Kein Zufallsprodukt: der RNDM Store in Bochum

Altgediente Szenegänger mögen sich noch an den Rap X Store in Bochum erinnern. Er gehörte in den Neunzigern zu den angesagtesten Läden für Steetwear, Skateboarding und Subkultur mit überregionaler Bedeutung. Der Gründer und Inhaber Martin Magielka lebt noch immer in Bochum und blickt mittlerweile auf eine bewegte Karriere zurück.
Seit mehr als 20 Jahren lebt er Straßenkultur, arbeitete mit internationalen Partnern zusammen, half Nike beim Aufbau ihrer Skateboarding-Linie, entwarf Konzepte für Läden und Labels und kennt die großen urbanen Zentren. Ich traf ihn im neuen RNDM (sprich: Random) Store in Bochum Ehrenfeld und sprach mit ihm über seine Projekte, die globale Streetwear-Kultur und die Kulturhauptstadt.

Eine Kundin mit ihrer kleinen Tochter stöbert gerade durchs Sortiment aus Vintage Streetwear, als ich den Laden betrete. Martin, ein Typ im mittleren Alter, Dreitagebart, ganz leger in schwarz mit Bommelmütze, quatscht mit einem Bekannten im „Büro“, das nur lose von der Ladenfläche getrennt ist.

Random steht für das Zufällige, wir bekommen unsere Sachen von Freunden aus der ganzen Welt. Das sind Streetwear-Perlen aus ihren Schränken, hier hängt alles von Kult bis schön“, erklärt Martin mir erstmal das Konzept von RNDM, während er draußen eine Zigarette raucht. „Es geht uns nicht darum, T-Shirts von der Stange zu verkaufen, sondern das Beste aus 30 Jahren Streetwear.“ In der Tat – Sammler bekommen große Augen, wenn ihr Blick auf Sneakers aus den Achtzigern, Oldschool-Shirts von Grafitti Artist Futura, limitierte Auflagen und Einzelstücke fällt. Die Idee zum Laden entstand im August 2009. Nachdem Martin und seine Frau Sara mit ihrem Büro in die Alte Hattinger Straße 29 gezogen waren, veranstalteten sie nebenan in einem leerstehenden Ladenlokal einen kleinen Sale. „Daraufhin standen plötzlich immer wieder Leute im Büro, schauten sich um und wollten Sachen kaufen.“ Kurzerhand wurde der Büroplatz halbiert und der Shop eingerichtet. „Die Freelancer müssen jetzt von zuhause arbeiten“ bemerkt Martin amüsiert. Ach ja, richtig – hier im Laden entsteht auch das Magazin Streetwear today, in dem Martin und Sara vierteljährlich unter einem bestimmten Oberthema über die neuesten Trends, Labels und Hintergründe in Streetwear und Urban Lifestyle informieren. „Es gibt einige Leute, die uns zuarbeiten, aber den Großteil machen meine Frau und ich selbst“ meint Martin und zeigt mir die Redaktion – mehrere große, alte Schreibtische, voll mit Unterlagen, Computern und Kram. Kreatives Chaos.

Die Kundin mit ihrer kleinen Tochter fragt nach einer Umkleidekabine, doch es fehlt noch ein Vorhang. Improvisiert und zusammengeworfen, doch irgendwie charmant, wie der Rest des Ladens. Wir bewegen uns der Diskretion halber in den vorderen Teil und setzen unser Gespräch zwischen Kangol-Caps, Stüssyshirts und Nike Airs fort.

Neben dem Shop und dem Magazin entstehen hier auch die Ideen für die Ausstellungsreihe „untitled“, mit der Martin bereits in der ganzen Welt Erfolge feierte. „untitled“ stellt die Künstler und Geschichten hinter den Streetwear-Produkten in den Vordergrund. „Nimm zum Beispiel Skateboarding“, erläutert Martin, ganz in seinem Element, „jeder kennt die Fahrer und ihre Motive – aber wer kennt schon die Künstler, die sie entwerfen? Mit Schuhen, Shirts oder Basketbällen ist es dasselbe. Wir wollen anhand des Produktes die Künstler und deren Background einem größeren Publikum vorstellen.“ Zu den Ausstellungen gibt es liebevoll gestaltete Bücher, die mit Features, Interviews und Bildern weitere Hintergründe liefern.

Aber wir wollen ja auch über die Kulturhauptstadt sprechen. Warum er überhaupt noch in Bochum ist, frage ich Martin, wo er doch mittlerweile in der ganzen Welt sein könnte. „Ich bin Bochumer, habe Bochum nie verlassen. Und ich bin sowieso ständig in der Welt unterwegs. Hier habe ich den Laden, was eher ein Hobby und Nebenverdienst ist, und hier arbeite ich eben“ antwortet er. Die Kulturhauptstadt sieht Martin allerdings eher kritisch: „Da fließen viele Gelder, aber oft kommt bei denen, die streetculture an der Basis aufbauen, nix an. Auch städteplanerisch gibt es im Ruhrgebiet teilweise vieles aufzuholen. Bochum zum Beispiel ist für größere Labels momentan kein attraktiver Platz um einen Store aufzumachen.“ Was der streetculture-Veteran sich wünscht, ist eine stärkere alternative Szene, die blüht und zusammenwächst – und dafür braucht es seiner Meinung nach mehr Unterstützung von den Institutionen, auch für Straßenkultur. „Wenn ein Viertel entstehen soll, muss von den Städten Unterstützung kommen – sonst schießt man sich selbst ins Bein, dann gibt es Leerstände und der Umsatz fehlt.“ Er muss es wissen, schließlich bewegt er sich seit Jahren auf internationalem Parkett und weiß, wie in London, Tokio, Paris und New York Projekte organisiert werden. Die Unterstützung kann vielfältig ausfallen, erklärt Martin dann, angefangen von der Aufwertung der Infrastruktur über mehr Freiheiten bei der Umsetzung von Ideen bis zu größerer Experimentierfreude bei der Vergabe von Förderungen. „Ruhr.2010 darf nicht bedeuten, dass wir ein Jahr lang uns selbst feiern.“ meint er. Und er hat ja recht – es gibt noch viel zu tun.

Die Kundin mit ihrer Tochter verhandelt hart um den Preis für ein Top und ein Spielzeug für die Kleine und ich schaue mich noch einmal im Laden um. Es ist ein mit Liebe erschaffener Mikrokosmos der streetculture, ein Knotenpunkt, in dem viele Projekte und Netzwerke zusammenlaufen, die die urbane Kultur formen.

Fotos: Sven Neidig

Do, 21.01.2010 0

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19.01.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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