Kultur über Kultur - Das Kabarett und die Kulturhauptstadt

Der hier angesprochene Hagen Rether ist ein eher untypischer Vertreter der ruhrstädtischen Kabarettszene, die ausgehend von Jürgen von Manger in den 40ern über die Missfits zu Herbert Knebel oder Dr. Stratmann heute eine lange und vor allem sehr erfolgreiche Tradition besitzt. Während Rether jeden positiven Bezug auf die Region vermeidet, nehmen andere eher ironisch und augenzwinkernd aber stets mit Liebe zu Land und Leuten eben jene aufs Korn. Knebel oder Stratmann imitieren Dialekt oder Optik des Ruhris, wie der eben so ist. Das Kabarett an der Ruhr lebt jedenfalls, findet aber erstaunlicherweise keine Beachtung im offiziellen RUHR.2010 Programm. Warum eigentlich nicht, hab ich mich irgendwann gefragt und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es so sicherlich besser ist.

Aber ersteinmal die Frage des warum: Vielleicht wegen Äußerungen von Hagen Rether wie dieser auf seiner ersten Platte „Liebe“:

„Ja ich komm aus Essen, das ist wahr. Stadt der Märtyrer. Kaff der guten Hoffnung. Ach das war ja Duisburg glaub ich. Essen war ja nach dem Krieg so zerstört, die wollten das in Bochum wieder aufbauen. Ich meine, das schöne an Essen sind ja die Autobahnen, von Ost nach West, von Süd nach Nord, durch die ganze Stadt. In zwei Minuten bist du wieder draußen. Und wenn du wieder rein fährst, denkst du dir: Wenn so Essen aussieht, wie sieht dann Kotzen aus. Man kann über Essen sagen, was man will. Essen ist weltweit die einzige Stadt zwischen Wattenscheid und Oberhausen. Echt wer Essen kennt, dem gefällt's überall. Und Politessen gibt's in Essen, ach du je. Da kann es ihnen passieren, dass sie 'nen schönen Abend haben wollen, fahren in die City, stellen ihren Wagen ab, kommen wieder und das Ding ist abgeschleppt. Gut das passiert ihnen in Köln auch, aber da hatten sie einen schönen Abend. Und jetzt wäre Essen gern Kulturhauptstadt Europas. Westerwelle wär auch gern Kanzler. Eher wird Afghanistan High-Tech-Musterland.“

Beim eher „unruhrigen“ Vertreter kommt die Kulturhauptstadt also nicht gut weg und auch wenn der Schlag Herbert Knebel oder Dr. Stratmann die „super Kultur bei uns hier anne Ruhr“ lobt, dann wirkt Kultur an der Ruhr eher wie ein Fremdkörper.

Kabarett als Zeuge im kulturellen Prozess

Alles andere wäre letztlich auch überraschend. Das Kabarett würde schließlich seine gesamte politische und kritische Funktion aufheben, wenn es sich emphatisch hinter ein Projekt wie die Kulturhauptstadt stellen würde. Da gibt's nämlich bei allen Vorteilen sicher genug zu kritisieren. Unter anderem ja, dass das Kabarett in den 2010-Projekten überhaupt nicht vertreten ist. Vielleicht ja, weil sich die Kabarettisten immer so unvorteilhaft zum Thema äußern oder vielleicht auch, weil Kabarett als Kunstform einfach nicht ernst genommen wird. Und vielleicht ist es auch besser so, dass das Kabarett das Jahr von außen begleiten wird und so seine Unabhängigkeit wahren kann. Kabarett und Kulturhauptstadt in einem Boot, das wäre in etwa so, wie wenn Kläger und Angeklagter auf einer Bank sitzen würden.

Und bei aller Kritik von Hagen Rether an seiner Heimat, so soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass er sich trotz allem immer ganz besonders auf seine „Gast“-spiele in der Region freut. Denn, so erzählt er dann immer, da hat er es nämlich nicht so weit nach Haus.

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Mi, 23.06.2010 0

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06.01.2010

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