
Kino auf der Berlinale hat ein Herz für gestörte Männer
- Serie: Ökonomie
Berlin. Von einem Marathonläufer, der Banküberfälle in seinen Trainingsplan einbaut, einem Killer mit großem Herz und Gewalt in der Krankenpflege. Halbzeit bei den internationalen Filmfestspielen in Berlin.
Tag fünf der Berlinale, liebe Freunde guter Projektionen, und wenn wir den heutigen und die vergangenen Revue passieren lassen, stellen wir neben ausgiebigen Regenschauern als dramaturgisches Stilmittel im Wettbewerb einen weiteren thematischen Trend fest: Das Kino hat dieser Tage ein besonders großes Herz für gestörte Männer, gerne im Zusammenhang mit Knasterfahrung, ergänzt durch einen verschütteten butterweichen Kern.
Eine Ehefrau wäre selbstlos der wieder aufgetauchten Jugendliebe überlassen worden, wäre nicht ein Schlaganfall dazwischen gekommen. Ein Mann namens Khan hat für die Liebe seines Lebens den langen Marsch zum Präsidenten der Vereinigten Staaten auf sich genommen. Ein Bruder möchte den jüngeren vor der Mutter schützen, ein anderer nach viel Elend immerhin das Kind des suizidalen Bruders retten. Ben Stiller war eine verlorene Seele auf der Suche nach Liebe oder wenigstens einer Frau zum Anfassen. Leonardo DiCaprio hat sich ganz dem Irrsinn anheim gegeben. Der vergangene Wettbewerbstag ergänzte den Themenschwerpunkt „Der Mann als Opfer der Umstände im 20. und 21. Jahrhundert“ um einen sportlichen Bankräuber, einen Killer, der am Ende weiß, wer es verdient hat zu sterben und einen Kriegsveteranen ohne Arme und Beine, dafür aber mit reichlich Dreck am Stecken.
Lauf Räuber, lauf
Eröffnet wurde der Wettbewerbstag von der deutsch-österreichischen Produktion „Der Räuber“ von Benjamin Heisenberg, nach dem gleichnamigen Roman von Martin Prinz. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit und beleuchtet einen der spektakulärsten Kriminalfälle der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Johann Kastenberger war ein Bankräuber, Mörder und Marathonläufer der in den 80er Jahren als „Pumpgun-Ronnie“ Kriminalgeschichte schrieb. Bis heute ist er Rekordhalter des Kainacher Bergmarathons.
Im Film wird Kastenberger zu Johann Rettenberger. Ein Mann mit zwei Talenten: Laufen und Banken ausrauben. Beides versieht er mit der gleichen stoisch eingefrorenen Mimik eines ausgezehrten und austrainierten Läufers. Genauso wie er immer wieder unruhig auf die Laufstrecke muss, zieht er los zu seinen Raubzügen. Ein Mann ohne Ziel, getrieben nur von seiner eigenen Unruhe. Auch wenn die fehlende psychologische Tiefe des Charakters vom Regisseur so gewollt ist, weil das Phänomen Kastenberger/Rettenberger letztlich nicht zu erklären ist, wird die Charakterlosigkeit des Protagonisten zu einer Schwäche des Films. Gleichzeit gelingt es durch die hervorragende Kameraarbeit von Reinhold Vorschneider durch dynamische Laufbilder und lange Einstellungen auf dem versteinerten Gesicht Rettenbergers, sehr gut dargestellt von Andreas Lust, die ziellose Getriebenheit und Erstarrung des Charakters auf die Leinwand zu bannen. Seine Arroganz gegenüber der Welt wird Rettenberger schließlich zum Verhängnis.
Um der alten Zeiten willen
Um einen Delinquenten ganz anderer Art geht es in Hans Petter Molands „En ganske snill mann“ (A Somewhat Gentle Man). Nicht nur weil der Regisseur aus Norwegen, Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson aus Dänemark und Hauptdarsteller Stellan Skarsgård aus Schweden kommt, kann einmal mehr die Weisheit bemüht werden, dass die Skandinavier mehr als ein Händchen für gute Stoffe, skurrile Geschichte und hervorragende Drehbücher haben.
12 Jahre saß Ulrik (Skarsgård) wegen Mordes im Gefängnis. Gerade frisch entlassen richtet er sich mit einer Topfpflanze in einem trostlosen Kellerzimmer ein. Ihn treibt eine Mission, den Kerl zur Strecke bringen, der ihn verraten hat. Zwischen ihm und Kenny stehen nur ein neuer Job, einige Damen die sich mit Hilfe von Ulrik um ihr leibliches Wohl kümmern, sein Sohn und sein ungeborenes Enkelkind. Ausstattung, Darsteller, Dialoge, ein Film, der seine Absurdität und seinen Witz bis zum Finale durchhält. Ein Film, dem nicht nur ein Bär zu gönnen wäre.
Der Mensch ist auch nur ein Wurm
Sie geben sich die Klinke in die Hand, die Regie-Altmeister auf der Berlinale. Der japanische Regisseur Koji Wakamatsu ist mit seinem Film „Caterpillar“ im Wettbewerb vertreten.
Hochdekoriert dafür aber ohne Arme und Beine, mit verbranntem Schädel, fast sprachlos und nur einem kleinen Rest Verstand kehrt Leutnant Kurokawa aus dem zweiten japanisch-chinesischen Krieg nach Hause zu seiner Frau zurück. Von Stund an ist sie an den „Kriegs-Gott“ gebunden, der von allen wegen seiner Tapferkeit für das Vaterland verehrt wird. Kurokawa kann schlafen, essen und verdauen, außerdem funktioniert seine Libido hervorragend. Sein ausgeprägter Sexualtrieb hat bereits vor dem Krieg seiner Frau und während des Krieges den Frauen der Feinde das Leben zur Hölle gemacht.
Seine treu sorgende Frau Shigeko muss die Verantwortung für den „Kriegs-Gott“ übernehmen und Vorbild für alle anderen Frauen sein. Während sie ihm stets zu Diensten ist, erkennt Shigeko die Macht, die sie über den so Versehrten hat. Während der Pflege des Kranken kommt es immer häufiger zu gewaltsamen Übergriffen, auch wenn es Shigeko es nicht wagt, sich von dem Krüppel, der ihr nach Hause geschickt wurde, zu befreien. Der Mann ist ein Wurm, gepeinigt von den Geistern der Vergangenheit. Am Ende wird er sich windend seinem Leben selbst ein Ende setzen. 85 Minuten Geschichtskino mit dem Schwerpunkt: gewaltsame Übergriffe bei Schwerstpflegefällen in der häuslichen Krankenpflege durch Familienangehörige.
Und sonst?
Schaun wir mal.
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