Kulturinfarkt: "Uns fehlt die Kultur des Aufhörens"

Interview mit den vier Autoren des umstrittenen Buches, Teil 2

Das Buch »Der Kulturinfarkt« löste eine lautstarke Debatte über die Zukunft der Kulturförderung aus. Für die KM Kulturmanagement Network GmbH traf Dirk Heinze die vier Autoren zum Exklusivinterview; LABKULTUR übernimmt die mehrteilige Interviewserie.

 

Wie ist es zu erklären, dass die Rezeption mehrheitlich so verkürzt ausfiel?

Autorenteam: Das liegt wohl an dem ungeheuer schlechten Trainingszustand derjenigen, die sich für Kulturpolitik hier vorgeben zu interessieren und die darüber nicht reden können. Das ist der eigentliche Skandal. Hermann Parzinger beispielsweise konnte in seinem Artikel in der Süddeutschen über das eigentliche Thema ja gar nicht reden. Der konnte nur losprügeln. Die Verbindung von Ordnungspolitik zu Kulturpolitik zu sehen, also Ordnungspolitik als übergeordnetes Prinzip von Kulturpolitik und anderen Politiksparten abzustufen, damit souverän oder gar intellektuell gekonnt umzugehen – das können die nicht. Es sind wenige, die das so einordnen können. Das führt letztlich zur Erkenntnis bei uns, dass zumindest in Deutschland eine kulturpolitische Debatte überhaupt nicht stattgefunden hat. Die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ ist vollkommen folgenlos geblieben.

Apropos folgenlos: vor fünf Jahren erschien „Der exzellente Kulturbetrieb“. Das Buch erhielt gute Kritiken. Es gab drei Auflagen. Die Wirkung? Gleich null. Die großen Interessenverbände sind zumindest nicht auf uns zugekommen. Die einzigen, die es diskutiert haben, waren die Freie Szene und die Soziokultur. Denen haben wir erwidert: Ihr braucht es nicht zu diskutieren, Ihr seid ganz anders aufgestellt, Ihr habt die Probleme nicht, weil Ihr 65% selbst erwirtschaften müsst. Ihr macht Marketing. Aber der Deutsche Bühnenverein, dessen Mitglieder durchschnittlich nur 18% selbst erwirtschaften, erwidert nur: Was brauchen wir Marketing?

Das Beispiel „Der exzellente Kulturbetrieb“ beweist: Das deutsche Feuilleton – Süddeutsche, FAZ, Die ZEIT – ist eben nicht trainiert, über Kulturpolitik zu schreiben. Die Süddeutsche ist die einzige, die diesen Begriff immerhin gelegentlich benutzt. Bei der Frankfurter Allgemeinen würde ich all denen Autoren, die ich kenne, jede kulturpolitische Kompetenz absprechen. Das können die nicht, und das haben wir jetzt auch beim Kulturinfarkt erfahren.

Das verdeutlicht nur die besondere Stellung des Feuilletons: es ist im Unterschied zu allen anderen Redaktionsbereichen Teil des Systems und nicht die Kontrollinstanz. Kein Wirtschaftsjournalist würde einem Unternehmenschef in den Hintern kriechen. In der Verkehrspolitik können sich Journalisten hart reiben am Stoff. Nur wenn es um Kultur geht, sind die Feuilletonisten selbst Bestandteil des Systems, fügen sich ein, haben keinen distanzierten Blick auf die Funktionsmechanismen. Das wussten wir zwar, aber dennoch ist es ein bitterer Teil der Erkenntnis.

 

Waren Sie wirklich überrascht, dass die Reaktionen derart schnell und derart rabiat ausfallen würden?

Überrascht hat uns massiv, wie persönlich die ganze Diskussion geworden ist. Es gab Angriffe, wir wären Jakobiner (Michael Naumann), Kulturfunktionäre, schlechte Patrioten oder fette Maden im Speck (Intendant Nix aus Konstanz; der wollte wahrscheinlich aber nur über die Bezahlung von Theaterintendanten reden). Das ist letztlich aber ein Symptom und sagt viel über den Zustand dieses Systems. Es gibt aus der Systemtheorie die Erkenntnis, dass sich Systeme nicht selbst beobachten können, sondern man den Blick von außen benötigt. Dass die Verbände so zuschlagen, dafür haben wir volles Verständnis, weil es ihre Aufgabe ist. Wenn jedoch Organisationen wie der Deutsche Kulturrat oder die Deutsche Orchestervereinigung unterstellten, wir wollten Beraterverträge haben, mussten wir  dies gerichtlich untersagen lassen, denn da geht es schlicht an unsere Existenz. Diese Unkultur hat uns an schlimme Zeiten erinnert...

 

Wieso wird vom Kulturbetrieb nicht die Chance ergriffen, über die ersten Ressentiments hinaus zu diskutieren? 

