"Study Art Sign (For Style and Glory)" (c) John Waters

Kreation und Depression in der Kreativwirtschaft

Von „Echtleben“ und Freiheit kreativer Geister

Zwei jüngst erschienene Bücher, Katja Kullmanns „Echtleben“ und der Sammelband „Kreation und Depression – Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus“ von Menke und Rebentisch werfen einen Blick auf die Überforderungen und Zumutungen neo-kreativer Subjekte des 21. Jahrhunderts – hier im Ruhrgebiet zum Beispiel als Heilsbringer in der "Kreativwirtschaft". Nicht nur sterbende Stadteile sollen in den Vorstellungen von Kommunalverwaltungen gerettet, Industriebrachen belebt und Arbeitsplätze geschaffen werden, auch die Akteure selbst folgen dem Sirenengesang von Selbstbestimmung und Freiheit durch Kreativität.

 

In Herzogenaurach gibt es jetzt auch ein Kreativquartier. Der beeindruckende Neubau für die Kreativbereiche von Adidas: Marketing, Materialforschung und Design. Materialforschung und Marketing? Kreativität bedeutet längst nicht mehr zunächst ziellos und zwecklos Bilder malen, Noten oder Worte zu Stücken arrangieren, Filme zu machen und so weiter.

Man braucht nur mal die Liste der Unternehmen durchgehen, die zur Kreativwirtschaft gezählt werden und wundert sich dann auch nicht mehr, dass sie in NRW 36 Milliarden im Jahr umsetzen – Künstler sind nämlich so gut wie keine darunter. Der Kunstmythos und Künstlermythos vom maximal selbstbestimmten und sich selbstverwirklichenden Leben ist vom einst fasziniert-feindseligen bürgerlichen Milieu aufgenommen und ökonomisch umgedeutet worden.

„Man bringt uns bei, dass Unternehmen eine Seele haben – was wirklich die größte Schreckensmeldung der Welt ist“, schreibt Deleuze in "Kreation und Depression". Aber es ist noch viel schlimmer: Kreativität im Sinne des Kapitalismus heutiger Prägung bedeutet dauerhafte Anpassung und Selbstvermarktung zum Wohl der Marktteilnahme.

Was vom Künstler übernommen wurde: Arbeit und Rest-Leben verschwimmen beim Kreativwirtschaftler ins Untrennbare. Dann, wenn alle Kontakte auf berufliche Verwertbarkeit geprüft und generell keiner mehr von der (facebook)Angel gelassen wird, der einem irgendwie noch Nutzen bringen könnte. Oder wenn die Arbeitswoche 7 Tage hat und das iPhone nie aus ist, wenn der Umzug Morgen, ein Kind dagegen eher irgendwann mal kommen kann, jedenfalls nicht bevor das nächste Projekt...usw usf.

 

Was die Wirtschaft von der Kunst genommen hat

 

Viele Berufe haben sich in Ideenzwang, Prozesshaftigkeit und Eigenverantwortlichkeit künstlerischer Arbeit angenähert, während der Beruf des Künstlers heute in vielerlei Hinsicht nicht mehr anders wahrgenommen wird, als der anderer Freiberufler und Selbständiger auch. All die Projektarbeiter und frei flottierenden Medienmenschen, all die Ausstellungs-, Film- und Fernsehmacher, die Wissenschaftsnomaden und freien Journalisten mit zweitem Standbein, die Werbetexter und PR-Agenten, die App-Programmierer und Youtube-Musikanten, sie lockt das Wort „Kreativität“ mit dem Versprechen von Glück durch Selbstverwirklichung bei gleichzeitig festem, gutem Einkommen. Das war einmal.

Geblieben ist, wenn man Kullmanns „Echtleben“ glaubt, lediglich die Hoffnung auf Selbstverwirklichung und Selbstgewissheit. Feste gute Einkommen sind für die Allermeisten allerdings passé. Und leider auch die letzte Hoffnung, die auf Selbstbestimmung in Style, findet sich zermahlen in Sachzwängen, Projektanträgen, Hierarchien von Verwaltungen, Förderstipendiumskriterien, Redaktionskonferenzen, Sponsorensuche, jüngerer Konkurrenz mit weniger Schlafbedürfnis und der ewigen Frage: Wovon bezahl ich meine Miete, wenn der 6 Monats-Vertrag ausläuft?

 

Ausbeutersystem

 

Das persönliche Glück durch Arbeit ist zum persönlichen Ausbeutersystem verkommen, das sich kein Henry Ford hätte perfider ausdenken können. Denn hier wird nicht mal mehr jemand gezwungen, ob von Autoritäten oder den Verhältnissen. Hier zwingen sich die Projektritter und Freelancer, die Kreativwirtschaftler und Medientreibenden, Selbst-Ständigen freiwillig "permanent zu performen". Größe und Erfolg lassen sich ja ohnehin nicht mehr in Geld messen, sondern nur noch am Grad der Aktivität.

