Kreativität @ Scheideweg

Kreativität ist zum Mantra unserer Tage geworden - und ist ein weltweites Phänomen, das Gefahr läuft, übermäßig benutzt zu werden. Jeder reagiert auf die Tatsache, dass die Welt sich dramatisch verändert hat, so dass es sich wie ein Paradigmenwechsel anfühlt. Viele Dinge scheinen so zu sein wie immer, aber unterschwellig haben sie eine andere Dynamik bekommen, und Kreativität scheint die Antwort auf diese Veränderungen zu sein.

Der Autor dieses Blogs freut sich auf Ihr Feedback – hier wird kommentiert, welche Umgebungen die oben genannten Bedingungen erfüllen und hier wird sich mit Beispielen auf der ganzen Welt befasst. Ist das Ruhrgebiet ein gutes Beispiel? Was ist mit Temple Bar in Dublin, Fitzroy in Melbourne, Dotonbori in Osaka, dem Distillery District in Toronto, Palermo in Buenos Aires, und all den anderen? Können echte und weltweit anerkannte kreative Umgebungen sich nur in großen Städten entwickeln oder kann das auch anderswo passieren – in kleineren Städten oder sogar ländlichen Gegenden? Konzentriert sich Kreativität vornehmlich auf die Kreativwirtschaft oder gibt es andere Gebiete – wie Wissenschaft, Landschaftsgestaltung, oder sozialer Aktivismus – wo sie sich am besten entfaltet?
 

Der Kreativitätsrausch


Charles Landry
Charles Landry
Städte versuchen mittlerweile immer mehr, zu kreativen Hochburgen, inklusive den entsprechenden pulsierenden kreativen Quartieren, zu werden, die auf einer anderen Art von Ökonomie basieren. Das betont das Erlebnishafte, das Stimulierende, das Allgegenwärtige, und im Zusammenhang mit diesen Begriffen erstellte Produkte und Dienste, während die Unterschiede zwischen Produzenten und Konsumenten verschwinden, und wo das Immaterielle und Ideen genau so viel Wert darstellen können wie das, was man sehen und anfassen kann. Kreative Zentren sind Orte mit den richtigen äußerlichen, mentalen, intellektuellen, und netzwerkfähigen Strukturen, die die Grundbedingungen für Menschen liefern, die mit ihrer Vorstellungskraft denken, planen, und agieren.


 

Dramatische Veränderungen


Historische Zeiträume, die Übergänge oder schwerwiegende Veränderungen mit sich bringen, wie die industrielle Revolution oder die technologische Revolution der vergangenen 50 Jahre, können Verwirrung hervorrufen, das Gefühl von Befreiung und hochfliegenden Erwartungen, vermischt mit einem Gefühl von Beunruhigung und dem, von den Ereignissen überrollt zu werden. Es braucht eine Weile, bis sich der Staub gelegt hat und die Neuheit zur Routine wird. Einige lieben diese Unsicherheit und das Gefühl von Bewegung und Möglichkeit, das nach ihrem Empfinden den Raum für Kreativität schafft. Die Mehrheit jedoch bevorzugt Vorhersehbarkeit als Ausgangsposition. Wie zeigen und erschaffen Orte die feine Balance zwischen Wildheit und Ordnung? Drückt sich das äußerlich durch bizarre neue Gebäude wie Gehrys Tanzhaus in Prag oder besetzte alte Häuser wie dem Tacheles in Berlin,

Dortmunder U
Dortmunder U
oder den vielen wieder belebten alten Fabrikgebäuden wie Brauereien oder Molkereien, Textil- oder Kabelfabriken, Zechen oder Militärbaracken aus? Oder ist es etwas anderes? Braucht man besondere Gebäude und eine lebhafte Umgebung, um kreativ zu sein – oder kann das auch in langweiligen, leblosen und hässlichen Gegenden geschehen?
 

