Sebastian Kardel: flow experience (c) Foto Caravante

Kabinett der Effekte im Dortmunder U - Ausstellung zu sehr für den Kopf

Eine Etage zwei Konzepte

Ein gutes Beispiel sowohl für die Koordinations- und Kommunikationsschwierigkeiten des Dortmunder U wie auch für die Qualität der Kunst dort ist die erste Etage des U-Turms. Dort zeigen TU und FH Dortmund gerade in zwei sehenswerte Ausstellungen Kunst, die vermutlich wieder nur ein paar hundert Menschen sehen werden.

Auch diesmal wird das nicht nur an der (nicht vorhandenen) PR-Arbeit des U liegen. Dass das U nicht aus den Schlagzeilen kommt, hat natürlich mit dem empörend falsch berechneten Geldbedarf für Bau und Unterhalt zu tun und der damit einhergehenden Wurschtigkeit, mit der das politisch begleitet wurde. Am meisten überregionale Presse bekam das U leider, als die Putzfrau im Museum Ostwall den Kippenberger wegwischte.

Trotzdem: An der Qualität der gezeigten Kunst scheitert das U gewiss nicht. Wenn 100.000 an einem Wochenende (!) zur Eröffnung eines dusseligen Shopping Centers nebenan pilgern und zur gleichen Zeit 100 ins U, dann ist das schade, aber die Realität. Da hilft nur beharrlich weiter gute Ausstellungen zeigen. Das zumindest klappt auf allen Etagen des U gut.


 

 

In intransparenten Intervallen gut
Leider war auch die erste Etage der TU und FH Dortmund in den vergangenen zwölf Monaten in nicht durchschaubaren oder irgendwie öffentlich erkennbaren Intervallen geöffnet und geschlossen. Wenn geöffnet war, gab es aber meist überraschend zeitgenössische und mitunter hervorragende Kunst zu entdecken. So auch jetzt in gleich zwei Ausstellungen: Dem „Kabinett der Effekte“ der FH im Rahmen des Scenographers Symposium, sowie der Schau „Flächen“ der nicht mehr ganz so jungen, lehrenden Künstler an der TU.

Zwölf Installationen von Video und „Hörbild" über Computerspiel bis Lichtkunst sind in einem zusammenhängend gestalteten Parcours im „Kabinett der Effekte“ zu betrachten. Noch bevor man die Kabinette betritt, fällt ein runder Tisch am Eingang mit leeren Bilderrahmen und Kopfhörern auf.

Zu sehen ist nichts, zu hören sind Bildbeschreibungen: Grundidee ist der nicht gerade taufrische Gedanke „Kunst entsteht im Auge des Betrachters“. Überraschend lediglich, dass keine Kunst, sondern tief ins Bildgedächtnis eingesunkene Fotografien aus Kriegen des letzten Jahrhunderts nüchtern beschrieben werden. So z.B. das nackt flüchtende, von Napalm verbrannte vietnamesische Mädchen. Diese recht verkopfte Idee setzt den Ton für weite Teile der Ausstellung.


Vom Hinsehen und Hinhören
Zu Beginn der Kabinette zeigt Georg Rothe von innen beleuchtete und mit Schattenrissen von Baumwipfeln beklebte Würfel („Cube Affektionseffekte“). Sie werfen Schatten und Farben ganz ohne Kontextzwang in den Raum, wirken zugleich faszinierend und gespenstisch wie die Schatten eines Waldes im Vollmondlicht. Gelungene Affektsteuerung, diesmal ohne Überbau.

Das Werk „Austerlitz“ im nächsten Raum huldigt mit Video, Ton und Text der Adaption des grandiosen Romans gleichen Namens von W.G. Sebald. Kunst-über-Kunst-über-Kunst: vom Roman zum Theaterstück zu dieser Dokumentation der Pläne für eine zukünftige Inszenierung. Ob das geplante Stück dem Buch über die Identitätsfindung eines Holocaustflüchtlings wird genügen können, ist nicht recht zu erkennen. In jedem Fall gelingen schon Andeutungen von Melancholie und Verlorenheit der Hauptfigur.

Wie in den Urzeiten der Medienkunst interaktiv, also den Besucher einbeziehend, ist das Werk „flow experience“ von Sebastian Kardel. Mit „flow“ ist hier jener Geisteszustand gemeint, in dem alle Gedanken zugleich konzentriert und frei in Fluss geraten und z.B. Kunst schaffen. Drei hintereinander gehängte und mit Lichtmustern beleuchteten Gazestoffe ermöglichen dem Besucher mithilfe eines Trackpads die Linien zu verändern und von Tönen begleitet zu steuern.

 

Viel Kognitives

Ein Stück weiter trifft der Besucher auf das „Justforandy“-Youtube-Projekt, über das wir bereits ausführlich berichteten. Von dem Medienkunstprojekt im Internet ist nur noch ein Monitor im Müllhaufen und ein Poster übrig - zusammengefegt „nach dem Sturm“ gewissermaßen. Manche Dinge leben nur im Netz.

Insgesamt ein Zuviel von Theorie und Konzept bei zu wenig künstlerischer Sinnlichkeit in dieser Schau: Die Arbeit „In Memoriam“ soll eine Art Gedenkstätte zum Tod der „Dauerausstellung“ sein, die Installation „Regoggled“ arbeitet mit Material aus Google Earth, eröffnet aber keine neuen Blicke.

Eine Holzkiste mit angeschraubter Videokamera, die vermeintlich ins Innere filmt. Auf einem Bildschirm daneben glaubt der Besucher es zu sehen. Die Arbeit nennt sich wenig geistreich „Disneyland" und sucht sich mit Baudrillard DEN Denker der medialen Realitätskritik als Paten. Wenn der Blick direkt in die Kiste dann dort nur Leere findet, das Bild auf dem Monitor also nichts mit der „Realität" in der Kiste zu tun hat, kommt das Gähnen.

Trotz Schwächen: Insgesamt bleibt es eine ansprechende Ausstellung, die allerdings qualitätiv nicht mit den Werken der Ausstellung „Flächen“ auf der gleichen Etage mithalten kann.

Die Ausstellung ist bei freiem Eintritt noch zu sehen bis zum 15.12.

Sa, 10.12.2011 1

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Kommentare

U-Genörgel

Sehr richtig, Herr Caravante, dem Genörgel hier mal mit breiter Brust entgegenzutreten. Auch ich habe es satt, dass die tollen Inhalte im U in der Öffentlichkeit nicht wirklich stattfinden und die etablierten Medien das U lediglich auf die politisch-polemische Ebene runterziehen. Japanfestival, Re-Rite Projekt, Oil Show (um nur einige zu nennen) waren und sind großartige, engagierte Projekte im U, die sicherlich viel zu wenige Besucher hatten. Das liegt aber auch daran, dass den alteingesessenen Öffentlichkeitsarbeitern nichts anderes einfällt, als auf dem Kostenapparat des U herumzuhacken. Das Rentnerformat Lokalzeit im WDR thematisiert lediglich das "Millionengrab", die machtbewußte WAZ fokussiert sich auf die zu niedrigen Besucherzahlen und auch die es sich in ihrer "Allesdooffinderei" gemütlich machenden Ruhrbarone geben den frechen Projekten im U null Chancen. Das ist langweilig, unfair und man wird den Eindruck nicht los, dass die Alteingesessenen das U eher als Konkurrent denn als tolle Möglichkeit sehen. Warum?

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25.03.2010

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