Arcade Fire VS Bugge Wesseltoft - Euphorie VS Klangruhe

Selten live zu sehen und dabei vollkommen eins mit ihrer Musik sind beide; aus schneereichen Regionen, Kanada und Norwegen, kommen sie auch beide; Ausnahmeerscheinungen in ihren musikalischen Sphären sind sie ebenfall; und verlässlich gut sowieso.

Auch wenn „verlässlich gut“ nach Versicherung und Berechenbarkeit klingt - das ist das Letzte, was jemand über die Indie-Größen Arcade Fire oder den Jazzmusiker Bugge Wesseltoft sagen würde. Sie sind gut, ach was, großartig. Weil sie überraschen die Fähigkeit besitzen, eine ganz eigene Konzertaura zu schaffen.

Drei Lieder machen alle wehrlos


In Düsseldorf brauchten Arcade Fire genau drei Lieder, um die Halle zu packen und komplett durchzueuphorisieren. Weitere 90 Minuten später wurden wir verschwitzt, glücklicher und aufmerksamer wieder in der Novembernacht abgesetzt.
Bugge Wesseltoft brauchte in der Bochumer Christuskirche ebenfalls höchstens drei Lieder, um mit seinem Piano Solo Konzert die Hektik und rasenden Gedanken aus den Zuschauern zu vertreiben und nach 90 Minuten das Gefühl zu hinterlassen: SO sollte Weihnachten doch sein: Besinnlich, friedlich, ruhig. Angesichts der hektischen Konsumschlacht und eigenartig aufgeladenen Stimmung zu Weihnachten aber selten der Fall.

Wer wie Arcade Fire mit den ersten fünf Liedern allesamt „Hits“ spielt, hat jedenfalls ausreichend Selbstbewusstsein, die Fans nicht zu langweilen mit dem Rest des Programms. Das taten sie gewiss nicht, sondern lieferten schönes Lied um herrliches Lied ab, schafften es gar, die weniger packenden Stücke ihres Repertoires, wie Rococo oder We used to wait  live in Kracher zu verwandeln. Als am Ende das großartige Rebellion (Lies) und Wake up erklingen, markiert das weniger den Höhepunkt des Konzerts als eine Landung auf höchster Ebene , irgendwo in wolkigen Höhen musikalischer Größe.

Weihnachtslieder ohne Zuckerguß / Hymnen mit Hirn


Bugge Wesseltoft spielt keine Hymnen sondern berühmte Weihnachtslieder von Es ist ein Ros entsprungen bis Stille Nacht. Weihnachtslieder? Wer da ans eigene Blockflötenvorspiel denkt, wird von Wesseltoft therapiert, dessen Platte, „Its snowing on my piano“, nicht nur zu den best verkauftesten Jazzalben aller Zeiten gehört, sondern die Schönheit der alten, übrigens internationalen, Melodien herausschält aus dem sattgehörten Weihnachtsmarkttrallala.
Einige der Songs klingen dabei derart dekonstruiert und reduziert, dass (ich jedenfalls) sie nicht erkennen konnte, irgendwo zwischen Minimal Musik und der berühmten Keith Jarret Platte "Köln Konzert".
Einige der sonst lamettabekränzten Melodien wurden vom Publikum mit Seufzen erkannt, wirkten aber in Wesseltofts Interpretation, ohne Chöre, Klingelingeling und Zuckerguss wunderschön - selbst für Weihnachtshasser.

So sollte Weihnachten sein


Wesseltofts Pianospiel, in der fast vollkommen verdunkelten Christuskirche vorgetragen, war bewegend, rührten manchen ebenso zu Tränen wie das herrliche No Cars go von Arcade Fire am Abend zuvor.

Zwei Enden der musikalischen Parabel. Zwei Konzepte: doppelte Bandbesetzung und ständige Instrumentenwechsel auf der einen, Solopiano und Entschleunigung auf der anderen Seite. Beide bestachen durch Herz, Verstand und Seele in ihrer reinsten musikalischne Form.

So müsste es immer sein: einen Tag die prallen, intelligenten, wildschönen Klänge von Arcade Fire und am anderen Tag die klug arrangierten Pianoklänge von Wesseltoft, die radikal Miles Davis Motto folgen: "Ich höre auf das, was ich weglassen kann". 

Fotos: moi und Christuskirche

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Do, 02.12.2010 0

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25.03.2010

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