
Hyperschrebergarten does it again!
Juicy Beats 2011 spielte seine Rolle als charmantes Festival gut
- Serie: Ruhr Music
Wolken verhangener Himmel, aber kein Tropfen Regen: Das von der kurzfristigen Absage Beth Ditto’s überraschte Festival Team hatte dann doch noch Grund zur Freude. Und Improvisation gehört bei Juicy Beats halt eh immer dazu. Ein Nachbericht.
Sicherheit und Lockerheit – Die Mischung muss stimmen!
Frittenbude (ausgerechnet) waren für die Gossip-Sängerin eingesprungen, die am Vorabend der Veranstaltung aufgrund familiärer Gründe ihre kurze Europa-Tour abbrechen musste. Und so gab es wehende Antifa-Fahnen und einen Aufruf zum Stopp einer Rechtsausleger-Demo zur prime time auf der Hauptbühne. Das erinnert Pop-interessierte Beobachter vielleicht an Zeiten, als sich explizit links gebende Popbands wie Chumbawamba dem Mainstream vorgeworfen wurden: Was macht so eine Band mit Basswums und sloganhaften deutschen Texten bloß vor so einer großen Menge? Show halt. Rebellionsgesten anbieten. Dafür fehlt es Frittenbude vielleicht an einer gewissen Tiefe, aber darum geht es ja nicht. Vielleicht schafft es Dortmund ja dieses Jahr, solch eine Demo mal wirklich zu unterbinden. Dann ist gut. Alles andere ist doch eher nur Unterhaltung, oder?
Ungewünschte Erscheinungen verhindern war auch Aufgabe sowohl einer verstärkten Ordnungsmacht rund um das Areal (die sich aber meist gut versteckt hielt), als auch vieler neuer Zäune, die das Publikum in diesem Jahr ein wenig mehr als sonst auf vorgegebenen Bahnen hielten. Fast paradox, denn zeigt diese Verknappung des Festivalgeländes vor allem, wie viel Platz eigentlich im Westfalenpark zur Verfügung steht. In Dortmund muss nicht angebaut werden, man kann sich sogar das Absperren von einigen Quadratkilometern leisten. Natürlich kamen dennoch nicht weniger Gäste als sonst.
Bei der Rückfahrt in der U-Bahn („Kontrollierter Zugang!“) wird eine Abiturientin gefragt: „Und, wer war am besten?“ Antwort: „Kraftclub!“ Zu Beginn der Dämmerung am Sonnensegel hatten die „Hives aus Chemnitz mit Art-Brut-Einschlag“ nicht nur schön gezeigt, wie aus all dem Schnelldeutschsprech der letzten Jahre in Kombination mit vielen Pop-Zitaten und einer guten Mischung aus street cred und Stil dann auch noch eine gute Konzertparty entstehen kann – sie hatten auch noch für eine dieser kleinen Anekdoten des Festivals gesorgt: Hatte man während des Gigs eh schon immer das Gefühl, dies sei hier vielleicht die einzige echte Live-Band (spontan, immer im Kontakt mit dem Publikum), eskalierte das Konzept, als die Band einmal plötzlich still wurde. Frage ins Publikum: „Was hast Du? Brille weg?“ Unverständliche Antwort. „Kontaktlinse! Los, alle suchen!“ Nach zehn Sekunden, in der der Kraftclub Daumen drückt, hat das Publikum die Linse gefunden und das Konzert geht weiter. Ganz sicher.
Vielfalt und Stringenz – die Mischung ist doch das Wichtige!
