Kreativquartiere und so

Überall Coworking und Neue Kolonien

Für Wirtschaftsförderer und Nachhaltigkeitsprediger sind sie so wertvoll wie ein kleines Steak, für die vereinigten Kritiker der Kulturhauptstadt-Idee aber nur Fruchtzwerge mit großer Klappe: Kreativquartiere könnten tatsächlich Impulse setzen für die Entwicklung vernachlässigter Stadtteile – wenn man mit ein bisschen Kunst nachhilft.

 

Die Dramaturgie geht so: Am Anfang herrscht Bedarf. Ein Stadtviertel ist in die Knie gegangen, weil es seine ursprüngliche Funktion – Wohnen und Arbeiten in der Nähe schwerindustrieller Produktion – dank des Niedergangs und Verschwindens eben jener Produktionsstätten verloren hat. Nun prägen zwar die schwerindustriellen Strukturen noch den Stadtplan, etwa Industriehallen, Gleisanlagen, Schneisen des Schwerlastverkehrs, Brachflächen; urbanes Leben aber findet nicht statt: Nahversorgung, gastronomische Infrastruktur, soziale Begegnungsstätten – Fehlanzeige. Menschen ziehen fort und hinterlassen leere Wohnungen, Ladenlokale stehen leer; wer bleibt, hat verloren.

 

Die Stunde Null

Was tun? Abreißen, verkommen lassen, Media-Märkte und Hornbach-Baumärkte auf ehemalige Zechengelände pflanzen? Oder „Spinnern“ wie dem international renommierten Stadtplaner Charles Landry folgen, der behauptet, wenn die Leerstände erst einmal von Kreativen besetzt seien, sei der erste Schritt des Wandels getan? Anschlussfrage: Lässt man das geschehen und organisch wachsen oder hilft man gezielt nach?

 

Schritt 1: Aber wir haben es doch nur gut gemeint

Ein Musterbeispiel für ein gewolltes Kreativquartier ist die Rheinische Straße in Dortmund, direkt an die Innenstadt anschließend und durchzogen von einem Teilabschnitt des historischen Hellwegs. Sie soll hier stellvertretend stehen für ähnliche Ansätze in Bochum, Essen oder Dinslaken. „Man“ (die

Stadt, die Kulturhauptstadt, die Wirtschaftsförderung etc.) hat gehofft, durch die Errichtung eines kulturellen Leuchtturms – in diesem Fall des ehemaligen Brauereiturms Dortmunder U, der zum Zentrum für Kunst und Kreativität ausgerufen wurde – entwickle man genügend Strahlkraft, um ins Viertel zu wirken. Pustekuchen. Das U ist (noch) ein Fremdkörper; weder hat es dem Viertel etwas zu sagen noch richtet sich das Viertel an ihm aus. Sagt etwa der angehende Raumplaner Vilim Brezina, der unter dem Alias Will Bee auch Künstler ist.

 

Schritt 2: In die Hände spucken

Stattdessen haben einige charismatische Player im Stadtumbaugebiet Rheinische Straße die Sache selbst in die Hand genommen. Zugute kommt dem Viertel einerseits die 25-jährige Historie des Union Gewerbehofs, die direkt mit der schwerindustriellen Vergangenheit des Viertels zu tun hat; positiv sind auch die geringen Mieten, die die Ansiedlung von Künstlern und szenenahen Galerien begünstigten. In einem weiteren Schritt kooperiert diese Szene im Verbund Neue Kolonie West und bringt aufmerksamkeitsstarke Events hervor.

 

Schritt 3: Künstler, Stadtplaner, pffh, wo ist da der Unterschied?

Die einigermaßen gesettelte künstlerische Szene beginnt, weitere Forderungen zu stellen. Oder weniger martialisch: Sie entwickelt jetzt auch noch stadtplanerische Visionen. Man träumt von der Oase in Beton und formuliert noch ein wenig schwammig, aber dann kommen Leute wie Die Urbanisten, die einen komplexeren Hintergrund mitbringen und anfangen, Stromkästen zu bemalen. Wo es anfängt, „schön“ zu werden, wirft man keine Scheiben ein, so die Hoffnung. (Broken Windows revisited?)

 

Schritt 4: Man macht sich so seine Gedanken

Zeit für die Reflexion: Ist man Künstler und hat einen Platz zum Arbeiten gefunden, macht man sich alsbald Gedanken über seine Lage und sein Tun. Man braucht Geld und fordert es, weil es einem zusteht, und wer Künstler ist, folgt noch lange keinem wirtschaftlichen Urtrieb, sondern nur seinem eigenem Impetus. Für Schauspieler gilt das gleiche.

 

 

Schritt 5: Sich seiner Ästhetik versichern

Die Stunde der Verwerter hat geschlagen. Wollen doch mal sehen, wie das so aussieht in diesen Kreativquartieren. Und dann geht man hin und betreibt Feldforschung, zeichnet auf und zeichnet ab, spricht mit Eingeborenen, hält Objektiv und Mikro hin – das kann übel schief gehen oder aber brillant werden. Brillant wie die Sonarcities-Beiträge über Bochum, Essen, Duisburg und Dortmund im LAB, die sich mehreren dieser Viertel im Ruhrgebiet widmen und so komplex und ästhetisch vertrackt sind wie ihr Sujet. Ganz großes Kino!

 

Schritt 6: Die europäische Dimension

Nach dem Lokalen kommt das Glokale. Die Kunst darf nicht im Viertel bleiben, sie muss raus und europäisch werden. Ein stadtplanerisches Format wird mit den Mitteln künstlerischer Impulse durchdekliniert, die selbstironisch ihre Lage als Bohème Précaire charakterisierende Kunstszene macht Vorschläge für lebenswerte städtische Räume: been out vol. 1 wird zum Ereignis 2011.

 

 

Schritt 7: Jetzt aber endlich an die Arbeit

Was in Berlin und in Berlin und in Berlin funktioniert, geht auch in Essen und in Dortmund und in Dortmund: Coworking ist der folgerichtige Schritt, sich aus seiner prekären Lage als Künstler zu befreien und – beseelt von jenem künstlerischen Geiste – parallel zur etablierten Wirtschaft Strukturen zum Geldverdienen zu errichten. Womit der Kreis zu Schritt 1 trotz allerlei Beulen geschlossen ist.

 

 

Schritt 8: Ich kauf mir jetzt ein paar Mietshäuser…

… und klage die alten Parteien raus. Haha, war nur ’n Scherz.

 

Sa, 21.04.2012 1

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Kommentare

ein guter versuch

die widersprüche zu vereinigen. und auf allen seiten gilt: auf worte taten folgen lassen.

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13.12.2009

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Wer spart, der hat.
vor 17 Wochen 3 Tage

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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