Die Gegensätze zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit, Stabilität und Instabilität, Selbstinteresse und Fürsorge lösen sich auf, schreiben Luc Boltanski und Ève Chiapello. Aktivität heißt: Projekte zu generieren oder sich in Projekte zu integrieren, die andere gestartet haben, in Netzwerke einzudringen, um die eigene Isolation zu überwinden, Personen kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen, von denen man sich dann neue Projekte verspricht. Brave New Worker.

 

Der Dagegen-Künstler ist ein Weiter-Dabei-Sein-Künstler

 

Kreativität wie sie heute ökonomisch verstanden wird (den überdrehenden Kunstmarkt mal beiseite lassend), arbeitet sich nicht künstlerisch an Gefühlen und Ideen, an Gegenwart oder empfundenen Verlusten ab, rebelliert nicht gegen Gesellschaft oder Ästhetik, folgt nicht der eigenen Wahrnehmung und malt oder schreibt oder fotografiert drauf los.

Die Neo-Kreativität fordert eine kluge, selbstbewusste, nicht-zweifelnde und permanente ökonomische Selbstvermarktung, dazu die Suche nach Nischen, um das berufliche Fortkommen in Hinblick auf die kapitalistische Verwertungslogik der eigenen Ideen, Konzepte und Erfindungen voranzutreiben. Paradox dabei, dass gerade das Unangepasste, frei Denkende das sein soll, was Kreativität ausmacht. „Der Kapitalismus fordert zu seiner Erhaltung Menschen, die ihm subversiv begegnen, die Widerstand gegen sein gnadenloses Kalkül leisten. Nur solche Leute können heute noch Geschäfte machen.“ (Carl Hegemann).

So lautet die paradoxe Botschaft der Kreativwirtschaft, in der das Neue denken, das Eigene schaffen allein dem Zweck dient, weiter teilhaben zu können.

 

Überforderung als Grundgefühl

 

Ganz schön viel für Menschen, die früher arbeiten gingen, um zu leben und Familien zu ernähren. Wenn es gut lief, war die Arbeit auch noch anspruchsvoll. Heute sieht es vielleicht schicker aus, was ein junger Kreativer tut. Es hört sich dynamischer, aufregender, international und meist so gar nicht künstlerisch-weltfremd an. Es ist jedoch - so scheint es nach Kullmann, Menke und Rebentisch - vor allem ein Vollzeitjob, um das eigene Leben zusammenzuhalten.

 

"Wieviel mehr könnte der hippe Praktikant aus Entfremdung gewinnen. Daraus eben, nicht er selbst zu sein, und wenigstens Geld zu verdienen. Irgendwer muss dem erzählt haben, dass es ihn ernährt, er selbst zu sein." (René Pollesch; Lob des alten litauischen Regieassistenten im grauen Kittel)

 

Kreation und Depression – Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus von Christoph Menke und Juliane Rebentisch (Herausgeber). Mit Beiträgen u.a. von Gillez Deleuze, Diedrich Diederichsen, Carl Hegemann, Axel Honneth, René Pollesch und Dieter Thomä.

 

Echtleben – Warum es heute so schwer ist eine Haltung zu haben von Katja Kullmann

 

Teaserbild: John Waters: "Study Art Sign (For Style and Glory)", Museum Schirn Frankfurt (Foto: Caravante)

So, 02.10.2011 4

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Kommentare

@C.C.

Nunja, Ladenbesitzer (off- oder online) bieten wenn nicht die eigenen, so doch zumindest die Produkte von anderen Grafikern, Designern, Handwerkern, Autoren, Musikern etc. dar. - Von Galerien, Kleinkunstkneipen & Co. mal abgesehen, fällt mir eben noch ein. (Es muss ja eben gerade nicht jedeR Kreative gleich eigene Bauchläden und Propagandaministerien mit sich rumschleppen.) Ich bin eher gegen ein Verständnis von Kreativwirtschaft, das vor allem den Dienstleistungs-, also Auftragserfüllungscharakter unterstreicht. (Und so ähnlich seh ich auch die Wettbewerbs- und Projekttopfhascher übrigens, zumindest mittelfristig.) Da sind wir wohl nicht weit voneinander weg. - Wäre "emanzipierter Kapitalismus" eigentlich auch, wenn sich Standortpolitiker eben NICHT bemühen, arme Leute aus ihren Stadtvierteln zu verdrängen, indem sie Kreative dort ansiedeln, sondern versuchen ihnen Leute hinzusetzen, die vorleben, dass man sich aus dem Sumpf von Staats- und/oder Ausbeuter-Abhängigkeit befreien kann? Ich versuch mal das morgen zu Schlimm City mitzunehmen und in den Artikel einfließen zu lassen. *denk* Und wie passt die Klage über "shrinking cities" eigentlich mit diesen aus HH und B importierten Kiezverteidigungsparolen zusammen? Können die sich alle nicht mal für eine Apokalypsenvariante entscheiden? Ich pass mal auf morgen. :D

