
Kultur für alle – Kunst für wenige
Ein polemischer Steinwurf aus dem Glaskasten
Die Hohe Kunst ist nichts für sozial schwache Schichten, genauso wenig wie das Bankwesen eines ist, das sich die bildungsferne Masse erschließen kann. Alles zu kompliziert, nur was für Experten, nur was für die, die was davon verstehen.


Die Quote muss stimmen – das Publikum soll kommen!
Man ist verzweifelt, will man doch den Menschen erreichen, dem es nicht gut geht. Man will all die Minderheiten ansprechen, die Waisen und Witwen, die Ausgestoßenen und Obdachlosen, die Schwachen und Kranken, die Benachteiligten, die Arbeitslosen, die Studenten und Alleinerziehenden, die Migranten und Asylanten, die Bauern und Barfliegen, die aus den Problemvierteln und die aus den Wohnsilos, alle sollen kommen und hören, was das Theater zu sagen hat über die, die uns das alles eingebrockt haben, worüber wir uns erzürnen: die Politiker, die Generäle, die Banker und Spekulanten, die Herrscher und Obrigkeiten, die Mörder und Betrüger, die Bösen der Welt. Immerhin haben wir ja einen Anspruch: Aufklären, aufbegehren, aufrütteln, aufwecken, aufmerksam machen! Also: Auf ins Theater! Dort holen wir uns die Revolutionssalbe, die unsere Wunden noch feuriger brennend macht.

Natürlich geht es auf den Bühnen und in den Arenen auch um Dinge, die uns alle betreffen: Um die Liebe, um Tod und Rache, Verzweiflung, aber auch um Verwechselung und Intrige, um Narretei und Jux, gar um Tralala und puren Blödsinn, aber genau der muss auch dramaturgisch und theaterwissenschaftlich abgeklopft werden; denn die Frage nach dem „Warum?“ kommt spätestens von einer Besuchergemeinde, einem Abgeordneten oder dem verunsicherten Darsteller einer kleinen Rolle.
Liest man sich quer durch die Beschreibungen und Programmhefte der Republik, wird einem schwindelig, es sei denn, man ist Literaturwissenschaftler, Sprachforscher oder sch(l)ichtweg ein Klugscheißer.
Nicht das Intellektuelle, sondern das Akademische in der Darstellenden Kunst muss sich zügeln
Zerreißt die Programmhefte mit verquasten Texten! Verweigert der unverständlichen Theorie die Praxis! Verlasst Vorstellungen, die Euch nichts angehen! Ruft laut: „Versteh ich nicht!“ Verlangt unterhaltsame Verwirrung oder verwirrende Unterhaltung! Verlangt Augenhöhe… und: Garderobenfrauen, falls es Euch noch gibt, wo immer ihr auch seid: Verlangt nach schöner Kleidung und zerreißt eure Mädchenpensionatsaufsichtsuniformen in strengem Blau!
Aber…
Das Leben besteht nicht aus Abstraktion, aber ohne diese wäre die Kunst mutmaßlich nichts Bedenkenswertes. Man braucht diejenigen, die es schaffen, das mit Worten auszudrücken, wozu der Künstler nicht in der Lage sein muss. Sonst bräuchte er nicht das Kunstwerk, um sich auszudrücken, sondern könnte einfach sagen: Scheißwelt! Aber so einfach macht es keinen Eindruck. Der Vermittler ist der wichtige Bote, der die Botschaft bringt. Gehen Sie zu Ausstellungseröffnung und Sie erleben hier und da eine Sprachgewalt der Laudatoren, die einen umhaut. Sätze wie „So vielfältig wie die Biographie des Künstlers ist, so vielfältig und farbenfroh sind auch seine Bilder“ wollen wir nicht hören.
Besuchen Sie die Einführung zu Stücken und Sie werden einen Vorteil haben gegenüber all denjenigen, die einfach nur da sitzen und darauf warten, dass der Vorhang hochgeht und das Stück seinen Lauf nimmt. All das, was man in der Schule nicht gelernt hat, kommt hier in einer Fünfzehn-Minuten-Terrine auf Sie zu: Warum der Komponist das Fagott einsetzt, warum man von der Originalfassung abweicht, was die Rezeptionsgeschichte dazu sagt, wie der Autor tickt und warum die Regie auf Licht verzichtet. Wir freuen uns schon alle auf die neue Saison. Endlich wieder das Gefühl, was Besonderes zu sein – ein Freund der Künste. Und wir blicken im Schutzanzug auf das Elend der Welt, bevor wir den Roten degustieren.
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