Keine Demokratie in Kiew - eine Metropole jenseits von Europa

Kiew ist eine prosperierende Metropole. Hier dominieren westlicher Stil und eigene östliche Regeln, die sich von den europäischen stark unterscheiden.

„Taxi!“, „Taxii!“, „Taxiii!“, der wiederkehrende Ruf, mit dem der Reisende auf vielen Bahnhöfen der Welt empfangen wird, breitet sich schnell aus - zwischen den Marmorwänden der hohen klassizistische Eingangsalle des riesigen Kiewer Zentralbahnhofs. Zum Schein lasse ich mich auf diese invitatio ad referendum ein, frage einen der Ausrufer nach meiner Zieladresse.

Der antwortet mit einer knappen Gegenfrage: „Skolka?“, also - wie viel? Ich ahne schon, dass wir nicht zueinander kommen, sage aber dennoch: 50! Griwna – also rund vier Euro für eine Fahrt durchs Zentrum der Stadt. Kopfschütteln – er will 150!, was dem Dreifachen des üblichen Fahrpreises entspricht. Nachdem meine Vorurteile bestätigt wurden, genieße ich noch für ein Viertelstündchen das herrliche Ambiente bei einer heißen Tasse Tee. Dann nehme ich die Metro. Für zwei Griwna.
 

Bahnhof Kiew
Der Bahnhof in Kiew ist toll, er kann was – außer hochdeutsch, auch englisch hat er nicht drauf, mit lateinischen Buchstaben tut er sich ohnehin schwer. (Foto: Olaf Sundermeyer)
Englisch-Offensive für Polizisten und Taxifahrer


Der Bahnhof ist toll, er kann was – außer hochdeutsch, auch englisch hat er nicht drauf, mit lateinischen Buchstaben tut er sich ohnehin schwer. Anders ausgedrückt – wer hier ohne den Dechiffriercode für kyrillische Buchstaben unterwegs ist, ist grundsätzlich geneigt, in einem der wortstarken Taxischlampen einen vorrübergehenden Reisebegleiter zu suchen. Immerhin wird mir übermorgen einer der stellvertretenden Präsidenten des ukrainischen Fußballverbandes wortreich erklären, dass man gerade mitten in der Planung für eine Kommunikationsoffensive im öffentlichen Sektor steckt.

Schließlich will man vorbereitet sein, auf hunderttausende internationaler Fußballfans, die im kommenden Jahr die Ukraine besuchen werden – zur EURO 2012, auch über diesen Bahnhof. Auch Polizisten, Hotelangestellte – und Taxifahrer (!) würden demnächst Englischkurse belegen. Mir fällt der Begriff „Speedlearning“ ein, mit dem ich mich auf den Weg zur Metro amüsiere.
 

 

Die Rolltreppe der Metro ist ein Catwalk


„Metro“ jedenfalls klingt kosmopolitisch. Und sie hat hier wirklich internationales Format. Es geht weit runter auf einer sehr langen Rolltreppe, dabei wird es allmählich wärmer. Wie bei einer Einfahrt unter Tage. Die Rolltreppe dient den örtlichen Grazien gleichsam als eine Art Catwalk. Im Sommer zumal, wo die ukrainischen Frauen keinen Grund dafür sehen, ihre bemerkenswerte Ursprünglichkeit nicht allgemein zugänglich herzuzeigen. Die lange Fahrt ist entsprechend kurzweilig.

Ansonsten gilt "Transparenz" hier als ein westliches Modewort. Genauso wird man mir es hier in den kommenden Tagen erklären. Auf meine Frage nach all den Baustellen, Stadionbauten et cetera, die hier in Vorbereitung auf das Großereignis entstehen – und von denen Experten sagen, dass dabei zur Hälfte in die Tasche lokaler Baulöwen gewirtschaftet wird.

