Juicy Beats 2012 - Hüpfer und Hocker

Verlässlich großartig, gelassen und überraschend

Dass man alt geworden ist, bemerkt man auch daran, sich um den Zustand der Wiesen und Beete im Westfalenpark nach den Juicy Beats zu sorgen. Vor der Hauptbühne sah es jedenfalls am nächsten Morgen aus, als sei ein riesiges Huhn gerupft worden - was der Wahrheit vermutlich recht nahe kommt.

Gedränge gab es in diesem Jahr allerdings kaum, weil aufgrund schlechter Wetterprognosen (Leute, lieber rausgucken als anderen glauben, es war gut!) mit 20.000 ein Drittel weniger Besucher zum Festival kamen. Der Stimmung hat es nicht geschadet. Vor der Hauptbühne mit Headlinern wie Prinz Pi, Casper und Modelselektor boten viele gereckte Arme und hüpfende Menschen genau das Festivalbild, das man von Juicy Beats erwartet. Dass die meisten dabei nicht aus Dortmund kamen, zeigte eine Blitzumfrage von Casper. Die Dortmunder Arme waren auf Nachfrage in verschwindend kleiner Zahl, was entweder für Juicy Beats (viele Besucher kommen von weiter weg) oder gegen Dortmund (faules Pack!) spricht.

 

Nebenbühnen Lücken

Etwas mau lief es auf den Nebenbühnen, wie der recht prominent besetzten und vom FZW begleiteten Energy-Session Bühne: Hier fanden sich trotz riesiger Festwiese und diverser Stände zu sehr unterschiedlichen, nicht immer leichtgängigen Bands wie Beardyman oder dem energetischen, rauen Gitarre-Schlagzeug Duo Two Gallants nur ein paar hundert Leutchen ein. Es spiegelt aber auch die Schwierigkeiten in Dortmund, mit Indie Musik viele Zuschauer zu ziehen. Bei KAKKMADDAFAKKA war die Mischung aus Klamauk und Groove dann so unwiderstehlich, dass es voll wurde und auch mehr als 30 Leute tanzten. Bei Get Well Soon, zum abendlichen Abschluss auf der Bühne, waren sie dann alle da, die Singer Songwriter & Indie Freunde. Zwar war schon gut 50 Meter vor der Bühne so viele Platz, dass man sich melancholisch in Rückenlage bringen lassen konnte von dieser exzellenten deutschen Band, aber wird sich da beschweren wollen?

 

Hüpfmomente bei Shantel und Tanz im Gebüsch
Große Momente bei Shantel & Bukovina Club Orkestar, bei Mr. Big Dj Koze und unserem ganz eigenen Dortmunder Gewächs Sisterkingkong auf den diversen anderen Bühnen gab es auch. Verlässlich gut auch die vielen kleinen DJ Floors: Ob am Wegesrand im Gebüsch mit schwebenden Ballons in den Bäumen wie auf dem großartigen Ostbahnhof „Floor“, der später Indoor zum Nullzweidrei Floor wurde oder altbewährt, verlässlich tanzbar und toll unterm Sonnensegel, wo Ingo Sänger und Gerd Janson eine unwiderstehliche Mixtur ablieferten, die mit einsetzendem Regen und dem Ende der Live Konzerte ab zehn Uhr sehr viele Leute aufsaugte und nicht mehr losließ. Daneben noch House BummBumm am großen See, Break Beats im Grünen und von Trash Pop über Hip Hop, Rare Grooves, Bring your own Beats und der Dortmunder DJ Schule für alle Geschmäcker etwas zu tanzen.

 

Mit der APP ins Kreativ Camp

Auf einem großen Rundgang konnte der Besucher erleben, was Festivaldirektor Carsten Helmich als Konzept auch vorschwebte: Wer nur einen Tag nach Dortmund kommt, kann bei Juicy Beats alle wichtigen Clubs und Orte der Stadt erleben. Mit 25 Partnern ist so ziemlich alles im Fruchtkorb, was in Dortmund Musik und andere Kultur macht.

Dieses Jahr neu: Das DORTMUND.KREATIV.camp, vom Leiter der Wirtschaftsförderung besonders hervorgehoben: „Wir wollen weithin sichtbar machen, dass über 5600 Beschäftige in Dortmund in der Kreativwirtschaft arbeiten und der Spirit von Dortmund ein anderer geworden ist.“ Kohle ade, Hallo Umhängetaschen und T-Shirts mit U Motiv? Nicht nur. Im Camp, bestehend aus einem Dutzend Igluzelten, konnte man sich für das Cover der bald erscheinenden Zeitschrift RuhrGestalten fotografieren lassen, das Salonatelier aus dem Unionviertel bot Kunst an, Form-schlüssig schuf aus Graffiti 3-D Holzskulpturen - in einer Stadt mit langer Street Art Historie ein Volltreffer - und weil Kreativquartier ohne Hipster nicht urban ist, gab es mit Einzig! Bikes schon mal einen Laden für Fixies, DAS Fahrrad für den Hipster.

 

Begegnung mit Musik und Mensch
Carsten Helmich betonte am Abend, dass es Juicy Beats, anders als anderen Festivals, nicht nur um die großen Namen gehe, sondern auch darum, den Besuchern die Chance zu geben, neue Bands zu entdecken. Auch deshalb habe man eine Festival App entwickelt. Die netzaffinen Menschen loben Juicy Beats ohnehin für ihre hervorragende Arbeit im Bereich Social Media. Die neue App zeigte dann nicht nur an, wo man sich gerade selbst befand, sondern auch, wo die eigenen Freunde gerade hüpften oder lungerten und natürlich was auf all den Bühnen gerade musiziert wurde.

Die App und die entspannte Atmosphäre, die vielen Bühnen und Musikstile machen das Festival wie von den Machern gewünscht, zu einem Ort der Begegnung und Vernetzung - für Veranstalter, Künstler und die Besucher. Ob das Kennenlernen beim Bier am Rande eines Konzerts, auf einer Parkbank oder im Backstage „Ruhebereich“ (der Fragen über den Zustand der Rock- und Popmusik aufwarf) stattfand.

Wir habend jedenfalls Bands wie die tollen The Black Atlantic an der Ananas kennengelernt oder die irren Two Gallants aus Kalifornien an den Himbeeren. Wir haben im Gebüsch bei den Johannisbeeren getanzt, und auf Wiesen rumgelungert und unter Betonsegeln Bässe geschluckt, um schließlich, auch ohne App, wieder nach Haus zu finden - spät, glücklich und fruchtig rundumversorgt.

 

Teaserfotos: Simon Bierwald

Di, 31.07.2012 0

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25.03.2010

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