
Kreation und Depression in der Kreativwirtschaft
Von „Echtleben“ und Freiheit kreativer Geister
Zwei jüngst erschienene Bücher, Katja Kullmanns „Echtleben“ und der Sammelband „Kreation und Depression – Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus“ von Menke und Rebentisch werfen einen Blick auf die Überforderungen und Zumutungen neo-kreativer Subjekte des 21. Jahrhunderts – hier im Ruhrgebiet zum Beispiel als Heilsbringer in der "Kreativwirtschaft". Nicht nur sterbende Stadteile sollen in den Vorstellungen von Kommunalverwaltungen gerettet, Industriebrachen belebt und Arbeitsplätze geschaffen werden, auch die Akteure selbst folgen dem Sirenengesang von Selbstbestimmung und Freiheit durch Kreativität.

Man braucht nur mal die Liste der Unternehmen durchgehen, die zur Kreativwirtschaft gezählt werden und wundert sich dann auch nicht mehr, dass sie in NRW 36 Milliarden im Jahr umsetzen – Künstler sind nämlich so gut wie keine darunter. Der Kunstmythos und Künstlermythos vom maximal selbstbestimmten und sich selbstverwirklichenden Leben ist vom einst fasziniert-feindseligen bürgerlichen Milieu aufgenommen und ökonomisch umgedeutet worden.
„Man bringt uns bei, dass Unternehmen eine Seele haben – was wirklich die größte Schreckensmeldung der Welt ist“, schreibt Deleuze in "Kreation und Depression". Aber es ist noch viel schlimmer: Kreativität im Sinne des Kapitalismus heutiger Prägung bedeutet dauerhafte Anpassung und Selbstvermarktung zum Wohl der Marktteilnahme.
Was vom Künstler übernommen wurde: Arbeit und Rest-Leben verschwimmen beim Kreativwirtschaftler ins Untrennbare. Dann, wenn alle Kontakte auf berufliche Verwertbarkeit geprüft und generell keiner mehr von der (facebook)Angel gelassen wird, der einem irgendwie noch Nutzen bringen könnte. Oder wenn die Arbeitswoche 7 Tage hat und das iPhone nie aus ist, wenn der Umzug Morgen, ein Kind dagegen eher irgendwann mal kommen kann, jedenfalls nicht bevor das nächste Projekt...usw usf.
Was die Wirtschaft von der Kunst genommen hat

Geblieben ist, wenn man Kullmanns „Echtleben“ glaubt, lediglich die Hoffnung auf Selbstverwirklichung und Selbstgewissheit. Feste gute Einkommen sind für die Allermeisten allerdings passé. Und leider auch die letzte Hoffnung, die auf Selbstbestimmung in Style, findet sich zermahlen in Sachzwängen, Projektanträgen, Hierarchien von Verwaltungen, Förderstipendiumskriterien, Redaktionskonferenzen, Sponsorensuche, jüngerer Konkurrenz mit weniger Schlafbedürfnis und der ewigen Frage: Wovon bezahl ich meine Miete, wenn der 6 Monats-Vertrag ausläuft?
Ausbeutersystem
Das persönliche Glück durch Arbeit ist zum persönlichen Ausbeutersystem verkommen, das sich kein Henry Ford hätte perfider ausdenken können. Denn hier wird nicht mal mehr jemand gezwungen, ob von Autoritäten oder den Verhältnissen. Hier zwingen sich die Projektritter und Freelancer, die Kreativwirtschaftler und Medientreibenden, Selbst-Ständigen freiwillig "permanent zu performen". Größe und Erfolg lassen sich ja ohnehin nicht mehr in Geld messen, sondern nur noch am Grad der Aktivität.
Die Gegensätze zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit, Stabilität und Instabilität, Selbstinteresse und Fürsorge lösen sich auf, schreiben Luc Boltanski und Ève Chiapello. Aktivität heißt: Projekte zu generieren oder sich in Projekte zu integrieren, die andere gestartet haben, in Netzwerke einzudringen, um die eigene Isolation zu überwinden, Personen kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen, von denen man sich dann neue Projekte verspricht. Brave New Worker.
Der Dagegen-Künstler ist ein Weiter-Dabei-Sein-Künstler

Die Neo-Kreativität fordert eine kluge, selbstbewusste, nicht-zweifelnde und permanente ökonomische Selbstvermarktung, dazu die Suche nach Nischen, um das berufliche Fortkommen in Hinblick auf die kapitalistische Verwertungslogik der eigenen Ideen, Konzepte und Erfindungen voranzutreiben. Paradox dabei, dass gerade das Unangepasste, frei Denkende das sein soll, was Kreativität ausmacht. „Der Kapitalismus fordert zu seiner Erhaltung Menschen, die ihm subversiv begegnen, die Widerstand gegen sein gnadenloses Kalkül leisten. Nur solche Leute können heute noch Geschäfte machen.“ (Carl Hegemann).
So lautet die paradoxe Botschaft der Kreativwirtschaft, in der das Neue denken, das Eigene schaffen allein dem Zweck dient, weiter teilhaben zu können.
Überforderung als Grundgefühl
Ganz schön viel für Menschen, die früher arbeiten gingen, um zu leben und Familien zu ernähren. Wenn es gut lief, war die Arbeit auch noch anspruchsvoll. Heute sieht es vielleicht schicker aus, was ein junger Kreativer tut. Es hört sich dynamischer, aufregender, international und meist so gar nicht künstlerisch-weltfremd an. Es ist jedoch - so scheint es nach Kullmann, Menke und Rebentisch - vor allem ein Vollzeitjob, um das eigene Leben zusammenzuhalten.
"Wieviel mehr könnte der hippe Praktikant aus Entfremdung gewinnen. Daraus eben, nicht er selbst zu sein, und wenigstens Geld zu verdienen. Irgendwer muss dem erzählt haben, dass es ihn ernährt, er selbst zu sein." (René Pollesch; Lob des alten litauischen Regieassistenten im grauen Kittel)
Kreation und Depression – Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus von Christoph Menke und Juliane Rebentisch (Herausgeber). Mit Beiträgen u.a. von Gillez Deleuze, Diedrich Diederichsen, Carl Hegemann, Axel Honneth, René Pollesch und Dieter Thomä.
Echtleben – Warum es heute so schwer ist eine Haltung zu haben von Katja Kullmann
Teaserbild: John Waters: "Study Art Sign (For Style and Glory)", Museum Schirn Frankfurt (Foto: Caravante)
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