
Kiezgeflüster
Dienstag, 3. August 2010
Büroarbeit ist schön, wenn man ein Meer, einen Affenbrotbaum anschauen kann, oder ein Reh am Waldesrand oder Enten. Manchmal tut auch eine stille Industriebrache gut. Parkende Autos hingegen inspirieren nicht. Aber man soll ja auf seine Arbeit, also den Bildschirm schauen und nicht ins Träumen kommen. Was soll man denn so träumen und wovon? Hawaii etwa oder Valparaíso? Von einem rumänischen Dorf ohne Strom oder der bulgarischen Bergwelt? Manche träumen von einem Mann, also dem Traummann oder der Traumfrau. Klingt eher nach einem Alptraum mit Weichzeichner. Ich will nicht abschweifen und mich der Realität stellen.
Vipern und Kröten
In einem Kiez-Café – nennen wir das mal so, klingt besser – wird über Rente gesprochen, über Ansprüche und bescheidene Lebensweisen. Von vieren sind drei in der Künstlersozialkasse. Der eine schätzt seinen derzeitigen Rentenstand auf 430 Euro, die andere auf 150,00. Sie lebe in einem Loch, meint die eine, sie habe noch einen alten Boschkühlschrank, die andere. Und man kommt auf die Gesellschaft zu sprechen, auf die Ölkatastrophe im Golf und die vielleicht noch größere in Nigeria. Wir dringen vor zu den Vorkommnissen im „Kiez“. „Letzte Woche hat es eine Massenschlägerei gegeben. Es wurde geschossen. Die Polizei hat die ganze Straße gesperrt,“ sagt einer, „die haben nichts herausgefunden.“ Jede Woche kämen neue Lieferungen junger Frauen aus Bulgarien. Er wohne jetzt drei Jahre hier und es würde immer krasser. Neben ihm lebten unzählige Leute in einer Wohnung. Dann biegt sich das Gespräch in Richtung Haustiere. Schildkröten und deren Winterverhalten, zum Beispiel. Und er habe mehrere Terrarien mit Schlangen, auch Giftschlangen. Alles ordentlich angemeldet, aber es gäbe welche, die das eben nicht tun. „In dieser Stadt gibt es tausende illegaler Schlangen.“ Er kenne einen, der habe etwa 100 in seiner Wohnung.
München
Morgen fliegen wir nach München. S. und ich. Das ist lästig. Wir sehen uns eine Spielstätte an. Eingeladen sind wir zum jährlichen Tanzfestival München mit „Luna Park“. Lange her. Es ist die Twins-Produktion, die im Juni hier Premiere hatte. Ist schon Vergangenheit bei dieser Ansammlung von Aktivitäten. Das fördert nicht die Entschleunigung, der ich mich gern hingeben würde. Aber auch dies besser in Gesellschaft. Entschleunigte Aktionen. Da fällt mir doch die Schildkröte ein, aber sie lebt entsprechend länger. Werde also das Tagebuch erst am Donnerstagabend fortsetzen können – mit all den wahnsinnigen bayrischen Erlebnissen in 24 Stunden.
Auszug
Die von oben sind jetzt ausgezogen. Der Sperrmüll verschwand schnell. Neue Mietanwärter habe ich noch nicht gesehen. Da wünsch ich mir doch zeitnahe Zeitgenossen, mit denen man mal ein Schwätzchen halten kann und die mich nicht belästigen. Keine Parties über mir, keine Ballermusik, keine Schreiereien, keine Totenstille. Ein Kunstmäzen mit Gattin mit ohne Hund.
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