
J.O.E. & Co.: Kontrolliert offensives Jazzen
Ein Gespräch mit Simon Camatta von der Jazz Offensive Essen und dem Free Essen Festival. (Musiker ist er natürlich auch.)
Jens Kobler: Was ist das Spezielle an Jazz in Essen? Ist die Szene sehr von Folkwang geprägt oder machen alle einfach so "ihr Ding"?
Simon Camatta: Folkwang als Ausbildungsstätte ist ja sehr breit aufgestellt, schon vom Verständnis der einzelnen Professoren her. Natürlich beginnt man dort mit recht traditionellen Vorstellungen von Jazz, aber letztlich geht es dann für alle darum, "ihr eigenes Ding zu machen". So ist Jazz ja auch. Es geht darum, die eigene Form von Stimme, Spielen, Komposition zu finden.
JK: Und das ist dann irgendwann von den Roots des Genres abgekoppelt? Spielt die Frage "Das ist noch Jazz - und das ist keiner mehr" da noch eine Rolle?
Simon Camatta: Das mit den Roots wäre ja dann die Frage, wo man anfängt: Blues, Dixie, Bebop, oder Miles Davis in den 50ern vielleicht? Bei mir persönlich spielt diese Frage keine große Rolle. Aber wenn man sagt "Das ist Jazz!", so als Bezeichnung für eine Art von Musik, dann weist das zumindest schon einmal in die richtige Richtung. "Pop" erklärt ja auch nichts, zum Beispiel. Wenn ich jemandem sage "Ich mache Jazz", dann kann die Person wenigstens schon einmal eingrenzen, was das sein könnte.
JK: Ich habe die Frage jetzt mal von der Musik her angehen wollen, warum wohl nicht so viel Jazzatmosphäre in der Stadt herrscht. Irgendwie heißt es ja immer, Köln z.B. habe es da viel leichter.
Simon Camatta: Nun, das ja schon durch den WDR. Und dort stolpert man ja auch nicht überall über Jazzer. Aber es gibt schon etwas wie das Loft oder den Stadtgarten, was es in Essen nicht gibt. So unfassbar mehr Schnittstellen oder Szenetreffs gibt es in Köln aber auch nicht.
JK: Das ist ja auch immer eine Frage, wie kontinuierlich etwas aufgebaut und gepflegt wird...
Simon Camatta: Der lange Atem ist sehr wichtig, aber so eine Szene zu bündeln ist auch schwierig. Hier würde ein einziger Club kaum genügen, um all die hiesigen Stilrichtungen im Jazz unterzubringen. Die Session in der Lichtburg hingegen ist ja seit vielen Jahren sehr erfolgreich. So etwas funktioniert einfach gut. Und reine Jazzclubs gibt es in der Tat kaum welche, egal wo.
JK: Ist die Jazz Offensive Essen denn Ansprechpartner für z.B. die Stadt Essen in Sachen Jazz?
Simon Camatta: Wir als gemeinnütziger Verein werden gefördert vom Kulturbüro, müssen das Geld aber immer wieder neu beantragen, und das klappt bislang. Anschließend werden dann Verwendungsnachweise erstellt, aber ansonsten machen wir was wir wollen. Bis auf einiges an Logistik von der Stadt ist der Rest eigenständig und ehrenamtlich organisiert. Da ist nicht viel Klüngel mit der Stadt. Und man muss übrigens keinesfalls Mitglied im Verein sein, um Teil der Szene zu sein, spielen zu können oder so etwas.
JK: Ein gutes Stichwort für das Thema "14. J.O.E. Festival vom 22.-24. Januar". Das ist von Dir und Sven Decker federführend ausgerichtet und Dein letztes und sein erstes Festival für J.O.E.. Veranstaltungsort ist wieder das Katakomben Theater im Girardet, wie immer eigentlich außer einmal bei PACT Zollverein und einmal in Werden. Warum immer wieder diese eher kleine Spielstätte? Reicht das?
Simon Camatta: In Werden war das eine größere Spielstätte, aber daher auch mit einem ungleich größeren Aufwand verbunden. Die Halle dort hatte über keinerlei Infarstruktur verfügt und ist auch mittlerweile nicht mehr frei. Die Katakomben haben eine realistische Größe, sind voll und schön eingerichtet und haben ein gutes Umfeld von Parkplätzen bis hin zu fehlendem Ärger mit Nachbarn. Und da du als Ehrenamtlicher auch persönlich haftbar zu machen bist, wenn du dich oder das Potential des Festivals überschätzt, riskierst du dann auch nicht unnötig zuviel.
JK: Mit immer ausverkauften Katakomben lässt sich ja auch vortrefflich kalkulieren. Gibt es eine besondere Empfehlung aus dem Programm für dieses Jahr?
Simon Camatta: Ich persönlich freue mich besonders auf Tyft (Foto unten: J.O.E. Promo). Ein holländisch-newyorker Trio, das zum Abschluss am Sonntag spielen wird. Andererseits kenne ich fast alle Musiker persönlich und freue mich wirklich auf alle. Es ist wieder ein sehr gemischtes Programm geworden, mit regionalen, nationalen und internationalen Acts, jungen und bekannten, mal mehr, mal weniger Mainstream...
JK: Du persönlich stehst diesmal nicht auf der Bühne, dafür aber Künstlerinnen wie Efrat Alony und Angelika Niescier (Foto oben: Promo) und das Brick Quartet. Dein aktuelles Projekt heißt You Are So Me, aber Du hast ja auch noch ganz andere Wurzeln als Musiker...
Simon Camatta: Ich habe sehr lange, und auch parallel zu meinen Jazzsachen, in Rockbands, sogar Hardcore-Bands, aber auch Groove orientierten Bands gespielt. Was übrigens noch einmal zeigt, dass die Grenzen zwischen den Genres sehr, sehr fließend sind. Abschließend kann man vielleicht sagen: Zum Jazz kommen viele Menschen, die Lust auf Improvisation haben - weil der Jazz dem einen sehr schönen Rahmen gibt.
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