
Die urban urtyp Konzertreihe - Arbeit an der urbanen Kultur des Ruhrgebiets, Teil I
- Serie: Kunst, Ruhr Music
In der Bochumer Christuskirche findet seit einiger Zeit die neue Konzertreihe urban urtyp statt, die Großstadt-Musik nach Bochum holen will. Bei den bisherigen Konzerten waren bereits unter anderem Gilda Razani & Subvision sowie das Portico Quartet zu Gast. Bei einem der Planungstreffen des wachsenden Teams sprach ich mit Andreas, einem der drei Initiatoren des Projektes. 
Fass mal zusammen, worum es bei dem Projekt „urban urtyp“ geht und was das überhaupt ist.
Andreas: urban urtyp sind Konzerte aus der Mitte der Stadt. Unsere Idee ist es, urbanes Leben in einer so diffusen Stadtlandschaft wie dem Ruhrgebiet abzubilden. Dies betrifft nicht nur den Ort - Bochum ist schließlich mitten im Ruhrgebiet und die Christuskirche im Zentrum der Stadt - sondern auch und besonders die Musik. Egal wie unterschiedlich sie ist, du spürst sofort, dass sie so nur im städtischen Umfeld entstehen kann. urban urtyp ist wie ein Spaziergang durch eine unbekannte Metropole. Du gehst durch die Stadt und an jeder Ecke wartet eine neue Überraschung. Dabei wird dir schnell klar, wenn du, diese Dinge zu entdecken willst, musst du die Hauptstraßen verlassen. Interessant wird es in den Nebenstraßen
Wir wollen Musik zeigen, die selten gezeigt wird, und das an einem Ort, der mit all seinen Qualitäten für städtisches, vielleich sogar metropolitanes Leben stehen kann.. Die Christuskirche ist so ein Ort mit solchen überraschenden urbanen Qualitäten. Obwohl er mitten in der Bochumer Innenstadt liegt, links neben dem Rathaus, direkt an einer U-Bahn Station, kennt die Christuskirche kaum interessanterweise kaum jemand von innen. Du kommst zufällig herein und merkst sofort: „Wow, das habe ich hier jetzt aber nicht erwartet“.
Die Christuskirche selbst ist ein offener, freier Raum. Ein Faltdach aus Beton, geklinkerte Wände und Fensterflächen mit abstrakten Strukturen, die blaues, gelbes und weißes Licht reinlassen. Das schafft für die Konzerte eine ganz eigene Atmosphäre. Thomas sagt immer: „Wenn du dich diesem Raum als Künstler nicht stellst, kannst du nur verlieren:“
Klar ist die Christuskirche ein sakraler Raum, eine Kirche. Sie heißt ja heute auch „Kirche der Kulturen“ . Aber für mich steht dieser Ort für vieles mehr: Er ist Auseinandersetzung mit der Geschichte, Orientierungspunkt, hat eine architektonische Qualität, die seinesgleichen sucht und darüber hinaus soviel Substanz, dass Jochen Gerz aus diesem Ort sein Konzept für den „Platz des Europäischen Versprechens“ entwickelt hat, der als ein positives Verspechen für Europa in die Stadt hinein wirkt.
Das Schauspielhaus hatte vor einigen Jahren mal eine Spielzeit mit dem schönen Motto: „Von hier aus“. Ganz ähnlich ist auch die Idee von urban urtyp, nämlich Musik, die aus verschiedensten Richtungen inspiriert ist, in die Stadt hineinwirken zu lassen,.
Was bedeutet für Euch „urban“?
In einer der Presserunden ist ein schöner Satz gefallen „urban ist fremdennah“. Ich habe diesen Satz so verstanden: Urban ist eine Auseinandersetzung mit dem Unvermuteten, ist Vielschichtigkeit und Vielfältigkeit, jenseits der bekannten Wegen. Es heißt aber eben auch, dass das Gewohnte, Bekannte nicht immer ebdient wird. Wenn du mit der Erwartungshaltung in das Konzert kommst, deine CDs endlich einmal live zu hören, wirdst du sicherlich zunächst einmal irritiert sein.
Findet sich das Unerwartete und Neue auch im Konzept wieder, in der Auswahl der Musik?
Die Musik ist vielleicht unerwartet oder neu, aber als Prinzip würden ich das nicht sehen. Es begründet sich eher aus der Zufälligkeiten, aus dem Leben heraus; aus dem, was wir Stadt empfinden. Tatsächlich war die Frage: „Was ist urban urtyp eigentlich?“ am Anfang schwierig. Aber wir merkten schnell, dass ist auch wieder typisch am Urbanen: Da treffen unterschiedliche Sichtweisen aufeinander und brechen sich aneinander. Was die Auswahl der Musik angeht, hat man ja schon ein Gespür dafür, was „Dorfmusik“ und was „Stadtmusik“ ist. Ganz wertfrei und auch vor dem Hintergrund, selber im kleinstädtischen Kontext groß geworden zu sein: wenn ich Hardrock oder Schlager höre, steht das für ein bestimmtes Milieu und Umfeld und wir bewegen uns hier mit der Musik eben nicht in einer Kleingartenanlage oder in einem Partykeller.
Seht Ihr Euch und das, was Ihr macht, als Beitrag zur Etablierung einer urbanen Kultur im Ruhrgebiet? Ist „das Urbane“ für Euch auch ein bisschen programmatisch?
Es ist nicht ein bisschen programmatisch, es ist programmatisch.
Also seid Ihr der Ansicht, dass man an der urbanen Kultur des Ruhrgebietes noch arbeiten muss?
Es ist kein Muss. Wir arbeiten gerne an der urbanen Kultur des Ruhrgebietes, wir empfinden das Ruhrgebiet als urban. Das Thema Urbanität, mit einem Kern, der für kulturelle Vielfalt, für Offenheit und unterschiedliche Sichtweisen und Lebensformen steht, das ist im Ruhrgebiet gegeben. Es ist sogar sehr charakteristisch für das Ruhrgebiet mit seiner Vielfalt. Dass man beim Thema Ruhrgebiet über 178 Nationen spricht, ist ja nicht nur aus dem Ärmel geschüttelt. Das kennt jeder selbst und auch hier sitzen wir nicht nur mit einem kulturellen Hintergrund.
Den zweiten Teil des Interviews findet Ihr hier.
Foto Razani: ©StandOut–photographie&design_Bussenius&ReinickeGbR
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