Da ruft meine Frau erbost am Feiertag aus der Küche:

....." und wer spricht von Depression im Haushalt? 7 Tage Woche, keine Putzfrau und kein Geld! " Aber: Staatsdienst ist ne gute Idee!

"Ne travaillez jamais!" vs. "Give me a Vollzeitarbeit!"

Uh, Kullmann und Deleuze ziehen also quasi an einem Strang? Ich glaube nicht, dass experimentelle Lebenskünstlerleben, Ladenbesitzertum und Projektanträgekarrieren über ein Knie zu brechen sind. Der berechtigte Unwillen, sich als eine irgendwie halbwegs autonom fühlende Person als Standortfaktor benutzt zu sehen, ist für mich nachvollziehbar. Warum aber so oft ausgerechnet an der real existierenden Staatsschürze hängende Menschen immer auf denjenigen herumhacken müssen, die eben nicht 9to5+x in Konzernuniform oder als stadtmarketingende (Sub-)Kulturträger agieren wollen, sondern sich lieber ihre eigene Hölle bauen...? Vor einigen Jahren sah ich mit Schrecken, wie eine Menge Leute - nicht zuletzt vor Ruhr.2010, aber auch andernorts - das Rennen auf irgendwelche Stadt- und Staatstöpfe eröffnet haben und sich dabei schwer angebiedert und - falls noch möglich - verbogen haben. Da habe ich persönlich dann echt mal die schätzen gelernt, die nicht als "freie Szene" in irgendwelchen Ausschüssen sitzen, sich von der punky Band Richtung Theater "verbessert" haben oder sonstwie zu Stadt- oder Staatstragenden Elementen geworden sind. (Unglaublich, wieviele Revolutionen es seitdem an den Theatern gibt!) Mir sind da die wuseligen Handwerker und Ladenbetreiber echt lieb geworden im Gegensatz zu dieser Spezies. Und als würden diese Kultur- und Kapitalismustheoretiker nicht genau das 150%ig tun, was sie an anderen kritisieren! Aber nicht jedeR darf, was Pollesch und D`sen dürfen, schon klar... Und Carl Hegemann fordert - gegen wen eigentlich? - auch weniger Subversion und mehr Anpassung, damit der Kapitalismus endlich mal schneller zusammenbricht? Innerhalb welcher Grenzen denn nun? Sollte ich vielleicht doch präventiv in den Staatsdienst wechseln? Ich muss doch sehr bitten!
Sehr richtig Herr K.: Lebenskünstlerleben im wahrsten Sinne hat bestimmt nichts mit Ladenbesitzer und Projektantragschreiber (für Steuergelder zumeist) zu tun. Ladenbesitzer und Projektantragschreiber gehörn aber auch nicht zur Kreativwirtschaft finde ich - es sei denn der Begriff wird endgültig ins fast-alles erweitert. Projektantrag eines Künstlerkollektivs oder Off-Theaters oder Atelierhauses ja, Wissenschaftsprojektanträge wie von D-sen und anderen sicher häufig verfasst aber nein. Auch die Projektritterwelt ist ja sehr heterogen und im engeren Sinn selten kreativ glaub ich. Und ja, vollrichtig, wer zum Buch Kreation&Depression beitrug, ist entweder tot (Deleuze) oder schreibt selbst ne Menge anträge, lebt von Antrag zu Antrag und in Selbstausbeutung. Vielleicht ja deswegen. Witzig, dass sich das Zitat von Hegemann auf einen Unternehmensberater bezog, der mit der Botschaft durch die Lande zieht: der Mann heißt Tom Peters und hat das Spiel offenbar verstanden: egal was wer macht, der Kapitalismus wird es umarmen und irgendwann marktfähig machen. Er sagt aber auch: 2/3 fallen aus dem wie er es nennt "emanzipierten Kapitalismus" (also jeder ist sein eigener Unternehmer) heraus. Der Staatsdienst ist da auf jeden Fall ein Hortus Conclusus wie wir alten Asterix-Lateiner sagen....

Über den Autor

25.03.2010

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