Ein Londoner vermisst britische Bands. Ein Dortmunder den etwas eleganteren neuen Pop-Entwurf. Und so kann natürlich bei Juicy Beats halt nicht alles aufgeboten werden, was die Welt so an Popmusik zu bieten hat, aber doch eine ganze Menge. Beats und Raps mit Slogan-artiger Mitmachstrophe auf Deutsch sind immer noch gern gebucht in Dortmund, aber es gibt halt auch immer die Indie-Ikonen (Notwist, Thermals), die Popmagazin-Schätzchen (Bonaparte, Knyphausen) und kleine und kleinste Entdeckungen von FM Belfast über Golden Kanine bis Norman Palm zu sehen. Kontemplation ist nicht verboten, und so finden sich diese Acts meist eher auf den Areas am Rande des Geländes, so dass auf dem Weg dahin z.B. am See vorbei gerne auch einmal durchgeatmet werden darf. Manchesmal treffen einen Gruppen wie The C.H.I.K. aber auch unvorbereitet wie eine derbe Erscheinung deutscher Katastrophen aus völlig unverhoffter Richtung. Oder Boys Noize bekommen den Abschluss auf der Hauptbühne geschenkt, einfach weil das für manche derbe wummst – und anderen ist das sowas von egal… Geschmack ist für ein Festival so einer Kategorie lange nicht mehr das einzige Kriterium. Es geht, auch wenn es merkwürdig klingt, vor allem um die (Pop-)Lebenswirklichkeit der Kids.
In Bezug auf den Club-Part nach Ende der Konzertphase ist zu sagen, dass Juicy Beats tatsächlich immer mehr Dortmund-Politik zu machen scheint. Von wenigen Ausnahmen abgesehen überwiegen beteiligte Clubs und DJs aus dieser Stadt. Die Zeiten, als sich vor allem Dortmund, Essen und Bochum noch zusammen taten (oder tun mussten?), um ein gewisses Spektrum an elektronischer Tanzmusik zu repräsentieren, scheinen für Juicy Beats vorbei. (Gerüchteweise sollen früher sogar Kölner gut vertreten gewesen sein.) Und so darf auch in diesem Bereich ein wenig etwas vermisst werden. Richtig hart aber ist nur, wenn der Reggae-Floor quasi auf Zimmerlautstärke operieren muss, nachdem der WDR-Mann von der Funkhaus Europa Bühne erst kurz zuvor verkündet hatte, mit Live-Musik sei wegen Loveparade und Lautstärke nun einmal dann und dann Schluss zu machen. Nicht nur dass Logik anders aussieht. Dortmund kann bitte schön auch etwas mehr zu diesem einmaligen Festival stehen (oder einzelne Paragraphenreiter austauschen). Juicy Beats IST seine kleinen Floors, auch wenn manche anscheinend lieber Frontbeschallung all night long in Betonkästen hätten.
Anspruch und Wirklichkeit – die Mischung…!
Wie viele große Festivals ist Juicy Beats ein gewachsenes. Es lebt von dem gelegentlichen Chaos am VIP-Counter genauso wie vom ungezwungenen Streunen durch die Menge an Möglichkeiten, sich die passende Musik zum Moment herauszusuchen. Und wenn die Application mal nicht so funktioniert und es einigen Vollprofis alles nicht verkokst und generalsstabsmäßig genug ist – dann ist das halt Pech. Und zwar für die anderen. Denn Juicy Beats hat, was die anderen zu 90% nicht haben: Eine vielleicht fast aufreizende Entspanntheit, die nach wie vor nicht das Spiel der selbst ernannten Rock- und Technogötter des Festival-Landes mitspielt. Hier kann noch dem Strobogewitter und Soundterror lächelnd die kalte Schulter gezeigt werden, um einem Songwriter aus Viersen zuzuhören – und umgekehrt. Und Trendgazetten-Fashionistas dürfen zwar auch mitspielen, aber nicht alles bestimmen. Gewisse Tendenzen zur Stromlinienförmigkeit sind nach all den Jahren selbstverständlich auch vorhanden, werden sich aber genauso lange nicht durchsetzen, wie der Ursprungscharakter von Juicy Beats erhalten bleibt (und sich die Kontrollfreaks nicht durchsetzen). Insofern ist es jedes Jahr wieder eine schöne Demo für sich, wenn viele, viele Leute diesem einmaligen, im positiven Sinne hyperschrebergärtnerischen Konzept ihre Unterstützung zeigen. Juicy Beats forever!
