Installation von Monika Ortmann

Kultur für alle – Kunst für wenige

Ein polemischer Steinwurf aus dem Glaskasten

Die Hohe Kunst ist nichts für sozial schwache Schichten, genauso wenig wie das Bankwesen eines ist, das sich die bildungsferne Masse erschließen kann. Alles zu kompliziert, nur was für Experten, nur was für die, die was davon verstehen.

 

Überlassen wir das Feld also denjenigen, die sich das finanziell und intellektuell leisten können – Bankprodukte und Kunstwerke. Die Gentrifizierung der Kunst schreitet fort wie die Verarmung in den Städten. Der Kunstmarkt bietet die sicherste Anlage. Dem Bild ist es egal, ob es in Euro oder in Dollar gehandelt wird. Und die Theater? Den Städten fehlt Geld, also werden die Eintrittspreise für die Theater erhöht. Man geht davon aus, dass die, die dort ihren Genuss suchen, sich diesen auch finanziell leisten können. Zudem braucht man Niveau und das liefert oft genug das theoretische Vorspiel, akademisches Geschwurbel.

 

Längst liegen die ersten Programmhefte für die Saison 2012/2013 an den Opern- und Theaterhäusern vor, in denen Dramaturgen die Hintergründe der jeweiligen Inszenierung erläutern und das möglichst in einer Sprache, die theaterwissenschaftlich standhält. Damit wird bewiesen, dass es sich hier um ein kluges Konzept handelt, dass hier bildungsmäßig auf hohem Niveau gespielt wird. Schließlich will man, dass das geneigte Publikum der Inszenierung nicht hilflos ausgesetzt ist, sondern nachblättern kann, was wann warum genau so sein muss. Alles andere kann man noch auf den Webseiten dazu recherchieren, denn ein Theaterbesuch ist eine Freizeitgestaltung, die fordern soll, die die Menschen über die 120 Minuten hinaus beschäftigen soll, mindestens so lange wie den jungen Rezensenten, der seine Artikel nicht selten für einen Lohn von 50 Cent pro Stunde veröffentlicht, denn er hat sich auch mit der Autorin und dem Lebenslauf des Regisseurs beschäftigt, das Programmheft studiert und das Lexikon bemüht – alles ordentlich gegoogelt und wikipediert natürlich.

 

Die Quote muss stimmen – das Publikum soll kommen!

Man ist verzweifelt, will man doch den Menschen erreichen, dem es nicht gut geht. Man will all die Minderheiten ansprechen, die Waisen und Witwen, die Ausgestoßenen und Obdachlosen, die Schwachen und Kranken, die Benachteiligten, die Arbeitslosen, die Studenten und Alleinerziehenden, die Migranten und Asylanten, die Bauern und Barfliegen, die aus den Problemvierteln und die aus den Wohnsilos, alle sollen kommen und hören, was das Theater zu sagen hat über die, die uns das alles eingebrockt haben, worüber wir uns erzürnen: die Politiker, die Generäle, die Banker und Spekulanten, die Herrscher und Obrigkeiten, die Mörder und Betrüger, die Bösen der Welt. Immerhin haben wir ja einen Anspruch: Aufklären, aufbegehren, aufrütteln, aufwecken, aufmerksam machen! Also: Auf ins Theater! Dort holen wir uns die Revolutionssalbe, die unsere Wunden noch feuriger brennend macht.

Und wenn die Problemmenschen unserer Zeit nicht ins Theater kommen, geht man zu ihnen hin, nutzt die Folie des Problems als Kulisse oder beobachtet sie, um zu lernen, wie sie sich verhalten. Besser noch – man nimmt sich ihrer an – für eine gewisse Zeit. Forschung nennt man das dann. Man lässt sie gar mitspielen. Das ist Partizipation. Und man spricht mit ihnen wie mit Kindern, denen man die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung irgendwie vermitteln will. Hier kann man nicht mit dem Wort „post-dramatisch“ punkten und den partizipativen Ansatz zur Inklusion sollte man auch eher mit Händen und Füßen erläutern.

