotionaler Bezug für mich zu diesem Ort. Auf die Einzäunung habe ich zunächst mit einem Offenen Brief an den Baudezernenten Ernst Kratzsch argumentiert. Es war eine Antwort angekündigt, die es nie gegeben hat. Daraufhin kam es im letzten Jahr zur Aktion „1. Bochumer Brachenbrechen“, bei der ich den Zaun überstiegen habe. Im Frühjahr dieses Jahres bot ich der Stadt ein Gespräch an, bei dem ich vorschlug unter dem Label „Situatives Brachland Museum Bochum“ ehrenamtlich ca. fünf kleinere Veranstaltungen im Jahr auf einem hohen Niveau ohne Kosten für die Stadt zu machen. Jeder Besucher hätte unterschreiben müssen, dass er das Gelände auf eigene Gefahr betritt. Diese Sache ist abgelehnt worden.

Wie kam es dann zu der „Kunstwerke-Werfen“-Idee?

Schamp: Man muss mit den Realitäten umgehen, darf sie aber nicht fraglos hinnehmen. Vor dem Hintergrund, dass die Stadt quasi sagt, dass dieses Gelände nicht betreten werden darf, aber gleichzeitig das Kreativquartier ist, habe ich dem Leiter des Liegenschaftsamtes gesagt: Ich werde im Rahmen meiner Möglichkeiten weiter dafür arbeiten, das Gelände im öffentlichen Bewusstsein zu erhalten. Das habe ich in gewisser Weise getan.

Beziehst du dich mit deiner Kritik konkret auf das hiesige Gelände, oder generell auf Brachflächen?

Schamp: Die Künstler kommen aus ganz Europa und interessiert eigentlich Bochumer Lokalscheiß nicht. Sie machen letztendlich mit, weil sie in dieser Sache etwas Exemplarisches sehen. Das sehe ich auch so. Unsere Kinder werden immer mehr von solchen Geländen fern gehalten. Das sind die Paradiese meiner Kindheit. Heutige Kinder wachsen als Indoor-Kinder auf und werden im Grunde auf die Gated-Communities vorbereitet.

 

Wie geht es weiter mit dem Museum?

Schamp: Mit der Eröffnungszeremonie, dem eigentlichen Werfen, ist es eröffnet worden. Die Ausstellung geht bis zum 2. Oktober. Es liegt so ein bisschen in der Hand der Stadt, zu sagen: Mach nächstes Jahr deine fünf Veranstaltungen! Dann könnte es unter dem Label weitergehen. Wobei ich ganz klar gemacht habe, dass das Interesse an diesem Gelände sich nur auf eine Zwischennutzung bezieht. Es ist so genanntes Bauerwartungsland, ein Wert für eine Kommune, die nicht gerade mit Geld gesegnet ist. Wenn sie den Wert mit einem vernünftigen Realisierungsplan irgendwie realisieren kann, soll sie das machen.

Ich bin nicht der Mensch, der sagt: Jede Brache muss erhalten bleiben. Es würde mir persönlich zwar leid tun, aber ich kann es voll und ganz einsehen. Vorher sollte diese hier aber nutzbar bleiben, wenngleich die Signale nicht danach aussehen. Der Begriff „Situatives Brachland Museum“ ist ganz bewusst nicht festgeschrieben auf Bochum. Wenn die Stadt das jetzt nicht aufgreift, findet es sich im nächsten Jahr mit einer neuen Ausstellung vielleicht in Süddeutschland oder irgendwo anders wieder. In Bochum existiert das Museum erstmal nur bis zum Ende der Ausstellung.

 

Sa, 17.09.2011 1

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Kommentare

eine schöne aktion

und ein kopfschütteln über das verhalten der stadt. where is the fucking problem?

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05.01.2010

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