Crashtest Nordstadt

Kindergeburtstag für Große

Theater Dortmund im Außendienst

Es ist nichts für fußkranke oder ältere Menschen, kilometerlange Wanderungen durch die Dortmunder Nordstadt zu absolvieren, um an „Spielchen“ teilzunehmen, die sich das Dortmunder Theater und deren Gäste-Inszenateure „matthaei & konsortenhaben einfallen lassen. „Crashtest Nordstadt – mach mein Spiel“ heißt die Produktion, die für Medienfurore sorgt. Fast alle sind begeistert, begegnet man hier doch dem wahren Leben in einem Stadtteil, der seine Berühmtheit durch Drogen, Prostitution und den mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen, dies zu verstecken, erlangt hat.

Das Publikum versammelt sich zunächst in einer neu-apostolischen Kirche, die wie ein  Zockerzentrum eingerichtet wurde. Die Begriffe „Checker“ und „Portfolio“ machen die Runde. Man bekommt Nummern, lernt seinen Käufer kennen und wird auf die Reise geschickt, zu viert, begleitet von einem Kamerateam, das die Bilder live ins Zentrum schickt, wo sich während der Tour der Aktienwert der Menschen abbildet. Dort wird gesetzt und die Checker spielen um Gewinn oder Verlust.

Es ist ein Trend in der Theaterwelt, ohne den man nicht mehr auskommt. Irgendwie wird versucht, die Welt der Banken und Börsen theatralisch aufzubereiten. Die Luftgeschäfte, Fondsfantasien, Ratings und Hedges sind virtuell und beeinflussen die wirkliche Welt so stark, dass die Kunst sich äußern muss. Aber wie? Da wird versucht, über Gleichnisse und Spiele erkennbar zu machen, worum es geht. Die Bank gewinnt immer.  Und in der Nordstadt macht man sich einen Spaß daraus. Gleichzeitig ist man als kleine Gruppe mit den Menschen und Orten im Viertel konfrontiert, Crashtest also. So richtig verstehen tut man das Ganze nicht. Ist auch egal, denn die Realität der Finanzwelt kapiert ja auch keiner.

 

Ludger hat versagt

Ich gebe zu, „Audience partizipation“ ist nicht mein Ding. Der Ungeübte darf in der Regel nicht an der Kür teilnehmen. Umso mehr muss ich konstatieren, dass man schnell hineinkommt in den Spaß, den es gemacht hat. Es gibt verschiedene Touren und ich war froh, nicht unter denen zu sein, die ein Gospellied singen sollen. Die Befehle kommen per Mobiltelefon. Nach jeder Station sagt der Checker der Gruppe, wohin es geht und wer die „Prüfung“ machen soll. Die jeweiligen Gastgeber der Situationen bewerten und der Kurs steigt oder fällt. Man nennt sich beim Vornamen. „Ludger hat versagt“ oder „Katrin hat es gut gemacht“ heißt es dann. Unsere Gruppe bekam ein fünftes Mitglied. „Ich bin verkauft worden“, sagt Alexander. Und der Weg führt uns kilometerweit zum Borsigplatz, wo wir auf einem Spielplatz ein Spiel mit Zeitungen machen soll

en. „Also doch Kindergeburtstag“, denke ich und entziehe mich der Übung durch Erschöpfung.

Es geht weiter zur Islamic Bank, wo wir als Investoren und Produzenten um Millionen spielen können. Hab nix kapiert, aber was über islamisches Bankwesen erfahren. Nächste Station: Wir befinden uns in einer Wohnung, die eine von uns als Idylle an den Interessenten bringen soll, ein unmögliches Unterfangen. Hier will niemand wohnen, außer vielleicht aktuell Obdachlose. Ein Mann spielt den Immobilien-Hai, ein anderer den Interessenten. Das machen sie mit Hingebung. Es sind Mitarbeiter des Straßenmagazins „Bodo“, die hier als Laiendarsteller glänzen.

Weiter in eine Kneipe. Aufgabe: Man soll sich integrieren. Ich setze mich also an die Theke und komme nach zwei Sekunden mit zwei Rentnern ins Gespräch, die Bier aus 0,2-Litern-Gläsern trinken, die es nur noch hier zu geben scheint, in der Eckkneipe. Und da stehen auch Aschenbecher. Dass die Wirtin seit 47 Jahren Bier ausschenkt, dass der Ex-OB Langemeyer den Hoesch- mit dem Fredenbaumpark verwechselt hat und dass bei den letzten Malen Leute aus Opladen, Köln, Münster und Essen da gewesen seien. Sie werden also für den Nordstadt-Crash immer da hingesetzt. Das hat was von Truman-Show.

 

Was guckt Ihr?

Zum Schluss kam es jedoch zu einer Begegnung, die mit Angst und Klischees ihr Spielchen trieb. Die Aufgabe hieß „Basar“ und die Adresse war auf dem Plan nur mit einem Kreuzchen versehen, keine Hausnummer, kein Name. An der Straßenecke stand ein schwarzes Auto, drum herum drei „südländische Typen“ wie man sie aus Krimis kennt – Abziehbilder der rauen Parallelwelt. Es geht um einen Autoverkauf (aha, „Basar“). Unsere Gruppe sucht immer noch den Ort, schaut auf die drei körperlich hundertfach überlegenen Männer. „Was ist los? Was guckt Ihr?“ donnert es grimmig über die Straße. Das habe einige Gruppen vor uns schon dazu gebracht, sofort das Weite zu suchen. Wir wagen uns heran an den Wagen und es gibt Streit, an dem wir uns aber nicht so wirklich beteiligen wollen. Die Aggressionsangebote der drei „Darsteller“ fruchten nicht. Wir sind lieb und steigen am Ende ins Auto. Man fährt uns zurück zur Kirchenbörse. Und dort erfahren wir, das unsere Aktie am Ende gestiegen ist, unser Checker aber alles verzockt hat.

Für Auswärtige, die mal das Exotische eines solchen Viertels kennenlernen wollen und dann wieder froh sind, zuhause zu sein, ist es ein wunderbares Erlebnis. Für mich, der ich da wohne, wo andere gucken kommen oder kleine Päckchen verkauft werden, eher ein Kommunikationsplus.  Aber – wie gesagt – es war nur eine Tour von mehreren. Die zweite Halbzeit des Fußball-EM-Viertelfinalspiels war wesentlich langweiliger. Und nachts hab ich noch von der Autoszene geträumt. Man soll sich nicht einmischen, wenn gehandelt wird. Es ist eine andere Welt.

 

Do, 28.06.2012 0

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03.03.2010

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