Der – geographisch gesehen – größte Flächenstaat Europas ist gleichsam der korrupteste auf dem Kontinent. Ähnlich mies verhält es sich mit der Pressefreiheit, die hier stark eingeschränkt ist. Die Ukraine rangiert auf Platz 131 (und damit noch hinter dem Irak) der Liste der Pressefreiheit, die von „Reporter ohne Grenzen“ jährlich veröffentlicht wird. Das spüre ich in zahlreichen Interviews. Da wird mir bei einer einzelnen Frage zu einem schwelenden Korruptionsskandal gleich „mangelnder Respekt“ vorgeworfen – und mit einem ukrainischen Gerichtsverfahren gedroht.
 

Nezelzhnosti majdan
Ein weiteres Fremdwort ist „Demokratie“. „Damit könne doch die Mehrheit der Menschen überhaupt nichts anfangen“ (Foto: Olaf Sundermeyer)
Romantische Erinnerungen an eine vermeintliche Revolution


Ein weiteres Fremdwort ist „Demokratie“. „Damit könne doch die Mehrheit der Menschen überhaupt nichts anfangen“ – kriege ich zu hören. Zum Beispiel auf dem Nezalezhnosti majdan, dem Platz der Unabhängigkeit, wo ich die Rolltreppe nach oben nehme – und wo sich vor einigen Jahren noch die so genannte „orangefarbene Revolution“ mit einem emotionalen Massenevent angekündigt hatte.

Also die Umwälzung der bestehenden Zustände, die zwar angekündigt wurde, tatsächlich aber ausblieb. Längst besetzen die alten Machthaber um Präsident Janukowitsch wieder die Schaltstellen im Land. Von Oben bis Unten.

Der Zentralstaat lebt von einer Vertikale der Macht – die vom Volke getragen wird. Denn, so heißt es auch bei unabhängigen Beobachtern, die Wahl von Janukowitsch im Februar 2010 sei weitgehend frei verlaufen. Ich denke: Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Und schließlich muss sich die Ikone dieser hoffnungsvollen orangefarbenen Episode, die kluge Frau Timoschenko, samt ihrer flachsfarbenen Echthaarperücke, nunmehr vor einem Gericht in der Nähe des Majdan wegen allerlei zwielichtiger Geschäfte verantworten, die sie zu einer der reichsten Frauen im Land gemacht haben sollen. Wo liegt hier die Wahrheit? – oder: bei wem? Ich weiß es nicht.
 

Gleichgültigkeit bei den Expats


Den zahlreichen Expats, die am Abend in den gut frequentierten Restaurants und Bars abhängen, gemeinsam mit den Profiteuren dieses Systems, oder des vorherigen, sind die herrschenden Zustände jedenfalls egal. Die meisten von ihnen machen gute Geschäfte in der Ukraine – oder arbeiten für die zahlreichen westlichen Organisationen, NGOs, Kommissionen etc., die vergeblich versuchen, ihren Exportschlager „Demokratie“ hier an den Mann zu bringen. Diejenigen, die schon länger hier sind, wissen, dass dieses Vorhaben aussichtslos ist. Bis dahin genießen sie den Wert ihrer Nettogehälter, das gute Essen – und den Anblick der Grazien, die in der Ukraine einem identischen Verteilungsschlüssel folgen wie das Geld. Es ist ein reiches Land – nur die Ressourcen sind in den Händen weniger. Die Ukraine ist eine Oligarchie.
 

Schwarze Limousinen vor dem „Le Cosmopolite“


Draußen, vor dem „Le Cosmopolite“, parkt eine Reihe schwarzer Limousinen, vor denen sich breitschultrigen Sympathieträger über Fußball unterhalten. Drinnen gibt’s Crevetten als Vorspeise, dazu süßes belgisches „Leffe“ Bier. „Europa“ ist hier lediglich ein Modewort für guten Stil. Wer etwa seine Bude ordentlich auf Vordermann bringe lässt, veranlasst eine „Europäische Renovierung“. Aber die liberalen Gesellschafts – und Politikregeln der westlichen Freunde, darauf verzichtet man gerne. Hier in der Metropole Kiew dominieren westlicher Stil und östliche Regeln.
 

Titelfoto: Timm Suess




 

So, 05.02.2012 0

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11.02.2010

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