Daniel Sandrowski (2)
Jens Kobler (2)
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Kleinstädte
"Viersen" war in dem Moment eine Metapher für Kleinstädte im Umland. Konkret für dieses Jahr hätte es z.B. auch "Meppen" treffen können - und dann wäre Norman Palm gemeint gewesen. :)
Music vs. Beats vs. Message
Es war ein gutes Fest, dieser Post ein guter Kommentar dazu.
Und richtig ist, dass das JB keine Tanzveranstaltung von Relevanz mehr ist. Aber immerhin wurde über die Jahre eine relevante Feierei daraus. Mit musikalisch ansprechendem Niveau. Nicht mehr. Aber beileibe auch nicht weniger. Über Inhalte reden scheint mir da fehl am Platze.
Natürlich war das Publikum fragmentiert (bei Notwist standen die in die Jahre gekommenen Indieboys, bei K.I.Z. die Kids). Doch zwischen den Gigs war das Areal bunt, vielfältig, perfekter Mix. Alt und Jung geht anderswo kaum so gut zusammen.
Ach ja: Wer war/ist denn der "Songwriter aus Viersen"?
Romantik-Standort Dortmund
Also, ich hab schon romantischere Bilder gesehen. :) Und das Wirtschaftsunternehmen Beatplantation mit dem künstlerischen Anspruch kann vielleicht auch woanders diskutiert werden. Aber:
Ich schrieb ja, dass Dortmund-Politik gemacht wird. Und das meinte ich durchaus in dem Sinne, dass vor allem diese eine Stadt repräsentiert ist/wird. Weiß gar nicht warum das einen "als Dortmunder freuen" soll. Tanzmusik-künstlerisch bedeutet das auf jeden Fall eine Einschränkung, und umso mehr die Nacht bei JB als "Dortmunder Ding" gesehen wird, umso weniger interessiert es Leute von außerhalb, da überhaupt als einzelne gegen antreten zu wollen. Du wirst keine relevanten Essener, Bochumer, Düsseldorfer und Kölner finden, die sich mit - no offend - tanzmusik-künstlerisch nur im mittleren Durchschnitt agierenden Dortmunder Clubs um die zu vergebenden Plätze balgen. Und viele Gäste gehen halt permanent um 11, 12, 1 Uhr, eben weil nur bedingt mehr (Roman Flügel,...) als sonst in Dortmund üblich zu erleben ist. Das bedeutet nicht dass das Grundkonzept der Vergabe falsch ist, sondern nur die Tendenz, alles durchaus gerne in den eigenen Stadtmauern zu halten. So etwas "passiert" nicht einfach. Was Dich also "freut" beißt sich mit Deiner Beobachtung vom Wirtschaftlichen. Es gibt nicht nur "Mauer um die Stadt" oder "globaler Vollkommerz", sondern viele Grauzonen der (in DO so geschätzten) Sozialdemokratie dazwischen. :D
Zu dem romantischen Bild, das
Zu dem romantischen Bild, das hier gezeichnet wird, möchte ich noch etwas hinzufügen. Es ist zwar richtig, dass die einzelnen Areas in diesem Jahr überwiegend von Dortmunder Clubs gehostet wurden. Was mich als Dortmunder auch freut. Aber dahinter stehen u.a. wirtschaftliche Interessen. Die einzelnen Location bei Juicy Beats werden meist in Lizenz an Subveranstalter vergeben, die dann ihr eigenes Programm dort gestalten. Das heisst aber auch, dass das unternehmerische Risiko, Bezahlung der dort spielenden Künstler usw., jeweils bei den einzelnen Veranstaltern hängen bleibt. Wenn dort Verluste oder nur sehr geringe Gewinne gemacht werden, kann man dies vielleicht noch als Werbemassnahme für den eigenen (Dortmunder) Club hinnehmen. Für Veranstalter aus anderen Städten lohnt es sich schlicht nicht mehr, weder wirtschaftlich noch künstlerisch. Die beatplantation z.B. hat sich nach zweimaliger Beteiligung dieses Jahr bewusst entschieden, nicht zu JB zu fahren.