Das ist sicherlich komplex und daher schwer zu beantworten. Diejenigen, die sich quasi als „Betonfraktion“ in Stellung gebracht haben, sind von einer Generation, die ein besonders hohes Interesse an Besitzstandswahrung haben. Das Überlebensinteresse der großen Museen und Theater bildet sich mit dem größten Teil der 10 Milliarden öffentlicher Kulturfinanzierung ab. Das bekommen wir in einem ganz anderen Maße zu spüren, als wenn es um Verbände der Soziokultur, der Volkshochschulen oder der privaten Musikschulen geht. Martin Lätzel, der Direktor des Volkshochschulverbandes Schleswig-Holstein, hat sehr gescheit in zwei Blogs die Sache aufgegriffen und das abgeleitet, was wir alle wollen - den Mut zu einer gründlichen Debatte, vor der die Legislative nicht kneift.

Es ist natürlich so, dass der zweite Teil des Buchs überhaupt noch nicht rezipiert wurde, außer dass uns vorgeworfen wird, wir wollten die Kunst auf den Markt schmeißen und hätten verschrobene Ansätze über Kulturwirtschaft und Kulturindustrie.
 Es gibt in der Kulturpolitik weitaus weniger artikulationsstarke Instanzen, die gleichwohl Einfluss haben. Das sind jene Instanzen, die die Mittel vergeben. Aus dem Kreis dieser Auftraggeber kommt durchaus die Reaktion: „Haltet durch! Diese Diskussion ist absolut notwendig und überfällig! Ihr sagt genau das Richtige. Macht da weiter und knickt nicht ein!“ Insofern wird hier eine strategische Chance auf Veränderungen gesehen. Darüber hinaus sehen wir in politischen Parteien die Chance, kulturpolitische Diskussionen neu anzufangen. Bis jetzt haben sie sich freilich zurückgehalten. Es gab eine Zuschrift eines hohen Kulturbeamten, der wörtlich sagte: „Dies ist eine sehr gute Road Map.“

Sicherlich sind die Kulturbetriebe auch wundgescheuert durch die permanenten Spardiskussionen. Wir können uns ja einfach selbst fragen: was bedeutet es denn, wenn ver.di voraussichtlich 4,5 Prozent Lohnerhöhung durchsetzt (es wurden dann mehr als 6% über 2 Jahre verteilt, Anm. d.Red.) vor dem Hintergrund, dass die Kommunen schon Mühe haben, ihre sonstige Infrastruktur erhalten zu können und gleichzeitig eine Schuldenbremse einhalten sollen. Die Kulturbetriebe haben es seit 10-15 Jahren versäumt, die Chancen, die Kulturmanagement bietet, zu nutzen – angefangen von Kulturmarketing über Sponsoring bis zu neuen Organisationsformen -, sondern sie haben weitergemacht unter immer schlechteren Bedingungen. Das ist die eine Achse. Und die andere Achse ist das schon angesprochene, mangelndes Training darin, kulturpolitisch diskutieren zu können. So eine Diskussion würde man niemals in Amerika oder in den Niederlanden führen. Leider haben wir das nicht im Buch drin: Ein Holländer meinte einmal, Ihr Deutschen habt keine „Kultur des Aufhörens“. Ihr könnt immer nur etwas Neues gründen, und das hat dann Ewigkeitscharakter. Wir Holländer sagen, wenn eine Idee beispielsweise nach 10 Jahren ausgelaufen ist, dann findet es nicht mehr statt, und wir finden das nicht schlimm. Das zwingt uns vielmehr, innovativ zu werden. Bei uns in Deutschland kommt sofort der Vorwurf der Ökonomisierung, verbunden mit einem arroganten Blick nach Amerika, ohne zu kennen, wie es dort tatsächlich läuft.

Die Heftigkeit der Diskussion hat uns nicht so sehr überrascht. Die persönlichen Angriffe hätten wir wiederum nicht so erwartet. Doch was uns stolz macht, ist der Umstand, dass man mit einem Buch so eine Diskussion auslösen kann – mit einem Thema, das landläufig als Spezialistenthema angesehen wird. Wer interessiert sich denn schon für Kulturpolitik? Jetzt ist dieses Thema auf den Titelseiten, und die Leserseiten und Blogs füllen sich mit Reaktionen, ja, nein, retten wir oder retten wir nicht – das ist doch unglaublich!

 

Im Buch wird nicht deutlich, welche Passagen von welchem Autor stammen. Welche Schwierigkeiten gab es bei der gegenseitigen Abstimmung?

Das Buch, so wie es vorliegt, ist unsere Gesamtmeinung. Jeder hat zwar seine individuelle Kompetenz eingebracht. Einzelne Kapitel jedoch einem einzelnen Autor zuzuweisen, birgt die Gefahr, dass wir auseinander dividiert werden. Die Angriffe auf einzelne Autoren sind insofern völlig unnötig. Die öffentliche Reaktion hat eher mehr zusammengeschweißt. 

+++

Teil 3 der Interviewserie folgt zeitnah.

 

Teil 1 der Interviewserie finden Sie hier.

 

Rezension des Buchs

www.kulturmanagement.net/beitraege/prm/39/kind__0/v__d/ni__2186/index.html

 

Kommentar von Prof. Birgit Mandel:

www.kulturmanagement.net/beitraege/prm/39/kind__0/v__d/ni__2190/index.html

 

Fotos © Andreas Pavelic

So, 13.05.2012 0

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29.11.2009

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