
Kreativität als letzte Ware
Tino Buchholz hat in Amsterdam den Klassenkampf des 21. Jahrhunderts portraitiert.
Während der Kulturhauptstadt RUHR.2010 erlebte Filmemacher und Autor Tino Buchholz als Pressesprecher der Initiative UZDO (Unabhängiges Zentrum Dortmund) hautnah mit, wie es ist, als Künstler aus leerstehenden Häusern geräumt zu werden. Jetzt legt der Stadtsoziologe mit "Creativity and the Capitalist City" einen Dokumentarfilm vor, der das Spiel zwischen Kreativität und Wirtschaft am Beispiel Amsterdam portraitiert. Im Interview spricht Buchholz, Doktorant an der Universität Groningen, über die Beweggründe seines Werkes, die Historie der Hausbesetzungen in den Niederlanden und die neue Methode des Anti-Squat.
Hier geht es zum 2. Teil dieses Beitrags.
Was ist das konkrete Thema von „Creativity and the Capitalist City“?
2002 erschien Richard Florida’s Buch „The rise of the creative class“ und ein Jahr später kam es in Amsterdam zu einer Konferenz mit dem Titel „Creativity and the City“. In den Niederlanden, wie auch Deutschland, hat es jedoch Tradition, das Attribut „capitalist“ gerne wegzulassen. Dabei machen doch gerade wirtschaftliche Interessen einen entscheidenden Unterschied und führen immer wieder zu Widersprüchen und Konflikten.
Die industrielle Produktion hat sich verlagert, so dass der Westen vor allem auf immaterielle Arbeit und Dienstleistungen setzt. Womit wird in der ersten Welt gewirtschaftet, womit wird gehandelt? Das sind die Menschen an sich. Ihre Köpfe, ihr Wissen, ihr Lebensstil, ihre Kreativität. Wo soll das hinführen? Wo sind die Grenzen des kreativen Kapitalismus? Was hat die spätkapitalistische Stadt damit zu tun? Eben darum geht es.
Creativity and the Capitalist City :: TRAILER :: Amsterdam 2011 :: www.creativecapitalistcity.org from creativecapitalistcity on Vimeo.
Gab es für dich einen besonderen Anlass, das Filmprojekt in Angriff zu nehmen?
Es geht in diesem Film nicht nur um Amsterdam. Ich hatte mich im Sommer 2009 mit Jamie Peck, einem der führenden Wirtschaftsgeographen, aus Vancouver getroffen. Jamie Peck ist der international renommierteste Kritiker der „kreativen Klasse“ in der Stadtpolitik. Von da an hatte ich das Material, das Thema „Kreativität als Strategie“ bzw. wie Peck heute sagt: „Kreativität als Vehikel“ in der Stadterneuerung anzugehen. Mit dem Fokus auf die Effekte für den Wohnungsmarkt. Davon ab stellte auch die Hamburg-Dokumentation „Empire St. Pauli“ einen Ansporn dar. Und überhaupt, einen Film machen statt ein Essay zu schreiben. Wer liest das denn?
Meine Forschung an der Uni Groningen beschäftigt sich mit der marktradikalen Stadtumstrukturierung in Westeuropa und Perspektiven für eine gerechte Stadt, das „Recht auf Stadt“. In hochentwickelten kapitalistischen Städten wie Amsterdam, Hamburg, Düsseldorf kommt man derzeit um das Thema Kreativität nicht herum. Letztlich ist der Film aber auch ein Versuch, den Hype zu beenden und Kreativität aus der Umklammerung der Ökonomie zu lösen.
Welchen Stellenwert hat der Ansatz der Kreativen Stadt in den Niederlanden?

Politische Initiativen, wie z.B. auch Hausbesetzer, können sich diesem Prozess nur schlecht entziehen. Unabhängig von ursprünglichen Interessen werden neue Dienstleistungen angeboten, die man durchaus kreativ finden kann. Aufgrund der handfesten Konflikte in den 60er/70er/80er Jahren ist der niederländische Diskurs seither reichlich unaufgeregt und wenig ideologisch verlaufen. Zumindest bis 2010. Man war sich klar darüber, dass niedrigschwellige Raumangebote für die Kreativwirtschaft Sinn machen.
Wie schaut es mit der gesetzlichen Handhabe von Hausbesetzungen aus?
In den 60er/70er Jahren gab es eine grassierende Wohnungsnot. Amsterdam wurde zwischenzeitlich als Geisterstadt beschrieben, weil die Häuser leer und die Menschen sich auf den Füßen standen. Das hat heftige soziale Bewegungen ausgelöst. Allein in Amsterdam wurden damals 20.000 Hausbesetzer gezählt. Heute sind es in den gesamten Niederlanden ca. 2000. Ungefähr alle vier Jahre gab es dann den Versuch, Hausbesetzungen parlamentarisch zu verbieten. Durch den anhaltenden Widerstand wurde in den 80ern eine Regel eingeführt, die besagt, dass ein zentrales Argument für Besetzungen der Leerstand ist. Wenn das Haus länger als ein Jahr leer stand, musste der Eigentümer nachweisen, dass er bessere Pläne hat. Nur in diesem Fall hat der Staat das Eigentumsrecht durchgesetzt und die Häuser geräumt.
Im letzten Jahr ist das Gesetz geändert worden.

Was ist die Kritik am Anti-Squat?
Kurz gesagt, dass Wohnen vollends zur Ware wird und spekulativer Leerstand auch noch Geld abwirft. Man tut so, als seien die Menschen gar nicht da. Mein Film zeigt diese neue, rotierende Wirkungsweise und eine komplett andere Perspektive auf das Wohnen. Selbst Kündigungsfristen, von 28 Tagen Minimum werden nicht eingehalten. Die Leute werden als bewohnende Bewacher in leerstehenden Bürogebäuden zwischen geparkt und nebenbei der Mieterschutz ausgehöhlt. Wohnen wird ein Job.
Vom Ansatz her kann man Anti-Squat sicherlich clever finden, die Leerstandsproblematik auch über den Markt anzupacken. Wenn es denn weiter die Möglichkeit der zivilen Hausbesetzung gäbe, dann stellten diese beiden Instrumente eine sozialdemokratische Maßnahme dar, sich einerseits selbst zu helfen, um an Wohnraum zu gelangen und bietet auf der anderen Seite für Eigentümer die Möglichkeit, ihr Eigentum zu bewachen. Zur Zeit geht es hierbei aber um Konditionen z.B. „keine Partys, keine Kinder, keine Haustiere, Urlaub anfragen usw.“, die mit Wohnen nicht viel zu tun haben. Du bist nur Gast hier und fasst hier nichts an! Abel Heijkamp hat hierzu 2009 einen guten Dokumentarfilm vorgelegt.
Carefree vacant property (Leegstand zonder zorgen with English subtitles) from Abel Heijkamp on Vimeo.
Warum Zwischennutzungen in den Niederlanden populärer sind als in Deutschland und ob das Konzept der kreativen Klasse im Ruhrgebiet zum Scheitern verurteilt ist, beantwortet Tino Buchholz im zweiten Teil.
„Creativity and the Capitalist City“ ist am 20. November im Rahmen von „blicke – filmfestival des ruhrgebiets“ in der Bochumer Rottstr5 Galerie unter Anwesenheit von Tino Buchholz zu sehen.
Teaserfoto: (c) Buchholz
Kommentar hinzufügen
Empfohlene Beiträge
Ähnliche Beiträge
Thema
Stadt
Branche
Aktuelle Tweets






