Das Tatsächliche – oder das Fiktive


Die Essenz der Kreativität ist ihr vielseitiger Einfallsreichtum, die Kompetenz, Probleme zu lösen, und die Fähigkeit, Gelegenheiten zu erschaffen. Kreativität funktioniert, wenn man eine 360°-Perspektive hat, Dinge verbindet, die vermeintlich unvereinbar sind, und ab und zu einen neuen, unvoreingenommenen Blick auf die Dinge wirft. Bei den meisten kreativen Ideen müssen Leute sich tatsächlich treffen und kommunizieren. Natürlich kann man auch alleine in seinem Schlafzimmer oder Büro kreativ sein, aber selbst isolierte Solisten brauchen Stimulation von außen – eine ähnlich gesonnene Gruppe von Leuten, mit denen man Ideen besprechen oder sich einfach treffen kann. Interaktion und zwischenmenschlicher Kontakt ist der Schlüssel, und wenn die äußere Umgebung diese einfach macht, ist sie ein Katalysator für Gelegenheiten und Verbindungen und kann ein fruchtbarer Boden für Neues und neue Ideen sein. Mehr und mehr jedoch werden die Projekte immer komplexer und arbeitsintensiver, so dass man sie besser im Team erledigen kann. Das kann durchaus im virtuellen Raum geschehen, aber trotzdem scheinen tatsächliche Ankerplätze so wichtig zu sein wie eh und je. Welche Arten von Raum und Umgebung inspirieren und ermutigen zu Innovationen? Was sind ihre Qualitäten und besonderen Eigenschaften? Orte zu schaffen, die das Entstehen von Neuem anregen, es stimulieren, das ist die zentrale Herausforderung für die Städteplanungsgemeinschaft. Die Frage ist: inwiefern ist das planbar, und inwiefern können marktbezogene Ansätze die Antwort liefern – oder sollte man eine Kombination der beiden Herangehensweisen in Betracht ziehen?

Kreativität kann überall verwendet werden, sei es nun auf sozialem, politischem, organisatorischem oder kulturellem Gebiet, bei Technologie, Handwerk, Dienstleistung, Bank- oder Gesundheitswesen, oder dem Ändern von organisatorischen Strukturen. Wichtige kreative Beiträge können Tätigkeiten und Geschäftsfelder aufwerten, die normalerweise nicht als kreativ angesehen werden, wie zum Beispiel Ingenieurwesen, Hausverwaltung oder Hotelgewerbe. Kreativität ist nicht beschränkt auf die Kunst, obwohl künstlerische Kreativität eine besondere Stellung in dem neuen Gefüge hat.
 

Die künstlerische Vorstellungskraft


Erstens haben die meisten Künstler einen Hang zum Erforschen von Dingen und befinden sich auf einer Entdeckungsreise; zweitens konzentrieren sie sich auf das Emotionale und Erlebnishafte – das sind genau die Qualitäten, die in der neuen wirtschaftlichen Konstellation gebraucht werden; drittens haben sie durch ihre Schulung eine bedeutende Grundlage an Fähigkeiten und Können innerhalb des kreativen Sektors, die Design, Tonkunst, bildende Kunst, Medien, und Performance einschließt. Die Kreativwirtschaft, beschäftigt mit Bildern, Wahrnehmung und dem Symbolischen, spielt eine immer wichtiger werdende Rolle, und zwar als Arbeitgeber und Vermögenserzeuger. Sie kann ein einfaches Telefon in ein außergewöhnliches Erlebnis verwandeln – oder einen simplen Stuhl oder Tisch in ein Objekt der Begierde.

Buntstifte
Buntstifte
Aber der Einfluss der Kreativwirtschaft reicht noch weiter, da sie eine Plattform für die Wirtschafts- und Stadtentwicklung darstellt. In ihrem Kern besteht sie hauptsächlich aus drei Gebieten: Kunst und kulturelles Erbe, Medien und Unterhaltungsindustrie, und vielleicht dem wichtigsten, den kreativen B2B-Diensten, durch deren Arbeit der Wert jedes Produktes oder Services gesteigert werden kann. In diesem Gebiet, besonders bei Design, Werbung, und Unterhaltung, agiert die Kreativindustrie als Innovationsmotor für die weitere Wirtschaft, indem sie die sogenannte „Erlebniswirtschaft“ formt. Diese erhebt die Stadt zum erstrebenswerten Umfeld, und Künstler und andere Kreative werden mehr und mehr hinzugezogen, um dieses Bild zu zeichnen.

