
John Howkins über die Zukunft der Kreativität
Warum Kreativität keine Innovation ist
Die Leidenschaft für Kreativität und Innovation hat unsere Einstellung zum Lernen radikal verändert – und verändert auch, wie Regierungen funktionieren. Fünfzehn Jahre, nachdem die britische Regierung die Idee der Kreativen Industrie ins Leben gerufen hat, befinden sich viele Länder und Städte ebenfalls im „kreativen Rausch“. Vor kurzem hielt John Howkins, Vorsitzender von BOP Consulting und Gastprofessor an der City University London (uns ebenso Vizedekan und Gastprofessor an der Shanghai School of Creativity) eine Einführungsvorlesung an der City University, in der er einen Einblick in die Themen Kreativität und Unternehmensfelder gab, basierend auf den Erkenntnissen seines Forschungszentrums in Shanghai, und was diese Entwicklungen für die Zukunft von London bedeuten könnten.

Jeder ist kreativ. Kreativität ist für mich ein menschliches Charakteristikum. Sie ist ein Teil unseres normalen Daseins. Man trifft überall auf Kreativität: Entertainment, Geschäftswelt, Software – sie ist überall.
Wirklich?
Jeder wird mit Fantasie geboren und der Leidenschaft, sie auch zu benutzen. Das ist das erste meiner drei Prinzipien der kreativen Ökologie. Die Frage ist, was im Gehirn, im Verstand, passiert. Das zweite Prinzip ist, dass diese Kreativität Freiheit braucht. Wir möchten unsere Ideen ausdrücken, uns an ihnen erfreuen, sie teilen. Wir möchten unsere Beziehung zu Ideen managen und manchmal die Kontrolle über unsere Ideen haben.
Und das dritte Prinzip?
Freiheit braucht Märkte. Also, hier sehen wir dann die Kreativwirtschaft. Wir brauchen Zugang zu Märkten und wir brauchen faire Märkte. Ob Märkte fair sind oder nicht, hängt von acht Themen ab: die Bedürfnisse der Menschen, Management, Wettbewerb und Risiken, Bildung, Lernen, Städte, Digitalisierung, Urheberrecht.
Erzählen Sie bitte mehr über die Bedürfnisse.
Abraham Maslow erkannte eine Hierarchie der persönlichen Bedürfnisse, von Nahrung und Überleben bis hin zu Emotionen und Wissen und Wiederholung und Neuem. An der Spitze seiner Hierarchie stellte er das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Am Ende seines Lebens ersetzte er „Selbstverwirklichung“ durch zwei Bedürfnisse: unser Bedürfnis nach Schönheit, die er das Ästhetische nannte, und unser Bedürfnis nach Wissen, das er das Kognitive nannte. I denke, er hat recht – die Kreativökologie ist zu einem großen Teil angetrieben von unserer Liebe zur Kunst und unserem Wunsch nach Wissen. Manchmal gehen sie Hand in Hand und manchmal gibt es Spannungen zwischen ihnen. So wie Menschen beginnen, diese neuen Bedürfnisse auszudrücken, entstehen Firmen, die diesen Bedürfnissen entsprechen, sie ändern ihre Produkte oder wechseln vom Produzieren in den Dienstleistungssektor. Qualität und Wahrnehmung werden von ihnen mehr betont als Quantität und Preis. Dies bedarf neuer Arten von Management und Führungsstil.
2010 befragte IBM weltweit 1600 Führungskräfte in über 60 Ländern. Ich liebe ihre Schlussfolgerung, dass Kreativität andere Führungseigenschaften aussticht. `Kreative Anführer fühlen sich wohl mit Ungewissheit und Experimenten. Um sich mit einer neuen Generation zu verbinden, sie zu inspirieren, führen und interagieren sie auf ganz neue Art und Weise.’ Das ist eine bemerkenswerte Aussage.
Was ist mit Beziehungen?
Ich war viele Jahre der Leiter einer Filmfirma und es gab eine Zeit, in der ich Pay-TV-Verträge für die Universal Studios überprüfte. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass in der Film- und TV-Branche das Hauptgeschäft darin besteht, andauernd Verträge mit denselben Leuten auszuhandeln. Die Aktiva, Einkünfte, Gewinnspannen und Profite einer Firma hängen komplett ab von der Art der persönlichen Beziehungen, die man braucht, um erfolgreich zu verhandeln. Das hat direkte Auswirkungen auf die Struktur, Mitarbeiteranwerbung, Qualitäten und Vergütungspolitik einer Firma. Die Art des Vertragsprozesses beeinflusst die Art, in der die Firma operiert, mehr als andersherum.
Also liegen die Risiken bei den Kreativen?
Ich denke, Kreativität ist die konkurrenzbetonteste wirtschaftliche Aktivität. Es gibt Geschäftsrisiken und psychologische Risiken. Ideen zu haben, ist ein einsames Geschäft. Es ist eine persönliche Entscheidung – und es ist eine schwere Entscheidung. Manche Menschen genießen das, andere wollen Sicherheit. Meiner Meinung nach, erschaffen die kreativen Menschen, also die erste Gruppe, unvermeidbar eine Ökonomie des Versagens. Menschen versagen viel öfter, wenn sie versuchen, kreativ zu sein, als in anderen Betätigungsfeldern.
Das bedeutet auch, sehr viel zu lernen, oder?
Das tut es – für jeden, und in allen möglichen Wirtschaftszweigen. Lernen ist etwas anderes als Bildung und ist wichtiger. Man lernt aus eigenem Antrieb, eigener Motivation, freiwillig und bis man stirbt. Es ist interessant, Menschen und Organisationen im Hinblick auf ihre Lernfähigkeit zu betrachten.
Natürlich gibt es eine historische Relation zwischen Städten und Kreativität. Aber es gibt auch einen neuen Faktor: das Hauptaugenmerk der staatlichen Intervention, das vorher auf nationalen Regierungen lag, hat sich nun verlagert, von „Was kann Nationalpolitik tun?“ hin zu „Was können Städte tun?“, heruntergebrochen auch auf kleinere Orte, oder Cluster. Auch hin zu: „Was kann der Einzelne tun?“ Nachbarschaft. Netzwerken. Es wird von Individuen an einem bestimmten Ort gehandelt, in der realen und der digitalen Welt. Wir haben wirklich keine Idee, was ein Individuum, das seine eigenen Ideen durchdenkt, frei denkt, tun wird.
Muss der Begriff “Kreativität” neu definiert werden?
Die britische Regierung hat 1997 den Begriff Kreativwirtschaft definiert. Es war eine große Errungenschaft, aber jetzt ist es eher eine unbefriedigende Definition und es halt uns davon ab, zu verstehen, wie Kreativität wirklich arbeitet und welche Art von wirtschaftlichen Aktivitäten daraus resultieren könnten. Ein Grund, warum ich dem Prozess gegenüber skeptisch bin ist, dass es mir scheint, dass wir uns über die Idee der Wirtschaft hinaus bewegen müssen. Kreativität ist eine fundamentale menschliche Haltung. Sie mag eventuell manchmal gar nichts, keine Innovation, oder keinen wirtschaftlichen Nutzen bringen. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, worüber wir sprechen. Kreativität ist persönlich und subjektiv, sie hat einen Geschmack! Also ist sie keine Innovation, weil Innovation objektiv und wiederholbar ist.
Was möchten Sie noch als Letztes anfügen?
Lassen Sie es mich mit Walt Disney sagen: Die Zukunft wartet nicht darauf, entdeckt zu werden. Sie wird erschaffen, zuerst durch Gedanken und dann durch Taten.
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