Natürlich geht es auf den Bühnen und in den Arenen auch um Dinge, die uns alle betreffen: Um die Liebe, um Tod und Rache, Verzweiflung, aber auch um Verwechselung und Intrige, um Narretei und Jux, gar um Tralala und puren Blödsinn, aber genau der muss auch dramaturgisch und theaterwissenschaftlich abgeklopft werden; denn die Frage nach dem „Warum?“ kommt spätestens von einer Besuchergemeinde, einem Abgeordneten oder dem verunsicherten Darsteller einer kleinen Rolle.

Liest man sich quer durch die Beschreibungen und Programmhefte der Republik, wird einem schwindelig, es sei denn, man ist Literaturwissenschaftler, Sprachforscher oder sch(l)ichtweg ein Klugscheißer.

 

Nicht das Intellektuelle, sondern das Akademische in der Darstellenden Kunst muss sich zügeln

Zerreißt die Programmhefte mit verquasten Texten! Verweigert der unverständlichen Theorie die Praxis! Verlasst Vorstellungen, die Euch nichts angehen! Ruft laut: „Versteh ich nicht!“ Verlangt  unterhaltsame Verwirrung oder verwirrende Unterhaltung! Verlangt Augenhöhe… und: Garderobenfrauen, falls es Euch noch gibt, wo immer ihr auch seid: Verlangt nach schöner Kleidung und zerreißt eure Mädchenpensionatsaufsichtsuniformen in strengem Blau!

 

Aber…

Das Leben besteht nicht aus Abstraktion, aber ohne diese wäre die Kunst mutmaßlich nichts Bedenkenswertes. Man braucht diejenigen, die es schaffen, das mit Worten auszudrücken, wozu der Künstler nicht in der Lage sein muss. Sonst bräuchte er nicht das Kunstwerk, um sich auszudrücken, sondern könnte einfach sagen: Scheißwelt! Aber so einfach macht es keinen Eindruck. Der Vermittler ist der wichtige Bote, der die Botschaft bringt. Gehen Sie zu Ausstellungseröffnung und Sie erleben hier und da eine Sprachgewalt der Laudatoren, die einen umhaut. Sätze wie „So vielfältig wie die Biographie des Künstlers ist, so vielfältig und farbenfroh sind auch seine Bilder“ wollen wir nicht hören. 

Besuchen Sie die Einführung zu Stücken und Sie werden einen Vorteil haben gegenüber all denjenigen, die einfach nur da sitzen und darauf warten, dass der Vorhang hochgeht und das Stück seinen Lauf nimmt. All das, was man in der Schule nicht gelernt hat, kommt hier in einer Fünfzehn-Minuten-Terrine auf Sie zu: Warum der Komponist das Fagott einsetzt, warum man von der Originalfassung abweicht, was die Rezeptionsgeschichte dazu sagt, wie der Autor tickt und warum die Regie auf Licht verzichtet.  Wir freuen uns schon alle auf die neue Saison. Endlich wieder das Gefühl, was Besonderes zu sein – ein Freund der Künste. Und wir blicken im Schutzanzug auf das Elend der Welt, bevor wir den Roten degustieren.

 

Di, 31.07.2012 1

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Kommentare

Wunderbar!

Sehr schöner Artikel! Sie sprechen mir aus der Seele! Ich begleite nunmehr seit einem Jahr Kinder und Jugendliche aus den Randbezirken Hamburgs beim Besuch von Kulturangeboten und stoße immer wieder auf Barrieren, die durch die Anbieter selbst erzeugt werden. Seien es die Angestellten in der Neue Flora, die am Eingang mich direkt darauf hinweisen, dass ich "gefälligst darauf zu achten habe, was meine Jugendlichen im Theater machen" (original Wortlaut; die Jugendlichen standen hinter mir - es ist gar nicht vorher vorgefallen, sie fielen nur durch ihr Äußeres auf, da nicht tres chic à la carte) oder der Museumsführer, der - für ihn scheinbar zu simpel - Fragen der Kinder und Jugendlichen nicht beantwortet und die Führung kommentarlos fortsetzt. Wir brauchen mehr Menschen, die Brücken sind und diese Konstrukte einreißen!

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03.03.2010

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