Das führt zu interessanten Problemen für die Stadtplaner. Eine industriell geprägte Stadt sieht anders aus und fühlt sich anders an als eine kreative Stadt, die versucht, uns dazu zu ermuntern, unsere Fantasie zu gebrauchen, flexibel zu sein, uns ein Netzwerk aufzubauen, und Wissen in Reichtum zu verwandeln. Die Entscheider versuchen unaufhörlich, Kreative und sogenannte „knowledge nomads“ für einen “Kampf der Talente”, anzuziehen, um eine Art permanenten Zuzug der kreativen Kräfte zu generieren und so zu einem Zentrum der Kreativität zu werden. Sie wollen, dass sich die Kreativität in bestimmten Gebieten, Vierteln, und Quartieren manifestiert, und verwenden dazu ein immer mehr genutztes stadtplanerisches Repertoire, das kulturelle Zentren mit vielfältigen Angeboten, herausragenden oder leicht wieder erkennbaren Gebäuden, oder das Einstreuen von Cafés hier und da beinhaltet. Aber ist das genug? Ein kreativer Ort ist eine Mischung aus harter und weicher Infrastruktur, ist ein Balanceakt zwischen formalen und unformalen Strukturen, und sichtbaren und unsichtbaren Dingen.
 

Wie geht es weiter mit der Kreativität?

 

Charles Landry
Charles Landry
Letzten Endes gibt es einige ernsthafte Fragen zum Thema Kreativität. Erstens: ist das Wort Kreativität so häufig benutzt worden, dass es seine Bedeutung und Kraft verliert? Zweitens: Kreativität für viele scheint die Antwort auf fast alle Probleme zu sein – aber sie soll mehr Probleme lösen, als sie bewältigen kann, von sozialen Missständen bis hin zu Umweltfragen. Drittens: was sind die wichtigsten Herausforderungen an diesem Punkt der Weltgeschichte? Was ist wirklich wichtig? Für mich ist auf sich selbst konzentrierte und selbstbezogene Kreativität nicht sehr interessant. Stattdessen braucht jedes kreative Viertel oder jede kreative Stadt eine ethische Perspektive. Wir sollten also von unseren kreativen Orten denken, dass sie nicht versuchen sollten, die kreativsten Orte auf der Welt oder der Gegend zu sein. Sie sollten danach streben, die besten und fantasiereichsten Städte für die Welt zu sein. Dieses eine geänderte Wort – von “auf“ zu “für” - hat dramatische Auswirkungen auf die Dynamik der Dinge. Es gibt Stadtplanung eine ethische Grundlage. Es hilft dabei, dass Städte sich zum Ziel machen, Orte der Solidarität zu werden, wo die Beziehungen zwischen dem Einzelnen, der Gruppe, Fremden in der Stadt und auf dem Planeten besser funktionieren. Diese Städte können Orte der Leidenschaft und des Mitgefühls sein.

 

Foto Stifte: Heinz-Hasselberg
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Mo, 06.09.2010 3

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Kommentare

Übersetzung

Hallo Herr Hendricksen,
wir haben Ihren Beitrag zur Übersetzung gegeben. Den Original-Beitrag von Charles Landry finden Sie übrigens auf unserer englischen Seite http://www.2010lab.tv/en/blog/creativity-crossroads

ein kommentar

sehr geehrter herr landry...habe in einem kleinen artikel versucht meine schwierigkeiten zu artikulieren, würde mich auch über feedback freuen

Alles für die Kunst - im 2010lab

"Du Künstler"

Manche Menschen gebrauchen das Wort Künstler auch als Schimpfwort ;-) http://www.youtube.com/watch?v=DOu0BYBiVhY in diesem Falle wurde Christoph Schlingensief beschimpft. Da kommt vermutlich kein Gedanke auf, dass Künstler und Kreative ein wirtschaftlicher Faktor sind, der NICHT vernachlässigt werden darf.

Über den Autor

31.08.2010

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