Kein Verlangen - keine Geschichte

Ein Interview mit Julien Rouyet, aufgezeichnet von Tamar Noort.


Wie ist die Idee zum Film entstanden?

Zunächst war die Idee eher vage. Es fing damit an, dass ich mich in die Figur Stephanie hineingefühlt habe, ihre Gesten, ihren Gang, ihre Stimmung. Ich stellte mir eine junge, unabhängige Frau vor, die nicht leicht zu fassen ist, die ständig auf der Suche nach Freiheit ist. Dann erkannte ich, was Thema meines Films sein sollte: die Gefühle, wie Unterdrückung und Entfremdung, die auftauchen, wenn jemand aus seinem eigenen, privaten Umfeld verdrängt wird. Ich wollte, dass Stephanie sich von ihrem Umfeld befreit und eine neue Welt erobert. Wie in einem Western!

Einen Ort zu haben, den man Zuhause nennt, ist in Deinem Film aufs engste verbunden mit Identität. Wie wichtig war Dir diese Verbindung?

Jeder Mensch braucht ein Zuhause. Das ist eine Frage von Stabilität und Sicherheit. Gleichzeitig wollen wir aber auch all dem entfliehen, wir wollen unser Umfeld loswerden, um die Person zu werden, die wir schon immer sein wollten. Deshalb integrieren wir uns in ein Umfeld, das zu dieser Wunschperson passt. Wir spielen die Rolle unserer Wunschidentität. Und so werden wir immer mehr zu dieser Person.

Stephanie ist zu schwach um ihre eigenen Eindringlinge abzuwehren, jedoch stark genug, um selbst zum Eindringling zu werden. Lebt Stephanie zwei verschiedene Leben – in zwei verschiedenen Welten?

Ja, der Film basiert gänzlich auf der Idee eines doppelten Lebens und eines doppelten Universums. Das „wahre“ Leben von Stephanie, bescheiden und demütig, ist für sie eine Qual. Dieses Leben ist die dramatische Seite der Geschichte. Das „fiktive“ Leben, das Stephanie sich zulegt, indem sie die Rolle der Hauseigentümerin spielt, hat auch komischen Charakter. Es ist ein Spiel, doch Stephanie glaubt fest daran. Sie lebt nicht in der Realität, sondern in ihrer eigenen, verrückten Welt. In dieser Welt wird sie getrieben von dem starken Verlangen, sich aus den Fesseln ihres alten Lebens zu befreien.

Ist sie Opfer oder Täter in diesem Film?

Sie ist Täterin. Denn ihr Verlangen nach Freiheit geht weit über die Inbesitznahme ihrer eigenen Wohnung hinaus. Ich habe mir die Invasion der Typen in ihrem Apartment als eine Art Katalysator vorgestellt. Der ganze Film lebt von diesem Verlangen nach Freiheit. Kein Verlangen – keine Geschichte.

Am Ende stellt Stephanie fest, dass das eroberte Leben alles andere als perfekt ist. Warum gibst Du dem Zuschauer am Ende diese Botschaft mit?

Ich finde sie extrem wichtig. Erstens, weil Stephanie so wieder zur Selbstreflektion fähig wird. Sie erkennt plötzlich die Realität ihres neuen Lebens. Das Spiel ist zu Ende, und die Maske der Hochstaplerin fällt von ihr ab. Ich wollte mit diesem Ende aber auch eine politische Konnotation schaffen, ich wollte zeigen, was aus der antibürgerlichen Generation der 70er Jahre geworden ist – vor allem bezogen auf Frauen.

Die Szene, in der Stephanie von der Hausbesitzerin erwischt wird, ist klassisch spannend. Wie hast Du diese Atmosphäre erzeugt?

In Fernsehserien sieht man so oft, dass Spannung künstlich über Musik erzeugt wird – das ärgert mich immer sehr, weil es die Gesetze der Bildsprache nicht Ernst nimmt. In der ersten Einstellung sehen wir Stephanie im Bad, dann hören wir, wie die Besitzerin nach Hause kommt, und die nächste Einstellung liefert das dazugehörige Bild. Ich habe den Aufbau der Spannung hinauszuzögern versucht, indem ich Close Ups aneinander reihe, die den Zuschauer genau so ins Dunkle tappen lassen wie die Hausbesitzerin.

Wie hast Du die beiden Leben der Stephanie inszeniert?

Ich wollte die beiden Leben der Stephanie so unterschiedlich wie möglich aussehen lassen. Deshalb haben wir die Szenen in der Villa am Tag gedreht, vom Stativ, mit sanftem, kalten Licht und präziser Bildgestaltung. Die Szenen in Stephanies Wohnung haben wir nachts gedreht, mit der Handkamera, manchmal sogar ohne richtiges Storyboard. Das Licht ist warm und hart. Wir haben auch jeweils die Tonart gewechselt: von Dur in der Villa zu Moll in Stephanies Wohnung.

Du hast mit Julia Perazzini schon vorher gearbeitet. Wußtest Du schon beim Schreiben, dass sie diese Rolle spielen sollte?

Ja, ich hatte sie im Kopf, während ich das Drehbuch schrieb. Wenn ich nicht weiterwusste, habe ich mir vorgestellt, wie sie sich in einer Szene verhalten würde, und ich habe an diese besondere Energie gedacht, ihre Art zu sprechen und ihre Gestik. Und dann glaubte ich plötzlich wieder an den Film. Ich war also eigentlich sicher, dass sie die Rolle spielen würde. Das Casting haben wir nur gemacht, um Bestätigung zu finden für meine Intuition.

Was gefällt Dir an der Arbeit im kurzen Format?

Das ist schwer zu sagen. Ich mag solche Kurzfilme nicht, die immer eine kleine Geschichte erzählen, die eigentlich nicht mehr ist als ein Witz. Ich nehme einen Kurzfilm genauso ernst wie einen langen Film. Die Kürze zwingt natürlich dazu, besonders effektiv und intensiv zu sein. Mit Kurzfilmen kann man außerdem auf Festivals sehr erfolgreich sein – allerdings machen Filmemacher nur dann wirklich Karriere, wenn sie auch Langfilme machen.

Mit diesem Film hast Du Dein Filmstudium abgeschlossen. Wer hat Dich bislang in Deiner Arbeit besonders inspiriert?

Vor allem die europäischen Filmemacher der 60er und 70er Jahre haben mich so sehr beeindruckt, dass ich selber Filme machen wollte. Vor allem Sergio Leone, aber auch Dario Argento und Marco Ferreri. Im Moment bin ich fasziniert von Robert Bresson. Natürlich wegen seiner Filme. Aber auch, weil er so ein Extremist war. Er wollte zurück zur reinen Filmsprache – und er wollte alles eliminieren, was in seinen Augen nicht kinematographisch war. Das implizierte auch die Schauspielerei. Mir fehlt heutzutage diese radikale, kritische Geist, den ich in den Filmen der 60er und 70er Jahre so bewundere.

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Fr, 19.02.2010 0

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